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Die Ruhe macht den Sturm

28. August 2010

hukkelberg teaser

Es gibt Alben, die einen in Stimmung bringen. Und es gibt Alben, für die muss man in Stimmung sein. Blood From A Stone von Hanne Hukkelberg ist ein solches Album. Im September kommt sie für ein paar wenige Konzerte nach Deutschland.

Hanne Hukkelberg hat mich dazu gebracht, meine erste Kritik nochmals zu überdenken. Nein, telefoniert haben wir nicht miteinander, aber meinen ersten Entwurf hat es dank meines großen Talents für Copy & Delete zerbröselt. Das war wohl ein Wink mit dem Fernsehturm, denn meine ersten Eindrücke von Blood From A Stone waren nicht unbedingt überzeugend. Mir war das Album bei den ersten Durchläufen etwas zu gleichförmig, meist habe ich nach der Hälfte fast schon gelangweilt weitergezapped. Was sich absolut bestätigt hat ist, dass das bereits dritte Studiowerk der Norwegerin kein »Nebenher«-Album ist. Man sollte schon etwas genauer hinhören, bestenfalls mit Kopfhörern, um in ihre vielfältigen Klangwelten einzutauchen.

Hanne Hukkelberg

Postrock-light: Hanne Hukkelbergs ungewöhnliche Klangwelten leben von der Dynamik, die die Mischung aus Percussion mit Alltagsgegenständen, schwebende Gitarrenklängen und einer jazzigen Indiestimme entwickeln. (Foto: © Website Hanne Hukkelberg)

Das Cover hat mich zudem ein wenig in die falsche Richtung gelockt. Die schwarzweiße Science-Fiction-Landschaft, auf der die Künstlerin in einen Raumanzug gekleidet wahrsagerisch in eine Kristallkugel blickt, hätte ich jetzt optisch eher in eine psychedelisch-neo-progrockige Ecke gesteckt. Der Blick in die Kugel offenbart zwar auch durchaus psychedelisches, »No Mascara Tears« könnte ich mir z.B. gut als Untermalung für einen David-Lynch-Streifen vorstellen, der Stil aber – wenn er sich denn beschreiben lässt – ist eine Mischung aus Elektrofolk, Pop, Ambient, Easy Listening, ein wenig Jazz und einer guten Portion Singer-/Songwriter. Imogen Heap sprang mir gedanklich ebenso ins Gehör wie Björk, PJ Harvey, Sonic Youth, Bat for Lashes, Fiona Apple, Sophie Hunger oder auch Psapp (die kennt der ein oder andere vielleicht vom Grey’s Anatomy Titelsong). Hanne Hukkelberg experimentiert und jongliert mit Klängen und Strukturen mit einer Selbstverständlichkeit, dass man schon zweimal hinhören muss. Hätte ich nicht einen Blick in die Credits geworfen, wären mir einige der recht ungewöhnlichen Instrumente, die bei der Produktion verwendet wurden, sicherlich entgangen. Die Percussions klingen mitnichten auf Anhieb nach Küchenutensilien, Plastikboxen oder anderem Kram, den man so vor oder im Studio gefunden hat. Und auch die Geräusche, die hier und da auftauchen, beispielsweise Zugtüren oder andere urbane Außengeräusche, kann man nicht sofort zuordnen. Mein erster Gedanke war eher »wow, da hat aber einer wahnsinnig viel Zeit mit dem Durchhören der Soundlibrary und dem Programmieren von außergewöhnlichen Sounds verbracht« und sehe vor meinem inneren Auge, wie mir Frau Hukkelberg verschmitzt die lange Nase zeigt. So weit sind meine Hörgewohnheiten also schon plattgebügelt worden, dass ich ursprüngliche und natürliche Sounds eher einer Maschine als der Realität zutraue. Aber ich lass mich ja gern therapieren…

Ein wenig Technik setzt natürlich auch die derzeit in Oslo wohnende Künstlerin ein. Ordentlich Hall gibt es zwischendurch, meist ein kleines, nahes Raumgefühl für den Gesang und deutlich mehr Weite für die Instrumente. Gerne bedient sie sich auch mehrspurigen, gedoppelten Gesangs, der quasi überall zu sein scheint. Aufgenommen wurde im heimischen Studio in Oslo (dort produzieren übrigens auch Marit Larsen oder Katzenjammer – man kennt sich vermutlich vom Musikstudium), produziert von ihrem langjährigen musikalischen Weggefährten Kåre Vestrheim und ihr selbst, geschrieben hat Hukkelberg das Album in der einsamen norwegischen Provinz 300 km entfernt vom Polarkreis. Ein absoluter Kontrast zum Vorgänger Rykestrasse 68, den sie während ihres Berlin-Aufenthaltes geschrieben hat. Interessant an dieser Tatsache ist, dass Rykestrasse 68 – zumindest was ich vom kurzen Reinhören davon erahnen kann – deutlich lieblicher, softer (insbesondere der Gesang), folkiger und, wenn man so will, nicht so hektisch wirkt, wie man es von einem Stadtalbum erwarten könnte. Wohingegen der aktuelle Longplayer kraftvoll, düsterer und lauter daherkommt. Konträrer geht’s wohl kaum. Auch interessant ist, dass sämtliche Instrumente ohne digitale Hilfe gestimmt wurden, was dem absoluten Gehör vielleicht auffällt, aber den gesamten Sound ursprünglicher und ungezähmter macht.

