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Keine Dummchen

11. November 2010

warpaint teaser

Wer bei dem Bandnamen Warpaint an eine Rrriot-Girlgroup denkt: weit gefehlt. Die Damen aus L.A., die derzeit als Underground-Königinnen durch die Presse geistern, sind zwar alles andere als angepasst, aber haben mich mit ihren psychedelisch-zerbrechlichen Kompositionen auf The Fool erstaunt.

Selten habe ich eine so schnelle Download-Entscheidung getroffen wie bei dieser Band, ein kurzes Reinhören reichte völlig aus, um zu wissen: davon will ich mehr und länger bitte. Beim Surfen durch Zufall bei NME auf die Band gestoßen, hatte ich bei weiteren Pressefotos und dem kurzen Überfliegen einiger Textpassaagen eher eine ungestüme, wilde Girlsband erwartet, ganz in der Tradition von Juliette & the Licks oder den Damenbands, die Thorsten jüngst live erlebt hatte. Selbst bei dem eher hippielastigen Outfit des Quartettes. Da wurde ich noch viel schneller hellhörig, als ich die ersten Klänge aus den Boxen vernahm. Eine Band, die so selbstbewusst fragil klingt und dazu nur aus Frauen besteht, habe ich selten erlebt. Dazu noch in einem Genre, dass ich persönlich nur aus Männerkehle hörbar fand. Ja, Schande über mich, dass ich den New Wave-Zug damals eher verpasst habe und mir nicht mehr im Ohr geblieben ist als The Cure, Depeche Mode oder Joy Division. Weitere 80iger-Reminiszensen sind vielleicht im schwebenden Sound von Dead Can Dance, der damaligen Shoegaze-Fraktion oder den Gitarrenklängen von U2 zu finden – und man kann getrost auf die psychedelischen Momente der 60iger und 70iger verweisen. Dennoch klingen die Hippieladies aus L.A. nicht wie eine Endlosschleife von »Boys Don’t Cry« – wie vielleicht andere Bands, die sich gerne im Post-Punk-New-Wave-Revival platzieren würden.

Warpaint

Sieht aus wie Hippiefolk, ist aber keiner: Warpaint sind derzeit in sämtlichen Musikgazetten vertreten und werden als Undergroundköniginnen gefeiert. (Foto: Warpaint / Mia Kirby)

Warpaint klingen wie der Blick in eine aufgeräumte Unterwassergarage, wie ein weichgezeichneter Flug durch Sommerhippiewiesen (das Video zu »Undertow« hätte nicht passender sein können, siehe Lauschsofa-Kanal) und zugleich wieder düster wie die herannahende Winterdepression. Vielschichtig ist der unverbrauchte Sound vermutlich jedoch nicht auf Anhieb für jeden. Zwischendurch erinnern die Songs auch eher an einen ausgeprägten Jam im verkifften Proberaum. Und das sagt die Band sogar selbst über ihr Debütalbum (Sängerin Emily Kokal hat gegenüber NME erwähnt »Yeah, we definitely recommend listening to the new album after smoking. It’s the best«). Neben einem häufig mehrstimmigen Gesang, der angenehm blubbernd und mit viel Hall versehen eher an meerstimmige Meerjungfrauen denn an Feen erinnert, sind die Songs geprägt von Gitarren, ob akustisch oder elektrisch.

Mit »Set Your Arms Down« beginnt The Fool im glänzenden Gewand der psychedelischen Sechziger, sphärisch mit sicherlich der höchsten Jam-Punktzahl des gesamten Albums ab etwa der Hälfte des Fünf-Minuten-Songs. Den Sound der The Cure-Gitarren nimmt man auch gleich mit in »Warpaint«, allerdings deutlich shoegaziger und mit den ersten feinen elektronischen Finessen, die sich durch das gesamte Album ziehen. Der Gesang klingt glücklicherweise so gar nicht amerikanisch, die Ebenen werden gekonnt übereinander geschichtet, bleiben dicht obwohl sie so zerbrechlich und klar klingen. Bei »Undertow« fühlte ich mich kurz an eines meiner letztlich erworbenen Alben von Hanne Hukkelberg erinnert, mit der ich ja zunächst so einige Probleme hatte. Hätte es auf Anhieb so geklungen wie »Undertow« wär’s vielleicht schneller gegangen. Wieder mal ein Beweis, dass ich für die einfachen Rezepte der Musik wohl schneller zugänglich bin. Aber warum einen aufwändigen Eintopf zubereiten und mehrere Stunden warten, wenn man Hunger hat und gleich eine Portion Nudeln mit Pesto essen kann? Aber natürlich muss auch dieses Essen perfekt schmecken – Warpaint beherrschen ihr Handwerk, insbesondere die Arbeit von Jenny Lee Lindberg an ihrem legendären Rockenbecker-Bass hat mich restlos überzeugt. Mit elektronischen Klängen, einem erneut wavelastigen Bass und Gitarren, die so klingen als hätte Paul „Porl“ Stephen Thompson sie heute programmiert, schwebt man mit »Bees« deutlich im Underground. Allerdings deutlich ausgedehnter als vielleicht gewohnt. Denn oh Wunder: keines der Stücke ist unter vier Minuten, der Großteil tendiert eher gegen fünf. Das wäre mir ohne den Blick auf die Zeitleiste wirklich nicht aufgefallen. Stichwort Gitarreneffekt: seit »Shadows« weiß ich endlich, wozu dieser extreme Chorus-Waber-Effekt wirklich gut ist. Sehr cool ist die Kombination bei »Composure« zwischen Kinderchor, treibendem Bassbeat und Gitarre im klassischen, allerdings zurückgedrehten U2-Delay-Stil. Und dann folgt noch als Überraschung ein durch den Effektfilter geknalltes Drumset. Ein Ende wie ein ausgebrannter Joint bietet der Song außerdem. Mit »Baby« begibt man sich auf The Fool in ein akustisch-folkiges Millieu, ein Hauch von Heather Nova und PJ Harvey am Lagerfeuer liegt hier in der Luft, Gesang in Endlosschleife, der angenehm einlullt. Endlich mal ein Song, bei dem man auch versteht was gesungen wird. Dafür gibt es leider einen kleinen Abzug, dem Download war kein digitales Booklet beigelegt, Texte stehen auf der Website leider auch nicht zur Verfügung. Der tiefere Sinn blieb mir also verwehrt, weshalb er auch keine weitere Berücksichtigung erfährt (Pitchfork befand, dass die Texte vielleicht ein wenig zu gleichgültig rüberkämen).

