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Suomi! Sashimi! Casio!

18. Oktober 2010

Wenn die Tage kürzer werden und somit finn-sterer (muahahaa…), sollte man zu Leuten gehen, die sich mit sowas auskennen: finn-ische Künstler zum Beispiel, die auch einen schrägen Sinn für Humor haben. Wie Pintandwefall, die unlängst zusammen mit Teemu Markkula in Stuttgart gastierten und ihr neues Album Hong Kong, Baby vorstellten…

Meine Schwäche für laute Mädchenbands einerseits und unkonventionelle Damen im Allgemeinen ist dem geneigten Leser mittlerweile ja bekannt. Und Jule sowieso – daher wies sie mich auf das Konzert der finnischen Band Pintandwefall neulich im Keller Klub hin und meinte: »Das ist doch was für Dich!« Recht hatte sie :-)

Wohl dem Umstand des Donnerstags geschuldet, war der Keller Klub leider so gut wie leer. Vielleicht lag es auch daran, dass – ganz untypisch – keine lokale Band den Anheizer übernahm, sondern dieser vom Hauptact aus Finnland mitimportiert war? Jedenfalls zählte ich allenfalls so um die 15–20 Personen im Raum. Thekenpersonal inklusive. Schade zwar, aber dem Spaßfaktor tat das keinen Abbruch – und abbro…äh…apropos »schräg«: stellenweise kam man sich vor wie mitten in einem Kaurismäki-Film.

Ob es Zufall war, dass die Dosenbeschallung an diesem Tage aus Klassikern der späten 60er/ frühen 70er wie Frampton’s »Show Me The Way« bestand? Jedenfalls passte diese Kulisse wie auch die der Keller-Bühne allgemein perfekt zur Vorgruppe, die erstens keine war und zweitens daher auch nicht unbedingt als »Anheizer« bezeichnet werden kann: auf der Bühne saß nur ein einziger Akteur mit zwei Akustikgitarren, einem Mikro, einem alten Boss-Effektgerät und einem ungewöhnlichen Ghettoblaster mit eingebauter Keyboardtastatur. Und skurril war das Erscheinungsbild des Künstlers außerdem: Denn mit Rotzbremse und Lockenmähne sah er aus wie die finnische Version von Wolfgang Petry.

Der fragwürdige Look täuscht… © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Der Auftritt indes von Teemu Markkula, so der Name des Künstlers, war alles andere als lächerlich. Wie schon angedeutet, kam ein wenig hippieske Sit-In-Atmosphäre auf im Keller Klub. Ein bisschen erinnerte er an einen (desillusionierteren) Richie Havens, wie er da so saß und auf seiner Akustikgitarre schrammelte. Seine düsteren, mal schwermütigen, mal aber auch durchaus losrockenden und durch den Verzerrer gejagten Songs erinnerten in der Stimmung an die Doors oder – wenn man mal aus der Retrovergleichsschiene raus will – den Stonerrock eines Black Rebel Motorcycle Club. Das Publikum hatte er jedenfalls sofort mit seiner Musik. Und auch mit seinem lakonischen Humor, als er z.B. darauf hinwies, dass nach ihm eine Band spielen würde, die wohl um einiges fröhlicher sei als er – seine Songs würden ja alle von der Apokalypse handeln. Kunstpause. »Which is coming.« Und man wusste nicht, meint er das alles ernst? Oder nicht? Oder doch? Denn irgendwie war die Show (und wie gesagt der Look des Künstlers!) ja dann auch wieder sehr skurril, wenn Markkula z.B. immer mal wieder zu einem obskuren Percussion-Effekt griff, auf dessen Name ich leider nicht komme. Das war wirklich Kaurismäki live. Ich glaub, die Finnen sind einfach so. Bemerkenswert ist aber, wie sich diese ganzen Dinge zu einem homogenen und auch ernsthaftem Ganzen zusammenfügen. Dachte man erst immer »Hä?«, wenn Markkula zum Ghettoblaster griff, dort einen Elektrobeat à la Duracell-Hase zum Laufen brachte, diesen dann DJ-mäßig mit merkwürdigen Fills »on the fly« anreicherte, so legte sich dieses Gefühl recht schnell wieder, wenn er zur Gitarre griff und zu diesem Beat einen neuen Song intonierte. Ein Mann mit Gitarre (und etwas Elektro-Krempel) kann langweilig sein – muss aber nicht, wie Teemu Markkula an diesem Abend wirklich eindrucksvoll bewies. Einen Videobeweis gibt es unten…

