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Meerblond

30. August 2010

moddi teaser

Pål Moddi Knutsen bestreitet derzeit Teile des Vorprogramms von a-ha und veröffentlicht im Oktober seine erste EP rubbles in Deutschland. Mit einem geliehenen Akkordeon, einer geklauten Mandoline und einer nicht mehr ganz intakten Gitarre begann seine musikalische Karriere im absoluten Norden Norwegens.

Er scheint wie aus einem Astrid Lindgren Märchen entsprungen, mit seinen blonden, zotteligen Locken und einem leicht zerschlissenen Norwegerpulli. Oder passt er vielleicht doch eher in eine junge Romanlandschaft à la Kristof Magnussons »Zuhause« (den man im übrigen auch mal gelesen haben sollte)? Vielleicht weder noch, denn Moddi ist kein Schwede oder Isländer – nein, es ist mal wieder ein Norweger, der seinen Platz auf meiner Playlist gefunden hat. Wie auch die letzte Künstlerin, die ich hier vorgestellt habe, kommt er aus dem Künstlerbecken rund um Propeller Recordings, in diesem Fall von dem rein auf norwegische Künstler konzentrierten Label Impeller Recordings.

Was man aus einem geborgten Akkordeon, einer geklauten Mandoline und einer meerblauen Gitarre, an der zwei Bundstäbchen fehlen, musikalisch so alles zaubern kann, hat Moddi auf seinem ersten Demo eindrucksvoll bewiesen. Es war binnen kürzester Zeit vergriffen, fand seinen Weg in die Radiostationen und brachte ihn schließlich zum norwegischen by:Larm Festival. Das Akkordeon ist geblieben, die Gitarre wurde offensichtlich inzwischen ausgetauscht, und ob die Mandoline wieder dem rechtmäßigen Besitzer zugegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Musikalisch hat sich der sympathische Norweger so weit entwickelt, dass er diesen Oktober sein bereits in Norwegen veröffentlichtes Album floriography in Auszügen und mit zwei neuen Songs auf der richtig schön gestalteten EP rubbles in Europa, den USA und Großbritannien veröffentlichen wird. Das Album selbst wird dann im Februar 2011 auch bei uns erhältlich sein (derzeit schon als Download via bandcamp erhältlich).

Moddi

Eine der interessantesten Seiten des a-ha-Abschieds: Der von der kleinen Insel Senja stammende Norweger Moddi gibt sich als Support die Ehre. © Hilde Mesics

Mit Anfang 20 hat Moddi seinen Songs einen ordentlich erwachsenen und gewachsenen Charakter gegeben. Bereits zu Schulzeiten hat er im Schutz der Dunkelheit an Songs gearbeitet und diese versteckte, heimliche Atmosphäre schwebt bis heute in seinen Werken mit. Zerbrechlich, fantasievoll, zuweilen aufbrausend und ungebändigt schießen die Töne aus seinem Akkordeon und seiner Kehle. Der erste Song »Rubbles«, textlich eine Mischung aus Naturbeobachtung und Beziehungsdrama, fühlt sich an wie eine sich langsam aufbäumende See, erst ruhig und sphärisch, mit leichten Violintönen und später kräftigem Cello untermalt, dann unendlich steigernd, laut, punk-gewaltig bis zum expressiven Einbruch, der durch die Textzeile »give me peace« noch zusätzlich untermauert wird. Solche Dinge passieren nicht zufällig, dazu gehört Talent und der Blick für den entscheidenden Moment. Überhaupt hinterlässt Moddi einen recht unkonventionellen und zielsicheren Eindruck, ein Musiker, dem es weniger wichtig ist was vielleicht die Plattenfirma von ihm verlangt (auch wenn er inzwischen auf englisch singt), sondern dem die künstlerische Aussage am wichtigsten scheint. Einer, der sein Ding durchzieht, wenn man so will.

