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Fehlriff

16. Juni 2010

Teaser the Pineapple Thief

Das neue Studioalbum Someone Here is Missing von The Pineapple Thief markiert nach mehr als 10 Jahren Bandkarriere und bisher sieben bzw. acht Studioalben einen neuen Abschnitt im musikalischen Schaffen von Bruce Scoord und Co. Aber irgendetwas fehlt in der Pop-Prog Mixtur.

Möglicherweise wird die eingeschworene Prog-Gemeinde diesem Album einen neuen Namen geben: »Something here is missing« hab ich mir zumindest beim allerersten Anhören des neuen Studiowerks der aufstrebenden Briten gedacht. Und das Gefühl ging auch nicht mehr ganz weg. Selbst wenn ich es bewundernswert finde, seinen mit Tightly Unwound und What we have sown immer erfolgreicher werdenden Sound heftig zu ändern. Dem ein oder anderen Fan – insbesondere denen der ersten Stunde – wird man damit sicherlich etwas vor den Gehörkopf stoßen. Was nicht heißen soll, dass ich den neuen Sound grundsätzlich schlecht finde. Er ist nur poppig anders und hat mich spürbar überrascht. Der bislang gewohnte, häufig durch Akustikgitarre unterstützte Sound musste einem elektronischen weichen, Beats und Samples stapeln sich in einigen Songs, Gitarren fräsen sich durch Soli, und insgesamt ist die Gangart mitunter härter als bisher. Nicht immer und nicht überall, aber in der Summe. Gemessen an der Länge, der Stimmung und Komplexität der Songs ist Someone Here is Missing auch ein deutlicher Schritt weg vom Art-Rock und Prog hin zu Alternative-Indie-Synthie-Pop-Post-Rock. Erinnerungen an Muse und für mich auch Carpark North – hierzulande leider nicht so bekannt – sind nicht von der Hand zu weisen; würde ich zu zynischen Übertreibungen neigen, klingen die acht neuen Songs wie eine rockigere Ausgabe von Coldplay. Da sind Bands wie Karnivool und selbst The Intersphere vielleicht näher am Prog. Aber wo der genau anfängt oder aufhört, darüber streiten sich die Geister ja gerne.

The Pineapple Thief

Wer wird denn da Reißaus nehmen? The Pineapple Thief sind aus der modernen Progszene nicht wegzudenken – und machen trotzdem ein poppiges Album: (v.l.n.r) Keith Harrison (dr), Jon Skyes (b), Gründer der Band Bruce Soord (voc/git) und Steve Kitch (key)

Allerdings entdecke ich progressive Strukturen, so wie ich sie kenne, auf diesem Album äußerst selten. Auch die Melancholie der vergangenen Alben, die mir wirklich gut gefallen hat, die Melodik und ja, Gelassenheit oder Überzeugungskraft der Songs fehlen mir (noch) beim neuen Album. Vielleicht ändert sich das nach dem 50sten Durchhören noch. Aber ich muss dem Album auch zugute halten, dass es mir nach dem zwanzigsten Mal schon besser gefällt als nach dem zehnten. Was ich wahrlich vermisse, sind im Zusammenhang mit härteren Gitarren auch mal etwas anspruchsvollere Rhythmen bei den Drums. Das meiste hört sich nach bum-tschak an, auch der Drumsound selbst ist eher mehr Pop-Rock als Prog, mehr 4/4 als die im Prog eben immer gern gehörten krummen Rhythmen. Selbst wenn die Briten nicht gerade bekannt sind für solch frickelige Ausflüge, aber es hätte eben zu diesen modernen Samples und härteren Riffs gut gepasst. Einzig »3000 Days« wagt sich da mal offensiver an einen 7/4, verziert mit Mellotronsounds, da sind wir wieder bei vertrauten Pineapple Thief-Klängen. Kommt für mich aber beim letzten Song zu spät. Man hat fast das Gefühl, als hätte die Band die Nase voll von den Soundgeflechten aus Akustikgitarre und Mellotron. Der Opener »Nothing At Best« zeigt dem Hörer zumindest ziemlich unmissverständlich, wo der Soundhammer bei diesem Album hängt. Die Samples und Beats könnten allerdings ebenso gut aus einem Rammstein- oder U2-Song stammen. Druckvolle Gitarren hatte man in dieser Form sicherlich auch schon auf Tightly Unwound. Das Soundpaket klingt bei Someone Here Is Missing an manchen Stellen zu  gewollt. Wenn ich mal den konkreten Songvergleich mit einem Vorgänger machen darf: »Shoot First« oder auch »My Bleeding Hand« klingen modern, dicht und hart an den richtigen Stellen – aber sie kriegen im Gegensatz zu »Nothing At Best« immer die Kurve, den Song nicht zu alltäglich zu machen. Fast schon störend finde ich die manchmal überladen wirkenden Gesangseffekte bei SHIM – wie das Album abgekürzt betitelt wird.