…Teemu Markkula hat mit Höllen-Schlager nix am Hut, sondern rockt mächtig ab © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Ein Album hat Markkula bisher noch nicht veröffentlicht, derzeit arbeitet er an seinem Debut. Die Snippets auf seiner MySpace-Seite geben wenig Aufschluss, handelt es sich doch ausschließlich um irgendwelche experimentellen Noise-Elemente. Typisch finnisch eben ;-) Ich bin sehr gespannt auf die erste Scheibe von ihm.

Wie von Markkula angekündigt, ging es hinterher gleich fröhlicher zur Sache: Pintandwefall © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Nach einer kleinen Pause, Umbau war ja kaum nötig, kamen – ich wollte schon sagen »aus der Mitte des Publikums«, aber es muss an diesem Abend wohl eher heißen »aus der Tiefe des Raumes« ;-) – Dumb Pint, Crazy Pint und Cute Pint auf die Bühne gerannt, gesprungen, gehopst. Moment, das sollten doch eigentlich vier sein??? Und richtig, Tough Pint war leider nicht dabei, sondern zuhause in Finnland. Die Gründe erfuhr man nicht – hoffen wir mal, dass es sich nicht verhält wie bei Brutal Polka ;-) Der Auftritt sollte für Cute aber Tough werden – sollte sie doch selbige mal eben an den Drums ersetzen. Crazy. Hat sich aber gar nicht Dumb angestellt. Doch dazu später mehr. Jedenfalls machte schon das Erscheinungsbild von Pintandwefall gleich klar, dass es – wie vom Pre-Act bereits angekündigt – nun etwas lustiger zugehen sollte, kamen sie doch mit schwarzen Zorromasken auf die Bühne. Und ganz allgemein machten sie alles andere als einen so apokalyptischen Eindruck wie Markkula.

Leider nur zu dritt auf Deutschland-Tour (v.l.n.r.): Cute Pint, Dumb Pint und Crazy Pint © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Pintandwefall haben unlängst ihr zweites Album Hong Kong, Baby veröffentlicht und waren nun also auf Stippvisite in Deutschland, um es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Bekanntermaßen war diese an jenem Abend ja leider recht klein, was Dumb Pint eventuell in den Ticketpreisen begründet sah: »I heard the tickets were 13 Euros! That’s quite a lot!!« Hat sie nicht unrecht, andererseits galt in der Schwabenmetropole zumindest vor der Rezession immer der Grundsatz »Was nix koscht, isch au nix wert!« Gut, Krise und S21 haben an diesem Grundsatz ja mächtig gerüttelt. Angesichts der gebotenen Leistungen von Markkula und Pintandwefall gingen die 13 EUR aber in jedem Fall seeehr in Ordnung. Zum Ausgleich für den Ticketpreis bekam jeder Besucher auch noch nach dem Konzert ein Pintandwefall-Abzieh-Fake-Tattoo umsonst. Oder zwei. Oder drei. Wie man mochte oder wieviele Arme man zu bieten hatte. Jedenfalls merkte man den dreien überhaupt nicht an, dass sie ob des so dürftig vorhandenen Publikums verständlicherweise ziemlich geknickt waren (wie man hier im schonungslosen Tourtagebuch von Cute Pint lesen kann) – trotz dieser und diverser anderer Widrigkeiten drehten die drei mächtig auf. Und da man sich ja darüber streiten kann, ob Finnland überhaupt zu Skandinavien gezählt wird oder nicht, werfe ich das jetzt einfach mal alles durcheinander: Pintandwefall wirken wie die kleinen, etwas ungezogeneren Schwestern von Katzenjammer –  bzw. wie Pippi Langstrumpf auf Speed. Und sind mindestens so lustig und unterhaltsam wie der dänische Koch aus der Muppet-Show (der eigentlich ja Schwede ist). Und was sie live so alles abfeuern, kommt auch auf Platte mindestens genauso rüber.

