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Und das Lamm schreit…

29. Oktober 2010

Wirrhaar ade, Scheitel tut weh? Theo Hutchcraft und Adam Anderson machten sich nach langer Erfolglosigkeit geschniegelt und gebügelt unter dem Namen Hurts auf, die Welt der Popmusik zu erobern. Und haben das vorerst auch fulminant geschafft. Zu Recht? Oder heißt es »Hurts? Aua!«?

Hach ja. Ich hab’s mir nicht leicht gemacht mit dieser Platte. Wie Jule einst bemerkte, ist es ja so eine Sache mit Vorschussbrom…äh…lorbeeren – manchmal scheint der Weg zur »Goldenen Himbeere« gar nicht so weit. Jedenfalls waren die Vorab-Kränze im Fall des Debuts von Hurts recht groß. Bzw. schürten die Mächte des Marketing große Erwartungen. »Eine neue britische New Wave-Sensation«, »die neuen Pet Shop Boys« und ähnliches ließ man verlauten, manchmal konnte man schon fast meinen, die Rettung der Popmusik stünde kurz bevor. Nun, angesichts dessen was sich in den letzten Monaten oft in den Charts so tummelte, könnte man auch Karl Kraus zitieren: »Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.« ;-)

Doch gemach, gemach – so hart möchte ich mit Hurts gar nicht ins Gericht gehen. Bekanntlich habe auch ich mit Spannung das Erscheinen von Happiness erwartet. Denn die erste erhältliche Single »Better Than Love« hat mich schon irgendwie gepackt, mit den ebenso bekannten Einschränkungen in Form des leicht frenchhousenden Choruses – aber ansonsten fühlte ich mich schon etwas an alte Heroen wie Depeche Mode erinnert. Und soviel lässt sich auch mit Sicherheit sagen: es achtzigert mächtig auf dieser Scheibe. Immerhin das.

Haben wahrlich keinen Grund (mehr) geknickt zu sein: Theo Hutchcraft und Adam Anderson © Sony Music

Der Opener »Silver Lining« beginnt zunächst mit einer recht undergroundigen Bassline – das hält aber nur gute 12 Sekunden. Dann ward sie nicht mehr gesehen und gehört. Es folgt lupenreine 80er-Soundästhetik à la Falco’s »Jeanny« – was nicht schlecht ist. Ich mag das ja ganz gern. Im weiteren Verlauf schaukelt sich die Nummer hoch zu pathetischem Bombast-Synthpop, der fast alles auffährt, von orchestralem Chor bis Mandolinenorchester. Was ich per se auch nicht verurteile. Muse z.B. dürfen das ja auch irgendwie, finde ich.

Es folgt das mittlerweile allseits bekannte »Wonderful Life«. Wie ich auch schon bereits erwähnte, timbalandet es mir etwas zu arg – aber ich gebe zu, dass dieser Track etwas hat, dem man sich nur schwer entziehen kann. Was für die Melodik des nächsten Tracks »Blood, Tears And Gold« auch zu 100% zutrifft. Allerdings ist von undergroundiger Kewlness hier gar nichts mehr zu erkennen, hier hat man doch gaaaanz tief in den Schmalztopf gegriffen. Doch in den passenden Momenten kann man sich dem ruhig mal ergeben, gebe ich zu. Die König-Der-Löwen-Synthie-»Bachtrompete« am Ausgang des Breaks hätte man sich trotzdem besser verkniffen. Mit »Sunday« wildert man dann ganz frech im Killers-Revier, aber Hallo! Wer deren »Human« womöglich so langsam schmerzlich vermisst im Einheitsradio, wird mit diesem Track adäquaten Ersatz bekommen. Bei den nächsten Songs erscheint mir unweigerlich Donald-Duck…äh… ich meine Til Schweiger (wie komme ich nur auf Donald Duck? Komisch…) vor dem geistigen Auge – schade, dass er gerade kein »Fünffinger-Faultier« oder Ähnliches am Start hat, »Stay« und »Illuminated« wären der passende Soundtrack dafür. Obwohl im Falle von »Evelyn« melodisch etwas schwächer, fühle ich mich bei diesem Track oder auch beim darauffolgenden »Better Than Love« mehr zu Hause: bisschen düsterer, bisschen rockiger. Auch wenn man im Chorus von letzterem nochmal – Achtung, gefährlich! ;-) – bei den Killers stibitzt. Im Verse jedenfall geht Hutchcraft auch mal etwas aus sich heraus und offenbart Facetten, die sonst nicht in Erscheinung treten. Das Duett mit Kylie (heißt sie jetzt eigentlich noch mit Minogue oder nur noch ohne? Egal, wir wissen, wer gemeint ist…), »Devotion« hinterlässt mich jedoch wieder ratlos(er): bin ich am Anfang und auch bis zum Ende des Breaks nach dem ersten Chorus noch dabei, wird es mir dann schlagartig irgendwie wieder zuviel. Oder zuwenig. Hätte man Schmalz und Pathos bis ins Groteske überhöht, wäre ich evtl. noch dabeigeblieben, so verliert es sich meiner Meinung nach allerdings in Beliebig- und Belanglosigkeit. Ein Schicksal, das der vorletzte Song »Unspoken« teilt. Viel wird aufgefahren und zu einem gigantischen Soundgetürme vermengt – jedoch ohne eine Emotionalität wie z.B. bei Ultravox‘ »Vienna« zu erreichen.

