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Geschwindigkeitsunterschreitung

21. Oktober 2010

Ben Folds

Ben Folds vertont Nick Hornby – Lonely Avenue ist ein Album, dass man sich am besten in Kapiteln anhört.

Wenn zwei sich einig sind, bleibt die Frage offen, was der Dritte unternimmt. Freut er sich an trauter Zweisamkeit, die er beobachten kann oder frustriert es ihn, dass er dabei vielleicht leer ausgeht? Was zunächst klingt wie das »perfect couple« der alternativen Popkultur, lässt uns als Dritten zynisch-unbefriedigt zurück.

Auf das übliche Vorgeplänkel, wie, warum, weshalb die beiden zueinander gefunden haben verzichten wir hier, denn das kann man in sämtlichen anderen Reviews und abgedruckten Pressetexten umfangreich nachlesen. Wir beginnen mit der Freundschaft. Männerfreundschaften sind ja immer was spezielles. Hier streitet man sich im allerhöchsten Fall um Frauen, beim Rest ist man sich meistens einig. Die Ausnahmen der Regel mal unbeachtet gelassen, scheinen sich Ben Folds und Nick Hornby sehr einig gewesen zu sein und die Aufgabenbereiche klar abgesteckt zu haben. Denn hört man sie selbst über das neue Werk Lonely Avenue schreiben oder reden, sind sie voll des Lobes über sich und die Arbeit des jeweils anderen (auch wenn wir hier nicht den Anspruch auf Vollständigkeit haben, das meiste was wir so gelesen haben, klang danach). So war denn vielleicht auch die Vorfreude auf dieses neue Megawerk entsprechend groß. Einen echten Knaller hat man sich im Gehörgang schon vorgestellt, denn was kann alles passieren, wenn zwei für ihre Bereiche genialen Künstler sich zusammentun? Ein Meisterwerk, ein Meilenstein, ein Vorzeigealbum; ach es gäbe so schöne Superlative, auf die wir leider verzichten müssen. Was nicht bedeutet, hier hätte man absoluten Mist veröffentlicht, Lonely Avenue ist im Vergleich zu anderen Popalben schon auf einer anderen Ebene anzusiedeln. Auch was das Packaging angeht (siehe unten). Aber es liest und hört sich an, als ob man das Gaspedal an vielen Stellen nicht gefunden hätte. Immer ein wenig untertourig, man kommt zwar vorwärts, aber bloß nicht zu schnell, nicht zu mutig. Ein cruisendes Album, das man gerne mal überholen würde oder zumindest anhupen. Und das nicht nur wegen der Klorolle auf der hinteren Ablage.

Nick Hornby und Ben Folds

Ben Folds und Nick Hornby – zwei Herren mittleren Alters machen es sich auf dem Sofa gemütlich… © Eamonn McCabe / nonesuch.com

Gemütlich hört man sich Geschichten an über Existenzen, die vom Schicksal gebeutelt sind. Ohne größere Überraschung. Dazu noch leicht plattgebügelt von (zugebenen meisterhaften) Streicherarrangements, die man auf sämtlichen Elton-John-Alben der 70er schon mehrfach gehört hat. Liebte man bei vergangenen Songs, dass Folds eben auch mal im Stehen spielt, mit Hemd aus der Hose, so hat er das bei Lonely Avenue ziemlich ordentlich zusammengeknöpft in dieselbe gesteckt und es sich im Loungesessel zusammen mit Nick und einer dicken Zigarre gemütlich gemacht. Nicht zu vergessen die klassischen Pantoffeln, die vom Golden Retriever genüsslich angeknabbert werden. Ein echtes Familienalbum, wie schön! Mit Geschichten, die das Leben schrieb: vom verkannten Talent eines Schreiberlings – an dieser Stelle sei erwähnt, dass wir uns immer über konstruktive Kommentare und Bewertungen freuen ;) –, vom bedrückenden Sylvesterabend im Krankenhaus, vom ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Politikertöchtern und seinen Auswirkungen, von dem Aufeinandertreffen zweier sehr unterschiedlicher Nachbarn, von zwei höchstkompatiblen Menschen, die nie zueinander gefunden haben, der Liebe zu einer Poetin oder der Hymne auf einen großen Songwriter (Doc Pomus). Im Grunde natürlich Texte und Inhalte, die man sich bei all dem Gaga-Zeug was sonst so läuft immer wünscht. Und die auch wunderschön zu lesen sind. Aber außergewöhnlich? Außergewöhnlich oder besser unerwartet ist es im Falle von Hornby nicht, denn seine Figuren besaßen neben Tiefgang – oder besser gesagt Komplexität – schon immer den melancholischen Moment, der ja gerade so gut zu Ben Folds passt. Vielleicht fehlt uns auch ein wenig der zuweilen sehr böse Fold’sche Sarkasmus, den man auf Lonely Avenue wie die Stricknadel im Heuhaufen suchen muss.