Hier mal alle vier – Würden Sie diesen Damen eine CD abkaufen? Ich rate dringend dazu! © Aki Roukala/Pintandwefall Official Promo Pix

Warum das aktuelle Album letztlich Hong Kong, Baby heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Da ich aber gerade schon mal erdkundemäßig etwas großzügig war, schwenke ich von Hong Kong rüber nach Tokio (siehe Überschrift) – was für mich nämlich mehr Sinn machen würde: Denn in Aufmachung und Sound kommt mir bei Pintandwefall unweigerlich die Assoziation »Manga« in den Sinn. Und (pop-)kulturell hat man im Land der aufgehenden Sonne ja auch gerne dezent einen an der Waffel – was für Finnland als ein Land der Mitternachtssonne ebenso zu gelten scheint. Die Musik von Pintandwefall ist wild-lässiger Garage-Rock mit Punk-Attitüde, voll von coolen Riffs, eingängigen Hooks, rockenden Grooves und wirklich guten Melodien. Die Themen, die in den Lyrics behandelt werden, sind alltäglich und nicht-alltäglich zugleich: Vögel, die offenbar im Cluburlaub waren und sich über Flirterfolge (oder eben auch nicht) unterhalten, offensichtlich schottischstämmige Piranhas mit Identitätskrisen und ungewöhnlichen Freundschaften, Zombies mit Liebeskummer und Borderline-Syndrom, die Gefahren wahrer Freundschaft wenn die Freunde kriminell sind, die Segnungen schlichten Geistes am Beispiel eines minderbemittelten Oktopus (ja, es gibt auch andere als Paul) und die allseits bekannte »Oh-Gott-ich-hab-nichts-anzuziehen!!«-Problematik. Doch auch nachdenklich-romantischere Momente hat Hong Kong, Baby parat, z.B. bei den Songs »Where did you go?« und »Sad Song« bzw. auch sehr hübsches Kinderlied am Schluss. Und bei aller Albernheit muss man eines ganz deutlich sagen: die vier Mädchen aus dem Norden haben’s echt drauf. Eine überaus gut klingende Produktion, mit einer großen Portion Witz und bei allem Rock und Rotz viel Liebe zum Detail. Zwischen knurrenden Plek-Bass, schrammelnde Zerrgitarre und scheppernde Drums mischen sich ausgefeilt-verschachtelte Vocal-Arrangements, Kazoos, Melodica, Body- und sonstige Percussions, Wasserblubbern, Vogelzwitschern und – Tastendrückerkollegen aufgepasst, Gearporn-Alarm – eine Clavioline! Kurz und gut – wer sich von einer kewlen Mischung aus Garage-Punkrock und Witz angesprochen sowie bei Assoziationen wie 60er-Jahre-B-Movies, Manga, Superhelden, Bat- und Spiderman, Tarantino, Iggy and the Stooges u.ä. zuhause fühlt, kann hier bedenkenlos zugreifen. Wer sich trotzdem vorab noch einen Eindruck verschaffen will, dem sei entweder ein Besuch der MySpace-Seite empfohlen, wo man sich ein paar Songs vom aktuellen Album anhören kann oder alternativ der Besuch der offiziellen Website, wo die EP Roy Peter Mike And Ken, Baby kostenlos zum Download bereitsteht. Aktuelle Videos gibt es latürnich wie immer hier auf unserem YouTube-Kanal.