Der Schlusstitel »Water« badet dann förmlich in 80er-Hall. Auch hier haben wir wieder eine gute Chorushookline, und wäre man bei Piano und dezenteren Streichern geblieben und hätte Hutchcraft mehr emotionale Tiefe, dann…ja dann hätte das vielleicht was werden können. Wenn dann aber noch die volle Streicherbreitseite einsetzt, kommt’s mir so ziemlich hoch – nämlich die Erinnerung an klebrige Air Supply-Nummern. Puuhhh… Dranbleiben nach »Water« lohnt sich insofern, dass da noch was kommt. Was – dazu sag ich jetzt mal nix. Nur soviel: ein zweites »Better Than Love« ist es nicht. Hach ja.

Zumindest outfitmäßig treten sie das Erbe von Robert Palmer an: Hurts © Sony Music

Unlängst waren Hurts ja auch zu Gast beim SWR3 New Pop-Festival im beschaulichen Baden-Baden, dem man – wie ich – zum Glück per Webcast beiwohnen konnte. Zunächst wurden sie von der sprechenden SWR-Frisur und öffentlich-rechtlichem Mario-Barth-Ersatz Pierre M. Krause zum launigen Interview empfangen und Theo Hutchcraft von diesem für seine Deutschkenntnisse gelobt. Stimmt, viel schlechter als das Englisch von Krause ist es echt nicht. Und ganz ehrlich: sympathisch sind Hurts in jedem Fall. Vor allem Hutchcraft machte entgegen dem ersten Eindruck einen wirklich sehr humorvollen und gar nicht leidtriefenden Eindruck. Und wirkte auf mich auch seltsam subversiv. Aber dazu später mehr. Es folgte ein kurzer »Unplugged«-Auftritt, bei dem Anderson ungewohnt die Akustikgitarre bediente. Das begleitende Playback führte den »Spontan-Unplugged-Session«-Gedanken allerdings ad absurdum und konnte es auch nicht wirklich rausreißen. Ja, war nett, aber keine Sternstunde. Aber vielleicht sollte die ja noch kommen beim anschließenden Konzert im Opernhaus.