Neben CD und Vinyl ist Lonely Avenue auch in einer sehr hübschen Deluxe-Version erhältlich: mit einem 152-Seiten starken Buch, das neben vier Kurzgeschichten von Hornby auch 15 Photographien von Joel Meyerowitz enthält. Loungechair, Zigarre und Pantoffeln sind allerdings nicht dabei ;-) © nonesuch.com

Ausgebrochen aus dem melancholischen Orgel- oder Klavierschema wird selten, einzig die »Ode« an Saskia Hamilton hat uns wieder aufschrecken …-hören lassen. Zeit war’s, bei Song 10 von 11. Sicherlich gibt es auf dem Album hübsche Sound- und Arrangementideen, wobei das 80er-Synthiegemooge mitunter etwas überstrapaziert wird (Anm. d. Red.: Thorsten sieht das nicht ganz so eng, ist aber wegen seiner Tätigkeit als Tastendrücker befangen ;-)). Doch das ist durchaus verzeihlich. Was uns außerdem überrascht, aber vielleicht eine inhaltliche Begründung hat, ist, dass Folds Stimme deutlich stärker in den Hintergrund rückt als sonst üblich. Gerade im Bezug auf die Wichtigkeit der Texte ist das konzeptionell doch erstaunlich. Was bleibt ist ein hübscher Liederreigen aus – mit dem üblichen Business verglichen – immer noch ungewöhnlichen und schönen Werken, die aber auf das Album verteilt keine rechte Spannung aufbauen.

Ben Folds

Der »ewige College-Nerd« steckte das Hemd mal in die Hose und zog die Pantoffeln über: Ben Folds © Michael Wilson / nonesuch.com

Optisch immer noch der ewig junge College-Nerd, wirkt Ben Folds akustisch gesetzter – womöglich aus Respekt vor dem neun Jahre älteren Freund? Von Wildheit und Experimentierfreude, wie sie noch ganz Folds-typisch auf dem letzten Album Way to Normal zuhauf vorhanden war, ist auf Lonely Avenue jedenfalls nichts zu spüren. Sicher, auch hier war z.B. mit »Hiroshima (B B B Benny Hit His Head)« eine seeehr deutliche und ganz offene Elton-John-Referenz vorhanden, doch fanden sich daneben ebenso extremere Nummern wie »Dr. Yang« oder »Errant Dog«, Experimentelles (»Free Coffee«) und schließlich der »Bilderbuch-Folds-Sound«, der ihn berühmt gemacht hat (»Brainwascht«). Doch auch unterhalb der Vollgas-Marke lieferte er auf Way to Normal mit »Cologne« eine wundervolle Midtempo-Ballade ab, die durchaus an seinen Meilenstein »Brick« vom Debut-Album Whatever and Ever Amen (seinerzeit noch mit Darren Jessee und Robert Sledge als Ben Folds Five) erinnert. Auf Lonely Avenue dagegen verlässt er die Comfort Zone gar nicht, so dass es ein gemütlich dahinschnurrendes Werk geworden ist, das leider ohne Spannungs- und somit auch Höhepunkte auskommen muss. Schade, wo Folds mit dem Way to Normal Fake Leak doch bewiesen hat, dass er selbst aus einer Blödsinnsidee heraus Songs aus dem Ärmel schütteln kann, die bei einem Großteil der Fangemeinde sogar noch besser ankamen wie die Originalversionen (Anm. d. Red.: Folds hatte aus einer Tourlaune heraus neue Versionen zu Albumtracks gemacht, die mit diesen nur noch den Titel gemein hatten – diese wurden dann im Web gestreut als angeblich aus dem Studio entwendete Aufnahmen. Ein hübscher Gag, der ein lustiges Eigenleben entwickelte ;-)). Diese wirklich grandiose Fake-Edition von Way to Normal ist übrigens immer noch hier im Internet Archive kostenlos und legal erhältlich.