The Pineapple Thief

Am Rande des Prog: wo wird man die britische Band wohl künftig einordnen?

Allein an dieser Formulierungstaktik merkt ihr vielleicht, wie schwer es mir fällt, zu hart ins Gericht mit dem neuen Album zu gehen. Es trifft leider nicht ganz so meinen Geschmack und – das spielt hier keine unerhebliche Rolle – meine Erwartungen gegenüber einem neuen Werk der Aufstiegsprogger der letzten Jahre. »Wake up the Dead« ist als zweiter Song gleich das nächste Beispiel, das bei mir nicht punkten kann. Gleichförmig, fast schon uninspiriert, mit einem hier und da ansatzweise verspielten Rhythmus, aber auch nichts ungerades auszumachen. Druckvoll ja, treibend ja, aber es bleibt nicht haften, sondern hat mich bei den ersten Durchhörern eher zum Weiterzappen gebracht. Im Gegensatz zum dritten »The State We’re In«. Hier kann ich den Geist der alten Scheiben deutlich spüren. Die Hook hatte ich immer wieder mal im Ohr, seinen orchestralen Mittelteil und den schönen Zweisatzgesang ebenfalls. Hier wird’s dann auch mal – zumindest für den Normalohörer – ein wenig ungerader. Mit 3:20 zwar der kürzeste Song auf dem Album, für mich aber der schönste. »Preparation for Meltdown« verleitet einen aufgrund seiner Länge von 7:28 erst einmal zu der Annahme, hier könnte es proggiger werden. Abgesehen von dem Quietschesample zu Beginn klingen die Gitarrenzerlegung und auch die Vocals wieder typisch nach Pineapple Thief. Dann gibt es einen kleinen Ausflug in die Welt der Band mit denselben Anfangsbuchstaben – die ebenfalls bei kscope untergekommen sind – und auch ein wenig Industrial lässt man durchklingen. Dieser Bandvergleich ist natürlich ein alter Hut, aber Porcupine Tree haben mich auf ihrem letzten Album gerade bei solchen Stellen soundmäßig mehr überzeugt. »Preparation for Meltdown« bietet Gitarrenwand vom Feinsten – nur irgendwie zu gewöhnlich, nicht homogen genug. Ich kann das gar nicht so recht in Worte fassen, aber es kommt einfach nicht in meinem Bauch an. Kurz versöhnt werde ich von der Band mit »Barely Breathing«, hier begibt man sich in bewährtes Fahrwasser, Piano und Akustikgitarre, ruhig und melodiös, zweistimmige Gesangsparts. Diese Atmosphäre passt auch hörbar am besten zur Stimme von Bruce Scoord. Bei den Songs neuerer Machart kommen mir die Vocals fast schon überflüssig, belanglos und deplaziert vor. Aber Song Nummer 5 ist ein echter Pineapple Thief. Erstaunlich, dass dieser auf demselben Album ist wie z.B. »Nothing At Best« oder »Wake Up The Dead«. Die Hook ist ebenfalls eingängig und bleibt hängen. Akustikgitarren ergänzen sich hervorragend mit elektronischem Beiwerk – die Streicher könnte man auch problemlos durch Mellos ersetzen und man hätte den Song auf das letzte Album packen können. »Show A Little Love« – ein wenig Liebe sollte ich dem Song schon entgegenbringen, ist aber für mich löchrig wie ein Schweizer Käse: obwohl nur vier Minuten kurz derart zerpflückt, dass ich ihn ebenfalls häufig weitergezappt habe. Hauptsächlich wegen des Beats und der Samples. Beim Titeltrack bin ich erst etwas zusammengezuckt, haben Rhythmik der Gitarren doch starke Ähnlichkeit mit dem vorherigen Song. Aber das spricht zumindest mal für die Progschiene, selbst wenn die Streicherarrangements und Drums wieder eher nach Coldplay klingen. »3000 Days« könnte für mich ein versöhnlicher Abschluss des neuen Werkes sein – hätte so nicht die gesamte CD klingen können? Da schlägt mein Progherz auf jeden Fall deutlich höher als zu Beginn der Platte, selbst wenn Rhythmik und Strophe mitunter recht poppig geraten sind.  Immerhin lässt man sich gute 2 Minuten Zeit, bis der Gesang einsetzt. Ein druckvoller Beginn, der sich in einem Pink Floyd-ähnlichen Akustikgitarrenpart auflöst, moderne und weit klingende Solisounds, die typischen Mellos, krachende Gitarren. Der Song zählt eindeutig zu meinen Favoriten: das Riff brettert einem schön um die Ohren, und hier ergänzen die elektronischen Sounds deutlich besser als bei anderen Vertretern auf dem Album. Auch der elektronische, abgehackte Gitarrensound im hinteren Teil klingt verdammt gut und eigenständig.Letztes Lied im Reigen ist »So We Row«, das klar von seinen Steigerungen lebt, insgesamt sind mir die Wiederholungen auf über acht Minuten verteilt etwas zu häufig, selbst wenn ich den orchestralen, bombastischen Teil wie die Dynamik auch sehr gelungen finde. »So We Row« könnte sicherlich Fans von Archive richtig gut gefallen.