Pintandwefall: fesche Finninnen bestechen durch eigenwilligen Kleidungs-, Tanz-, Gesangs-, Musik- und sonstigen Stil… © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Pintandwefall: fesche Finninnen bestechen durch eigenwilligen Kleidungs-, Tanz-, Gesangs-, Musik- und sonstigen Stil… © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Kommen wir zurück zum Auftritt im Keller Klub. Irgendwie scheinen die Finninnen Unzulänglichkeiten, Zufälle und Improvisationsnotwendigkeiten anzuziehen. Wurden Pintandwefall doch eigentlich nur als Band für einen Schulball und ein paar Songs gegründet – kamen aber so gut an, dass sie halt weitergemacht haben. Hätten sie vorher gewusst, dass da etwas Größeres draus wird, hätten sie sich nach eigener Aussage bei der Wahl der Künstlernamen vielleicht mehr Mühe gegeben ;-) Doch wie schon öfters an diesem Ort in Stuttgart-Mitte erlebt, gab es auch hier trotz überschaubarem Besucher…ähm…»andrang« kein Sparprogramm. Pintandwefall waren alles andere als lustlos bei der Vorstellung ihrer aktuellen Scheibe. Gut gelaunt hüpften die drei anwesenden Pints auf die Bühne und Dumb Pint machte eigentlich den kompletten Abend so weiter: fast die ganze Zeit war sie wie ein Flummi auf der Bühne unterwegs. Crazy Pint bot eine Welturaufführung eines Songs dar, der vielleicht in fünf Jahren mal auf einem Soloalbum von ihr erscheinen wird (oder auch nicht) – jedenfalls wechselte sie beeindruckend sicher zwischen Gesang und Blöckflöte (sehr kewles Modell in durchsichtigem Neongrün übrigens) hin und her. Überhaupt merkte man den dreien nicht an, dass der Song eigentlich null geprobt war. Gut, höchstens als Crazy mal ihre eigenen Lyrics vergessen hatte ;-). Generell scheinen die drei mit unvorhergesehenen Unbillen bestens fertigzuwerden. Denn wie gesagt – Tough Pint an den Drums fehlte leider. Doch Cute Pint erfüllte ihre Ersatzaufgabe ü-ber-haupt nicht schlecht. Sicher, man merkte an Stockhaltung und Bewegungsmustern, dass sie keine Schlagzeugerin ist. Aber ganz ohne Witz: da hab ich schon einige Schlagzeuger erlebt, die ein schlechteres Timing hatten. Wobei sie allerdings doch eher selten am Set saß und dieses komplett bediente. Oft stand sie singend da, mit dem Mikro in der einen Hand, den Fuß an der Bassdrum und in der anderen Hand wahlweise einen Stick für gelegentliche Beckenakzente oder einen hübschen Ananas-Shaker – Multitasking galore! Oft kam der Beat dazu von einem möglicherweise transsexuellen Keyboard namens Mr. Casio, der – oder die, da waren sich die Pints nicht ganz sicher – schön trashige Grooves rumpelte. Sehr lustig und süß auch die Grimassen und Gesten, wenn Cute im Eifer des Gefechts mal kurz was daneben ging, wie z.B. Mr. Casio zweimal um denselben Beat zu bitten. Hat aber im Endeffekt nix ausgemacht, Pintandwefall spielen Songs auch mal mit dem völlig verkehrten Groove, kein Problem ;-) Die werden mit allem fertig – auch damit, dass der DJ für nach dem Auftritt während ihres Auftritts schon mal kurz seine CDs über die PA abhört.

…und Cute Pint darüber hinaus auch durch enorme Multitasking-Fähigkeiten © Thorsten Kampa/Lauschsofa

Sicher, es hätte der Show gut getan, wenn bei solcher Art von Musik das Drumset richtig bearbeitet wird. Aber die drei Finninnen von Pintandwefall haben dieses kleine Manko nicht nur mit viel Charme, sondern auch viel Können mehr als ausgemerzt. Schade, dass sie in Stuttgart (wie wohl auch in Frankfurt) so wenig Publikum gefunden haben. Wer dort war, hat jedenfalls eine sehr kewle Show erlebt – und wird sicherlich wieder dabei sein, wenn die drei…äh…vier mal wieder hierzulande auftauchen. Und dann wohl auch den oder die ein oder andere noch mitbringen, damit diese Band auch einen Saal bekommt, den sie verdient.

Pintandwefall – Hong Kong, Baby

VÖ: 16. Juli 2010 bei GAEA Records/Viva Hate Records/Blow Gold Records















Pintandwefall im Web
…bei MySpace
…und hier geht’s zum kostenlosen Download von Roy Peter Mike And Ken, Baby

Teemu Markkula bei MySpace


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  1. Keine Dummchen «

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