…oder basteln im Hobbykeller ;-) © Eamonn McCabe / nonesuch.com

Wäre ein Dritter im Boot vielleicht hilfreich gewesen? Ein Steuermann für den gewaltigen Kulturkahn, den Folds und Hornby hier durch die Weltmeere segeln? Das wäre aber nur ein (müder) Erklärungsversuch dafür, dass vielleicht Erwartung und Ergebnis nicht ganz zusammengepasst haben für uns. Wobei es ja auch andere Beispiele wie David Bowie oder Billy Joel gibt, die immer bewusst einen solchen Mann ins Boot geholt haben – und selbst Ben Folds bei seiner letzten Scheibe Way to Normal. Schließlich klang ja auch Folds‘ Produktion von Amanda Palmer’s Solo-Debut Who Killed Amanda Palmer, das er ebenfalls mit den berühmten und wunderschönen Buckmaster-Stringarrangements angereichert hatte, mitnichten nach der »üblichen« 70er-Jahre-Elton-John-Nummer. Zweifellos großartige Nummern – nur wenn wir die in Albumlänge hören wollen, greifen wir zu dessen Scheiben wie Elton John, Tumbleweed Connection oder Blue Moves. Nun gut, wir bleiben versöhnlich, Lonely Avenue ist ein Album, bei dem man zwar problemlos nebenbei ein gutes Buch lesen kann. Aber es ist vielmehr ein Album, dass man wie ein Buch hören sollte – ein Kapitel nach dem nächsten. Mit Geschichten, die üblicherweise mehrere Seiten füllen und von Hornby geschickt in Songlänge gepackt wurden. Und Songs von Folds, der sich hier partnerschaftlich auf die Stimmung der Texte einlässt und eine Vertonung von Zeilen hinbekommt, die beim ersten Lesen gar nicht danach klingen, als ob sie in eine Melodie passen würden.

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Ben Folds Five im Web

Joel Meyerowitz im Web

Smog Design im Web

Ben Folds & Nick Hornby – Lonely Avenue

VÖ: 28. September 2010 Nonesuch/Warner Bros. Records

Produced by Ben Folds
Recorded & Mixed by Joe Costa
Engineer & Editing: Leslie Richter
Mastered by Bob Ludwig
String Arrangements: Paul Buckmaster
Photography by Joel Meyerowitz
Design by John Heiden/Smog Design






Ben Folds – Way to Normal

VÖ: 29. September 2008 Epic/Sonymusic

Produced by Dennis Herring
Recorded by Anthony Ruotolo, Csaba Petocz, Fernando Lodeiro, Joe Costa, Will Hensley
Edited by Joe Costa
Mixed by Michael Brauer, Will Hensley
Mastered by Bob Ludwig, Howie Weinberg
Photography by James Minchin
Design by John Heiden/Smog Design





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