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Ein Engel auf Erden

6. August 2010

teaser shy guy at the show

Shy Guy at the Show liefern mit ihrem Konzeptalbum The Birth of Doubt eine Eigenproduktion ab, die über fast jeden Zweifel erhaben ist. Ihre dritte Veröffentlichung krönt die Band außerdem mit einem ziemlich schicken und aufwendigem Packaging.

New Wave steht zwar nicht ganz oben auf meiner Stil-Lieblingsliste, aber wenn ich das Wort Konzeptalbum höre, werde ich meist schnell hellhörig. Ist diese Herangehensweise doch eher Markenzeichen progressiver Bands, die zu meiner üblichen Leib- und Ohrenspeise zählen. Umso interessanter, dass ich auf das aktuelle Album der Karlsruher Band durch ihren Liveauftritt im Beat!Club aufmerksam wurde. Dort hatten mich Shy Guy at the Show – die Thorsten bereits kannte – ziemlich gepackt und mit ihrer Show begeistert. Einige Tage später traf dann die Sendung – eigens vom Schlagzeuger, der sich auch um die sonstige Promo kümmert, verpackt – in meiner Post ein. Erster Eindruck: Wow, wie kann man als unabhängige Band eine solche Verpackung finanzieren? Eine etwa DINA5 große, schwarzmatte Schachtel mit weißem Druck, im Inneren ein 52 Seiten starkes Comic-Booklet und die CD-Verpackung – zwar nur eine reine Pappverpackung, aber im Kontext alles sehr schick. Das Booklet als auch der Titel der CD sind in einem schlichten illustrativen schwarz-weiß Stil gehalten. Florian Adler hat mit seinem Artwork ganze Arbeit geleistet.

Artwork der neuen CD The Birth of Doubt von Shy Guy at the Show - ausgefallen und aufwendig

Artwork der neuen CD The Birth of Doubt von Shy Guy at the Show - ausgefallenes Artwork und aufwendige Verpackung

Kommen wir auf die inneren Werte zu sprechen: Musikalisch erinnert mich der New Wave-Rock der Karlsruher natürlich stark an Sisters of Mercy. Allerdings fehlen mir ob meiner in diesem Genre nicht gerade ausgeprägten Sammlung auch weitere prominente Vergleiche. Die Band selbst gibt beispielsweise noch Depeche Mode oder Joy Division, Kraftwerk oder Camouflage an. Ganz so nach Industrial wie Depeche Mode in früheren Zeiten ist der Sound für meine Ohren zwar nicht, aber solche Vergleiche bestimmen zumindest mal die grobe Fahrtrichtung. Dicke Gitarrensounds bieten SGATS ebenso wie sorgsam ausgewählte Synthiesounds. Und auch die Rhythmussektion ist mit Sebastian Hellmann an den Drums und Sven Schiffler am Bass recht gut besetzt. Sänger und gar nicht scheue Rampensau Sebastian Emling hat eine unnachahmlich düstere und ausdrucksstarke Stimme, die mich live vor allem sehr beeindruckt hat.

Shy Guy at the Show

Shy Guy at the Show von links nach rechts: Jonas Schira (keys), Sven Schiffler (b), Sebastian Emling (voc), David Emling (git) und Sebastian Hellmann (dr) (Foto: Website/Promo)

Birth of Doubt beginnt mit einem kurzen Prolog, der – verzeiht mir den Vergleich – ein wenig an »Achtung – Kunst!« erinnert. Was mitunter auch zum Konzept des Albums passt. Inhaltlich orientiert man sich nämlich so gar nicht an der Serie aus den Achtzigern, die für den Titel dieses Artikels herhalten musste. Sebastian Emling hat sich bei der Entstehung seiner Texte unter anderem von Goethes Prometheus inspirieren lassen. Keine Sorge, auch bei mir hat es nicht sofort »Klick« gemacht, aber was die Schule versäumt hat, kann man ja zum Glück im Schnelldurchlauf auf dem Lauschsofa nachholen. Die Hymne des Prometheus dreht sich in Kürze darum, dass er kein gutes Haar an den Göttern lässt, sie regelrecht verspottet. Vor allem der gute Zeus muss dran glauben. Für Prometheus ist das wahre Genie der Mensch, der im Einklang mit sich selbst ist und fast göttliche Kräfte besitzt. Und Prometheus selbst sei sogar in der Lage den Menschen zu formen. In der griechischen Mythologie übrigens ist er der »Freund und Kulturstifter der Menschheit«, so erzählt es Wikipedia, und wird gar als Schöpfer der Menschheit verehrt. Soviel zur Geschichte hinter der Geschichte. Sänger und Texter Emling jedenfalls weicht insofern ein wenig von Mythologie und Hymne ab, dass »sein« Prometheus, der als gefallener Engel – und hier verweise ich nur im Nebensatz auf die Bibel – auf die Erde kommt, um von den Menschen zu lernen, nicht um sie zu formen. Er greift quasi das Beste ab, was er kriegen kann: einen Architekten, einen Astronomen, der von einem Bänker bzw. Aktionär an der Wall Street verkörpert wird, einen Musiker und einen Philosophen. Diese Charaktere sucht der Engel im Verlauf des Albums auf, um von ihnen zu lernen und die Menschen oder vielmehr den Sinn des Lebens zu verstehen. Klingt inhaltsschwer, wird aber durch die Blickrichtung der Texte für jeden verdaulich aufbereitet (hiermit sei der Link zu den Lyrics des Albums empfohlen, online kann man sich den Comic, der mit Sprachclips versehen ist, ebenfalls anschauen). Eben nicht der Blick von oben, sondern von innen heraus: das unterscheidet Shy Guy at the Show sicherlich von anderen Bands, die sich an solch literarisch behaftete Themen heranwagen.