Neben Hutchcraft am Mikrofon und Anderson an einem im flügelartigen Gehäuschen liegenden Keyboard bestand die Besetzung dort aus einem Schlagzeuger, einem weiteren Keyboarder (der neben dem Playback die Hauptarbeit zu erledigen schien) und einem in Frack gewandeten Operntenor als Backingvocalist, der die ganze Zeit über regungslos und martialisch-breitbeinig wie ein Türsteher hinter seinem Mikroständer stand und sich hin und wieder einen abknödelte. Als Effekt wie auf der Platte bei »Sunday« ist sowas ja ok, aber als einzige Backing-Lösung bei einem Live-Gig? Sorry, aber ich kann sowieso nicht verstehen, was manche Leute immer so »toll« und »großartig« daran finden, wenn opernhafte Stimmen wie Josh Groban oder – noch schlimmer – diese ganzen Tenor-Boybands schöne Popsongs verhunzen. Von »Show« kann man im Grunde nicht sprechen, vielleicht eher von Darbietung. Anderson drückte mit seltsam staatstragender Miene ein paar Akkördchen (hätte er doch wenigstens mal ab und zu zur Gitarre gegriffen!) und Hutchcraft bewegte sich nämlich ebenso wie der Knödler kaum hinter seinem Mikroständer hervor. Und scheint leider nur über eine einzige Geste zu verfügen, nämlich die rechte Hand gen Himmel zu…ja, »recken« kann man nicht sagen…»heben« (war der Anzug zu eng?) – und mit den Fingern zu wackeln. Was einerseits seltsam unbeholfen und zugleich merkwürdig skurril wirkte. Und angesichts des spitzbübischen Grinsens auf Hutchcrafts Gesicht keimte in mir mehr und mehr eine Vermutung auf: meinen die das am Ende alles gar nicht ernst, sondern sind in Wirklichkeit von der Titanic bzw. einem britischen Pendant? Man weiß es nicht…irgendwie hatte das alles etwas unfreiwillig Komisches an sich. Oder es ist echt alles nur Satire und britischer Humor. Hutchcraft wird ja auch nicht müde zu betonen, dass sie gar nicht so ernst seien wie man ihnen immer unterstelle. Ich glaub ihm das.

Befremdlich wirkte auf mich auch das anwesende Publikum – irgendwie entsprach es genau dem, was ich mit Baden-Baden so spontan in Verbindung bringe. War das hier überhaupt das New Pop-Festival? Vielleicht waren das auch die Gedanken, die Hutchcraft beim Blick in den Saal durch den Kopf gingen… Ich meine jetzt gar nicht mal die Altersstruktur, die bei solch starken Achtziger-Reminiszenzen durchaus auch nach oben tendieren kann. Sondern vielmehr das Gebahren des Publikums. Der Vergleich wird immer unpassender, trotzdem: auch auf einem Depeche-Mode-Gig z.B. werden sich keine Pogo-Exzesse abspielen, aber dieses müde Geschunkel hier… Velleicht tummeln sich sonst beim Hurts-Konzert auch eher sämtliche Fans, die man zu diesem Zeitpunkt nur im Chat erleben konnte? Ich wünsche es Hutchcraft und Anderson. Aber das nur mein Eindruck von der Bildschirmloge aus. Wirklich schlimm wurde es jedenfalls nach der Übertragung des Konzerts, als eine Runde SWR3-Redakteure…Moderatoren…oder was auch immer sich gegenseitig zum Thema Hurts »interviewten«. Das war Musikjournalismus von Feinsten! Und mir wurde wieder klar, warum ich seit gut 15 Jahren kein SWR3 mehr ohne Kopfschmerzen hören kann…

Ich schweife ab. Jedenfalls ging alles ganz schnell. Nach etwas über einer halben Stunde war der Gig nämlich schon vorbei – kürzere Auftritte macht wohl nur Axl Rose. Oder Jerry Lee Lewis, wenn er wieder mal keinen Bock hat. Was faselte einer der »Experten« hinterher auf dem Sofa? »Ja…junge Band…die haben noch nicht soviel Material…« Ach, Blödsinn! Also bitte, gerade im Bereich Electronic/Synthpop/etc. wäre es doch ein relativ leichtes, von den Songs etwas verlängerte oder erweiterte Live-Edits zu machen. Oder man bringt noch eine Coverversion. Ganz ehrlich: ich war echt froh, für diesen Mini-Gig kein Geld ausgegeben zu haben, geschweige denn extra nach Baden-Baden gegurkt zu sein. Die knappe Stunde vor dem Bildschirm hocken war genug.