Die Stimme des Norwegers brennt sich ins Gedächtnis ein, ich muss wiederum Björk bemühen, vielleicht auch Wallis Bird, ein wenig Amanda Palmer, um einen kleinen Anhaltspunkt zu geben – einziger spontaner männlicher Vergleich wäre wohl am ehesten Jeff Buckley. Insbesondere die Atmung ist als typisches Stilmittel zu erkennen, seine Töne klingen flehend, dann wieder gewaltig, kurz davor zu kippen – gesanglich bekommt man hier die gesamte Emotionsbreite. »Magpie Eggs«  klingt so herrlich schön verzweifelt, ausweglos und sehnend zugleich, dass es fast schon weh tut. Auch genial bei dem zweiten Stück von rubbles ist die Klanggewalt, die hier fast völlig ohne Verstärker, rein akustisch erzeugt wird. Nahtlos geht es über in »Moonchild«, das mit einem wunderschönen Piano und Streichern die ruhigste und vielleicht auch traurigste Stelle der EP kennzeichnet. An dieser Stelle sei auch die atmende und stimmige Produktion erwähnt, die Valgeir Sigurdsson (der – oh Wunder –bereits mit Björk im Studio war) in seinem Greenhouse Studio in Reykjavik hier geschaffen und Daniel Wold und Chris Sansom von Propeller Music vervollständigt haben. Mit etwas mehr Effekt versehen ist der Abschluss der EP: »Floriography« beginnt mit düsterer Atmosphäre, geschlagenen Pianoseiten und übersteuerten Geräuschen, bis schließlich das bekannte Akkordeon einsetzt. Hier wird der Gesang mit ordentlich Hall und Delay versehen, was dem Song und der Stimmung außerordentlich gut steht. Björksche Betonungen und seemannsähnliche Stimmung ziehen sich durch den experimentellsten aller Songs, der wohl auch aufgrund seiner Länge von 8:45 nicht den Weg auf’s Album geschafft hat. Der lange Instrumentalteil zum Schluss klingt fast schon rockig, der übrige Stil – wenn man ihn denn wieder einordnen will – zieht seine Einflüsse aus Folk, Songwriter, Pop, Indie und einer Prise Kurt Weill & Co.

moddi © Hilde Mesics

»Die Musik, die ich mache, hat ein Eigenleben.« Foto © Hilde Mesics

Bevor er sich aufmacht, als offizieller a-ha-Stipendiant (zum Abschied ihrer Karriere hat die Band einen Preis ausgelobt für vier norwegische Künstler in Höhe von jeweils 1 Mio. Norwegischer Kronen) deren Support zu bestreiten, kommt Moddi für ein paar wenige Gigs nach Deutschland – diese Woche aktuell in Stuttgart (weitere Termine siehe unten). Die EP erscheint am 15. Oktober, die Single-Edition von »Magpie Eggs« kann man sich schon jetzt kostenlos hier herunterladen. Außerdem kostenlos zum Download stehen ein Livealbum und eine interessante Compilation seiner Bandmitglieder auf bandcamp bereit. Ein Künstler, der es ernst meint, wenn er sagt »Wer auch immer Du sein magst, und welchen Grund Du auch haben magst, mir zuzuhören: Danke, dass Du mir ein wenig Deiner Zeit borgst!«.

Konzerttermine

02. September, Feinkost Lampe, Hannover
03. September, Merlin, Stuttgart
24. September, Reeperbahn Festival / Frau Hedi, Hamburg
25. September, Reeperbahn Festival / St. Pauli Kirche, Hamburg (mit vollem Ensemble)

rubblesModdi – rubbles
Release: 15. Oktober 2010
veröffentlicht bei Propeller Recordings
Musiker: Pål Moddi Knutsen (accordion / mandolin / guitar / voice), Christine Henriksen (viola / violin), Katrine Schiøtt (cello), Jørgen Nordby Henriksen (percussion), Einar Stray (piano / organ / bass guitar), Hanna Furuseth (violin), Erik Normann Aanonsen (double bass / electric bass)

Moddi im Web
bei MySpace
… bei Bandcamp
bei Facebook

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One Comment leave one →
  1. 4. September 2010 12:26

    Kleine Korrektur meinerseits: Rubbles hat inhaltlich zwar schon mit Natur zu tun, ist aber in erster Linie ein Protestsong gegen die geplanten Offshore-Ölbohrinseln vor Norwegens Küste. Sorry for the first Missinterpretation ;)

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