Sebastian Emling von SGATS

Sebastian Emling bietet emotionsgeladene Live-Performance mit düsterster, ausdrucksstarker Stimme. (Foto: Website)

Das Konzeptalbum und inzwischen dritte Studioalbum ist eine Geschichte von Geburt und Tod, Macht und Niedergang, Lehre und Erkenntnis. Verpackt in geschickt arrangierte, teilweise auch für den Stil ungewöhnlich instrumentierte Songs, die recht eingängig sind und nicht nur live zum mitwippen bzw. -gehen animieren. Der Titelsong des Albums ist auch gleichzeitig der Opener: »The Birth of Doubt« kommt, passend zum epischen Thema, sehr orchestral daher und liefert das erste Ausrufezeichen. Dominiert von Piano und dem ausdrucksstarken und kraftvollen Gesang, der auch passend für den Opener häufig im Erzählstil verweilt, fügen sich bratende Gitarren, Streicher und Bläser mit ein. Das hört man bei New Wave-Rock auch nicht alle Tage. Die Rhythmussektion erhöht hier fast schon in Postrockform die Gangart. Gute Wahl für den ersten Song. Und mit »Skin« folgt gleich ein Smashhit hinterher. Hier und auch beim folgenden Song sind die Parallelen zu Sisters of Mercy wohl am stärksten, insbesondere mit den Backing Vocals im Refrain und den Synthieklängen, die Jonas Schira stilsicher und immer mit der nötigen Dosis einsetzt. Diesen Song hatte ich auch nach dem Liveauftritt noch eine ganze Zeit im Ohr. Im Vergleich fand ich übrigens den Gesang dort noch stärker als auf dem Album (selbst wenn es schon eine Weile her ist und Emling auch bei der Studioaufnahme ziemlich emotionsgeladen singt). Wer denkt, er könne sich nach dem Song zurücklehnen – weit gefehlt. Im selben Tempo geht es mit »Paris In Flames«, das sich thematisch mit der Kunst des Musikers befasst, gleich weiter. Das Erfolgsprinzip der beiden Songs ähnelt sich zwar ein wenig – der Hörer wird auch nicht wirklich überfordert – aber nie so, dass sich ein Gefühl der Langeweile einstellt. Deutlich rockiger kommt da schon »Death Valley Love Affair« daher. Kräftige Gitarren, ein schönes Old School-Riff und äußerst cooles Solo von David Emling, der sich bei diesem Song auch soundmäßig ziemlich austoben durfte, bleiben direkt im Gehörgang kleben. Nach dem Philosophen befinden wir uns dann inhaltlich wieder beim Komponisten, der bei »The Dance« die Bildfläche betritt. Der Song überzeugt mich bis auf die rhythmischen Instrumental-Parts insgesamt nicht wirklich, aber er hat es bei den Vorgängern auf dem Album auch ziemlich schwer. »Beverly Hills« ist ein düsterer, schwerer Song, der die depressive Stimmung des Textes auf den Punkt umsetzt. Träge und aussichtslos wird einem hier das Bild vom modernen Menschen in der Großstadt präsentiert. »House of Elsewhere« kann nach kurzen Startschwierigkeiten wieder an »Skin« & Co anknüpfen. Rockig, zwar einfach aufgebaut, aber mit hübschen Soundideen von den Synthies und druckvollen Riffs der Gitarren. Da kann man schonmal mit dem Köpfchen und anderen Körperteilen wackeln. Mit »Meditation« begeben sich die Karlsruher in klassische und ruhigere Gefilde, lediglich Piano und Gesang. Hier offenbart sich leider auch die einzige Schwäche von Frontmann Sebastian Emling, trotz extrem eingesetztem Hall-Effekt. Sicherlich darf der Gesang bei einem solchen Song zerbrechlich wirken. Aber seine Stärken liegen ganz klar in tieferen Gefilden und druckvollen, fast schon gesprochenen Parts oder im extremen Fall in Shout-Passagen. Mit denen überzeugt er denn auch wieder im folgenden »All my Friends«, ein Song der durchaus an den Sound von Maximo Park, Killers, The Hives oder Placebo erinnert. Die nächsten beiden Songs können leider mit dem fulminanten Beginn der CD nicht so recht mithalten. »Surrounded By Knives« startet mit einer interessanten 80er-Hook, geht als Song alleine auch ganz gut ab, mündet aber ansonsten in einer Wiederholung von bereits Gewohntem und Gehörtem auf The Birth of Doubt. »Your Church is Grotesque« ist passend zum Titel mit einem Orgelsound und Chor untermalt, hier klingen zu Beginn auch Industrial-Sounds der Synths durch. Trotzdem schafft es der Song nicht, mich so zu packen wie andere des Albums. Das macht dann aber »Death Is The Mother Of Beauty«, der das Album abschließt, wieder wett. Beginnend mit einer fast schon an Nick Cave erinnernden Stimmung in der Strophe, baut sich der Song langsam zu einem großen Vorhang auf. Mit getragenem, hymnischem Charakter, mitunter sehr ruhigen Stellen (herrlich stimmungsvolles Gitarrensolo) und schließlich einem orchestralen Schluss mit Bläsern, wie man sie vom Beginn der CD kannte.