Bei aller »Leidensfähigkeit« – zumindest im Interview gehen Hurts nicht zum zum Lachen in den Keller © Sony Music

Zurück zum Album und der allgemeinen Kritik an selbigem. Kann man Hurts einen Vorwurf machen? Nun, sollte die gesamte Hintergrundgeschichte der Band stimmen (Hutchcraft und Anderson haben nach langen Jahren Arbeits- und Perspektivlosigkeit und miesen Aushilfsjobs die Schnauze langsam voll) und nicht in der Marketingabteilung von Sony Music gehinterzimmert worden sein, so kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen und verstehen, dass man Musik macht, die auf Erfolg kalkuliert ist. Hutchcraft und Anderson haben daraus auch nie einen Hehl gemacht und ihre Rechnung ist hundertprozentig aufgegangen. Und es kann eigentlich auch keine/r sagen, er/sie sei nicht gewarnt worden: steht im Booklet doch eindeutig und prominent die Zeile »Lento Doloroso«. Aus ihrem Faible für Disco Lento haben beide nämlich auch nie einen Hehl gemacht. Und es stimmt – neben anfänglichen Assoziationen an große Helden britischen Wave- und Synth-Pops kam mir beim Hören von Happiness nämlich auch noch wer anderes in den Sinn, sozusagen eine Geschmacksleiche aus meinem Keller – ja, ich gestehe, ich besaß tatsächlich mal eine 45er von dem: Den Harrow. Schande über mich. Wie dem auch sei, statt »New New Wave« handelt es sich also eher um eine Wiederbelebung schwülstigen Synthiepops. Tja, insofern sage ich mal hat die Marketingabteilung zumindest für mich falsche Erwartungen geweckt.

Happiness ist voll von Pathos, Leiden (wenn auch zuversichtlichem) und großen Gesten (im übertragenen Sinne, denn real gab’s ja nur eine, s.o.) . Ein grotesk-geniales Niveau von absurdem Größenwahn wie bei Muse’s The Resistance z.B. wird allerdings nicht erreicht. Referenzen an große Helden der (britischen) 80er gibt es einige. Doch Hutchcraft ist leider keine Rampensau wie Jim Kerr oder gar eine Diva à la Holly Johnson. Auch verfügt er weder über die Präsenz eines Dave Gahan, geschweige denn die emotionale Tiefe eines Martin L. Gore. Einzeln mag ich Songs von Hurts durchaus mal hören, doch geballt schwanke ich zwischen »auf-die-Nerven-gehen« und Gleichgültigkeit. Wie gesagt, ich habe es mir nicht leicht gemacht mit diesem Album. Von allem zuviel und doch von vielem zuwenig. Die Songs haben gute, teils auch sehr gute Hooks und sind kompositorisch durchaus wirklich gut gemachte Popnummern. Insofern muss man Hurts schon anrechnen, den derzeit oft melodiös recht…äh…»ökonomisch« gestalteten Chartsinhalten ein deutliches Pendant gegenüber gestellt zu haben. Was die Produktion angeht, hätte ich mir allerdings ein paar Ecken und Kanten gewünscht. Die Verpflichtung der Co-Produzenten zeigt eine deutliche Ausrichtung auf Charterfolge, doch meiner Meinung nach hätte man aus künstlerischer Sicht Hutchcraft und Anderson eher etwas ältere und erfahrenere Produzenten zur Seite stellen sollen. Denn Hurts sind für mich alles andere als Nichtskönner und ich traue ihnen durchaus Potenzial zu. In dieser jetzigen Form klingen Hurts für mich aber leider eher wie eine Retro-Version von One Republic. Der A&R in mir sagt: »Super! So gefällt mir das!« Die Künstler- und Produzentenseele zuckt allerdings mit den Schultern und seufzt…

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Hurts – Happiness

VÖ: 27.08.2010 FOUR Music/Sony Music




















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2 Kommentare leave one →
  1. 30. Oktober 2010 00:15

    „Denn Hurts sind für mich alles andere als Nichtskönner und ich traue ihnen durchaus Potenzial zu.“

    Genau das ist der Punkt und ansonsten kann ich für diesen durchdachten und fundierten Artikel nur danken!

    Ich hoffe, dieser, unser, Gedanke ist berechtigt 8)

    Keine Einwände Euer Ehren – schöner hätte auch ich es nicht zusammen fassen können…

    • 2. November 2010 17:15

      Schankedön! Eine solch positive Kritik meiner Kritik freut mich sehr – umso mehr, wenn sie sogar von »Betroffenen-Seite« aus kommt :-)

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