Hanne Hukkelberg

Die Titel ihres aktuellen Albums hat sie 300 km entfernt vom Polarkreis geschrieben. Eine märchenhafte Stimmung, die offenbar dazu führt, lauter und kraftvoller zu produzieren als noch auf den Vorgängeralben. (Foto © Carina Musk-Andersen)

Sphärische und rhythmische Gitarren mit schönen Twangsounds und eine betörende, mal leicht verruchte, dann wieder bittersüße Stimme werden gemischt mit haushaltsindustrieller Percussion und Alltagsgeräuschen, die von Fahrradspeichen, Zugtüren, Fahnenmasten oder Möwen stammen, die einen in eine andere, manchmal schon märchenhafte Ebene befördern. Obwohl die Songs zunächst einen ruhigen Eindruck hinterlassen, sind sie doch deutlich »lauter« als manch andere glattgebügelten und durchgestylten Werke. Eine gewisse Grundlautstärke schadet dem Album allerdings nicht. Dann entfaltet sich die Dynamik wie beispielsweise im mehrstimmigen Teil gleich beim ersten Song »Mid Night Sun Dream« oder bei »No One But Yourself« deutlich gewaltiger. Hukkelberg katapultiert ihre Hörer aus ruhigen, romantischen Landschaften, die fast schon Postrock-Charakter besitzen, in eine Stimmung, die zwischen Mulholland Drive und Blair Witch Project liegt. Geheimnisvoll, dramatisch und melancholisch ja, aber niemals unerträglich klagend oder aufgesetzt; bei »Bandy Riddles« (hier holte sie sich übrigens Unterstützung von Motorpsycho-Basser Bent Sæther) würde man bei »normaler« Instrumentierung in einem klassischen Indierocksong landen. Gerade hier ist es im Schlussteil wirklich erstaunlich, dass das kein normales Schlagzeug ist – Martin Langlie haut ordentlich auf die Metallpercussion und Hanne selbst bedient die Vaseline-Box. Cello, Bassklarinette oder eine Kirchenorgel kommen im Verlauf der CD ebenso zum Einsatz wie Kühlschrank- und Ofenpercussion, eine Sopranblockflöte oder eine Zither. Ob dieser künstlerische Ansatz allein dem Musikstudium zuzuschreiben ist, das die Multiinstrumentalisitin und Sängerin in Oslo absolviert hat, sei einmal dahingestellt. Fest steht, dass dies alles andere als eine normale Produktion ist, die Hukkelberg ziemlich konsequent und überzeugend durchzieht. Ein radiotauglicher, poppiger Song wie »Blood From A Stone« passt da ebenso ins Konzept wie das düstere, metalmäßige »Salt of Earth« oder der norwegische Song »Bygd Til By«.

Blood From A Stone konnte mich nicht auf Anhieb überzeugen, aber nach zwei intensiven Kopfhörerdurchgängen bin ich wirklich nachhaltig beeindruckt von der Kreativität und dem Sound, der durch die Kombination aus klassischen und ungewöhnlichen Instrumenten entsteht. Die Art der Produktion und die Stilmelange empfiehlt sich vor allem für Leute, die keine Lust mehr auf leidlich glattgebügelten Elektrofolk haben, sondern sich eher an björkschen Klangwelten erfreuen können und vor allem einen Hang zum Experimentellen haben. Trotzdem würde ich dem geneigten Hörer zum Einstieg in diese Klangwelten eher das Vorgängeralbum Rykestrasse 68 empfehlen, um sich dann, quasi mit vorbereiteten Gehörgängen, Blood From A Stone zu widmen. Bestenfalls findet Ihr die Zeit, Hanne Hukkelberg bei ihren wenigen, im September stattfindenden Solo-Konzerten in Deutschland, live zu erleben und dann selbst zu entscheiden ;)

Aktuelle Konzerttermine

5. September, Brotfabrik, Frankfurt

7. September, Comet Club, Berlin

12. September, Knust, Hamburg

13. September, Studio 672, Köln

blood from a stonHanne Hukkelberg – Blood From A Stone

Release: 12. Mai 2009

produziert von Kåre Vestrheim und Hanne Hukkelberg in den Propeller Studios, Oslo

Label: Propeller Records / Nettwerk Music Group

Hanne Hukkelberg im Web
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