Warpaint

Unglaublich interessant oder unfassbar langweilig? Die Girlband aus L.A. ist alles andere als eine klassische Mädchenband und kann vor allem ihre Instrumente bedienen. Ob ihr daran Gefallen findet, müsst ihr aber selbst entscheiden ;) (Foto Warpaint / Mia Kirby)

Auffällig, dass die Reihenfolge der Songs gerade nach mehrmaligem Anhören wirklich perfekt gewählt ist. Wenngleich keine Titel auf dem Album zu finden sind, die sofort im Ohr bleiben, so ist The Fool doch unglaublich rund und stimmig. Mit ein paar kleinen Widerhaken hier und da, die für mich auch den Unterschied zwischen »unglaublich interessant und unfassbar langweilig« machen. Kleine elektronische Spielereien, ungewöhnliche Harmoniefolgen gerade bei Songs wie »Majesty«, bei dem die Gitarre erst poprockige Rhythmen und Töne bringt und sich vor allem zum Schluss in fast unhörbare Harmoniekombinationen verstrickt. Der Gesang agiert gerne konträr dazu; Warpaint stellen immer wieder das Gleichgewicht zwischen altbekannt/harmonisch glatt und modern/progressiv her. Der Beat der Songs ist zwischen Postrock und Indie anzusiedeln, nicht aufdringlich aber immer auf den Punkt und ebenfalls mit kleineren, effektvollen Überraschungsmomenten. »Lissie’s Heart Murmur« schließt das Debütalbum, das die Band ganze sechs Jahre nach der Gründung am Valentinstag 2004 vorlegt,  mit sanft-scheppernden Klavierklängen anstelle einer Gitarre, schwebend und schwer zugleich wie der sich zurückziehende Nebel eines verkifftqualmten Proberaums.

warpaint

Schwarz-weiß ist hier nur das Foto: Trotz melancholisch-düsterer Stimmung ist das Debüt von Warpaint deutlich vielschichtiger als reiner New Wave. (Foto Warpaint / Mia Kirby)

Schon wenige Tage oder Stunden nachdem ich Warpaint nun für mich entdeckt habe, plätschern die Meldungen über »Die Indie-Entdeckung des Jahres 2010«, »Platte der Woche« oder »…des Monats«, »Underground-Tipp« nur so herein. Ob das an der Nähe zur Filmszene in Hollywood (Heath Ledger war wohl großer Fan), an der ehemaligen Drummerin und nun Schauspielerin Shannyn Sossamon oder Red-Hot-Chili-Pepper-Gitarrero Josh Klinghoffer liegt…man weiß es nicht. Die Kritiker überschlagen sich und ich find’s trotzdem noch gut, dieses »very stoned«-Album. Mal schauen wie lange das noch kappt, Underground-Tipp zu bleiben und gleichzeitig als CD der Woche und mit großem Artikel bei Spiegel-Online aufzutauchen. Der Sprung zwischen den beiden Aggregatzuständen Indie und Mainstream kann ja durchaus schneller gehen, als man das Debüt oder die CD, die zum Durchbruch geführt hat, zu Ende hören kann (siehe Gossip). Zumindest war ich leider so langsam, dass ich die Damen live nicht mehr erleben kann. Ihr hingegen habt die Möglichkeit, so ihr zu den glücklichen Menschen gehört, die entweder in Frankfurt am Main wohnen oder eine Karte für das Rolling Stone Weekender-Festival ihr eigen nennen (dort spielen im Übrigen auch The Gaslight Anthem, Biffy Clyro, K’s Choice oder Katzenjammer), noch heute und am Wochenende zu sehen.

warpaint the fool

Warpaint

im Web
bei MySpace

Warpaint – The Fool

release date: 24. Oktober 2010

erschienen bei Rought Trade Records (als Download auch direkt über die Website der Band zu bekommen, inHigh-Quality für sagenhaft günstige $ 9,99)

produziert von Tom Biller
gemischt von Andrew Weatherall

Tracklist

1. Set Your Arms Down
2. Warpaint
3. Undertow
4. Bees
5. Shadows
6. Composure
7. Baby
8. Majesty
9. Lissie’s Heart Murmur

Besetzung

Emily Kokal (voc/git), Theresa Wayman (voc/git), Jenny Lee Lindberg (voc/bass) und Stella Mozgawa (drums/keys)

Free-Download

von Undertow bei tonspion.

Termine

11.11. Frankfurt, Brotfabrik
12.11. Rolling Stone Weekender, Ferienpark Weissenhäuser Strand, Ostsee

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