Die Aufmachung und das Packaging passen witzigerweise so gut zu meiner gespaltenen Meinung zum Album, dass man fast schon Absicht dahinter vermuten könnte. Eine geniale Idee für das Titelbild, absolut preisverdächtig, was sich Stardesigner Storm Thogerson hat einfallen lassen. Aber sind ihm beim Booklet im Innenteil die Ideen ausgegangen? Oder musste hier der Praktikant der StormStudios weiter machen? Ein Titelbild in ewiger Wiederholung ist ebenso spannend wie die amerikanische Typo zur britischen Band oder die Illustration auf dem Label zum restlichen Artwork passt. Wenn ihr euch einmal auf der Website des Designers umseht, werdet ihr einige andere große Würfe des CD-Designs entdecken (z.B. Pink Floyd, Muse, Cranberries etc.) – da kann man sich schon fragen, ob beim Booklet nicht mehr drin gewesen wäre. Nichtsdestotrotz ist das Klebezettel-Artwork wirklich gelungen. Unter den gelben Blättchen, die mit Fragmenten der Lyrics versehen sind, verbirgt sich übrigens kein anderer als Frontmann Bruce selbst. Gelungen ist auch der Auftritt im Web: die dort stattfindende Aktion, bei der man sein persönliches Lieblingsalbum ebenfalls auf einen gelben Klebezettel zeichnen kann (ein Blick lohnt sich, dort haben bereits einige Musikgrößen hübsches »zusammengekritzelt«) und eine App, die kscope bei itunes kostenlos anbietet. Die CD erscheint in der Standardversion im Plastikcase mit abgerundeten Ecken und einem Pappschuber. Eigentlich gab es eine Sonderedition mit zwei Bonustracks (einer akustischen Version von »Long Time Walking« und »Nothing at Best«) – die war aber auf dem englischen Markt offenbar so schnell vergriffen, dass es für den Rest von Europa leider nicht mehr gereicht hat. Als einziger Trost für Sammlerfreunde gibt es zumindest noch eine Ausgabe als Vinyl.

Someone Here Is Missing schafft es nicht, gleich nach dem ersten Zuhören zu überzeugen, ein wenig Geduld sollte man da schon mitbringen. Mit etwa 45 Minuten zählt es eher zu den Kurzwerken der Briten und ist zwar ein Schritt in eine neue Richtung – so eine Arbeit und Entscheidung ist eben oft ein Drahtseilakt und hat meinen absoluten Respekt – für meinen Geschmack aber nicht besser als die Vorgänger. Wer Pineapple Thief noch nicht kennt, dem lege ich eher Tightly Unwound oder das Best of-Album 3000 Days ans Herz. Vielleicht fehlt bei dem aktuellen Album auch nicht etwas, sondern es ist einfach etwas zuviel, was eventuell auch an der Produktion liegen könnte. Ich würde mir wünschen, dass die Band beim nächsten Album wieder zu mehr Gefühl, Melancholie und Stimmung zurückkehrt, denn das kann insbesondere Sänger Scoord einfach besser und überzeugender.

The Pineapple Thief Someone Here Is Missing
Release: 28. Mai 2010
Label: kscope
Aufgenommen von Bruce Soord, gemischt von Steve Kitch & Mark Bowyer, The Dining Rooms, Yeovil, England
Artwork: Storm Thogerson
Länge: 45’18
Trackliste: 1. Nothing At Best  · 2. Wake Up The Dead · 3. The State We’re In · 4. Preparation for Meltdown · 5. Barely Breathing · 6. Show A Little Love · 7. Someone Here Is Missing · 8. 3000 Days · 9. So We Row

Pineapple Thief im Web
… bei Myspace
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… bei Last.fm

Videos findet ihr wie immer in unserer Playlist auf Youtube.

Live

24. Juli 2010 – Eier Mit Speck Festival, Viersen
18. Oktober 2010 – Pratteln, CH
20. Oktober 20100 – Colossaal, Aschaffenburg
21. Oktober 2010 – Substage, Karlsruhe
22. Oktober 2010 – Zeche Carl, Essen
23. Oktober 2010 – De Boerderij, Zoetermeer, NL
24. Oktober 2010 – De Pul, Uden, NL
25. Oktober 2010 – Logo, Hamburg
26. Oktober 2010 – Magnet Club, Berlin
28. Oktober 2010 – Spirit of 66, Verviers, Belgien

Credits Bandphotos: Vossen & Springer

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