Shy Guy at the Show live (Quelle: Website der Band)

Shy Guy at the Show fühlen sich auf der Bühne ziemlich wohl und bieten eine überhaupt nicht scheue Show – wer die Gelegenheit hat, hingehen! (Foto: Website/Promo)

Dass Shy Guy at the Show nicht erst seit gestern Musik machen, hört man deutlich. Das Konzept ist durchdacht und schlüssig, man weiß, was gut funktioniert und präsentiert sich mit eigenständigem Sound, der sicherlich hier und da die üblichen Verdächtigen zitiert, aber nie wie eine billige Kopie wirkt. Dass sich das inzwischen herumgesprochen hat, sieht man nicht nur an den vergangenen Tourdates der Band, sondern auch daran, dass z.B. das Popbüro Stuttgart eine Karlsruher Band zum Austausch nach Schweden schickt. Und daran, dass SGATS bei einigen Bandcontests erfolgreich teilnahmen und sich durch ihre beeindruckenden Live-Auftritte einen echten Namen in der Szene gemacht haben. Da ist es schon verwunderlich, dass diese Band noch kein Label hat und die vorliegende Produktion in Eigenregie entstanden ist. Professionell ist die Produktion allemal, selbst wenn man beim peniblen Hinhören hin und wieder die Ausgewogenheit vermisst. Im Ohr kommt schon ein ziemliches Brett an, der Hall-Effekt ist mir manchmal auch ein wenig zu sehr präsent. Aber das sind eher Kleinigkeiten, die die Qualität des Gesamtwerks in keinem Fall schmälern. Man kann den Karlsruhern nur wünschen, dass sie für die Zukunft ein gutes Label finden, das bei kommenden Produktionen das Potenzial noch mehr herauskitzelt. Es wäre doch zu schade, wenn eine Band, die im Vergleich zu manch anderen Altersgenossen nicht nur hohlen Mist, sondern eine Idee mit Substanz bietet, dem Mainstream nicht ein Schnippchen schlagen kann.

Wer es heut abend noch schafft: Um 20 Uhr spielen SGATS auf der Bühne am Schloss in Karlsruhe im Rahmen der Musikkultur Baden-Württemberg. Den nächsten Gig in Deutschland gibt’s dann nach dem Schwedenaufenthalt am 04. September in Leimersheim bei der TTC-Rocknacht. Und wer es nicht schafft, kann sich zumindest mit drei kostenlosen Downloads des aktuellen Albums auf der Website in Stimmung bringen!

The Birth of DoubtShy Guy at the Show
The Birth of Doubt
Release: Januar 2010
Eigenproduktion, aufgenommen in den Hofa-Studios, Karlsdorf

Sebastian Emling (voc), David Emling (git), Sven Schiffler (b), Sebastian Hellman (dr), Jonas Schira (keys/progr/trumpet)

Zu beziehen ist die CD direkt über die Website von SGATS.

Shy Guy at the Show im Web (beachtenswert sind die Podcasts!)
bei MySpace
bei Twitter
bei Facebook
bei Regioactive

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2 Kommentare leave one →
  1. 23. November 2010 18:33

    Große Neuigkeiten gibt es aus dem Universum der scheuen Jungs aus Karlsruhe: Shy Guy At The Show haben einen Labeldeal an Land gezogen – und zwar bei dem bekannten schwarzen Szene-Label Danse Macabre, zu dessen Künstlerstamm neben der legendären Band Das Ich von Label-Gründer Kramm auch Artists wie Faith & The Muse oder Martin Bisi gehören. Das Re-Release von »Birth Of Doubt« unter der Flagge des neuen Heimathafens ist für den 07.11.2011 angesetzt. Glückwunsch! :-)

    http://www.dansemacabre-group.com/shop/shy-guy-show-%E2%80%93-birth-doubt-2011

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