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Punkstfeiertage – Teil 1

2. Juni 2010

Teaser Punk

So, letztes Wochenende war also Lena – aber dazu ein andermal mehr. Vorletztes Wochenende war Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Während andere auf Grillfesten wohl den ein oder anderen Geist zu sich nahmen oder sich gleich auf Urlaubs-…äh…Pilgerreise latürnich, begaben, blieb ich brav zuhause und harrte der Dinge. Nun, durch meinen Kopf schwirrt so einiges, geistvoll oder nicht sei mal dahingestellt – jedenfalls ging mir auch an diesem Wochenende trotz intensiven Grübelns kein Licht auf. Musikalische Ablenkung tat also Not…

Eigentlich wollte ich an besagtem Wochenende ja das »DIEU ET L’ETAT FESTIVAL 2010« im Zwölfzehn besuchen, hauptsächlich freitags wegen den Neo-Wavern The Serpentines, die ich schon länger mal live sehen wollte. Und den Post-Punk von Robocop Kraus sollte man sich ja auch mal gegeben haben. Allein, Freitag war – wie Hausmarke einst so treffend bemerkte – »wieder einer dieser Tage usw.« und ich doch recht unlustig. Der Samstag stand im Zwölfzehn dann mehr unter dem Motto »Postrock«, aber nach Neo-Prog war mir an diesem Tag auch nicht zumute. Der Beat!Club bot allerdings ein Kontrastprogramm.

Denn dort spielte die kanadische Psychobilly-Band The Creepshow auf. Kanada ist ja gerne eine Quelle interessanter Musik (Celine Dion und Nickelback jetzt mal außen vor ;-)), und eine Psychobilly-Band mit a) Frontfrau und b) Keyboarder gibt es auch nicht alle Tage. Also nichts wie hin zur Creepshow. Statt meiner lila Lack-Creepers zog ich aber doch besser Doc Martens an – passte ja auch viel besser zum Nadelstreifenanzug ;-)

Die Vorband des Abends kam aus Ludwigsburg – und obwohl der Name auf der Bassdrum stand, kann ich mich nicht leider mehr daran erinnern. Die Band war nicht schlecht, die konnten schon was…aber es kam für mich absolut nichts rüber. Erst dachte ich, ob das vielleicht wieder mal an mir und meiner persönlichen Verfassung liegen könnte. Doch nein, das war es nicht. Leider fehlte es der Band an Ausstrahlung. Ginge vielleicht ja noch, aber die Frontfrau hatte leider auch keine. Irgendwie-schon-sympathisch-sein reicht alleine halt nicht.

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010, v.l.n.r. Sean »Sick Boy« McNab am Kontrabass, Matt »Pomade« Gee an den Drums, Sarah »SIN« Blackwood an Mikro und Gitarre und »The Reverend« McGinty an den Keys © Thorsten vom Lauschsofa

Gruselschau

Ein Ausstrahlungsproblem haben The Creepshow dagegen ganz und gar nicht. Abgesehen von Drummer Matt »Pomade« Gee (der aber eher gar keine drin hatte), der geographisch und präsenzmäßig eher im Hintergrund agiert, stehen vorne gleich drei Menschen mit ausgesprochenen Entertainer-Qualitäten: Sängerin/Gitarristin Sarah »SIN« Blackwood, Keyboarder/Sänger The Reverend McGinty und Bassist/Sänger Sean »Sick Boy« McNab. Gegründet 2005, eine beeindruckende Tourhistorie mit u.a. Supportslots für Tiger Army und Agnostic Front, zwei Alben im Gepäck – und das dritte wird jetzt im Juni aufgenommen. Nicht schlecht, Frau Geier! Im Gegensatz zu den letzten Konzerten im Beat!Club wurde hier mit dem ersten Song »Rue Morgue Radio« gleich mal klar gemacht, warum der Hauptact Hauptact war. Das blies einen erstmal richtig weg!

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010: Sarah »SIN« Blackwood kam nicht nur ohne Monitoring, sondern auch mit großer Gitarre sehr gut zurecht © Thorsten vom Lauschsofa

Ein bisschen erinnerte mich Sängerin/Gitarristin Sarah »SIN« Blackwood (die sonst solo übrigens Country-Folk-Mucke macht) an eine der beeindruckendsten Frontfrauen unserer Stadt, Maddalena Fanelli von Ruby Shock (früher Laconic Star): sehr zierlich verschwand sie halb hinter ihrer weißen Hagstrom Viking, wusste aber mit einem bemerkenswerten Organ zu überzeugen, aber hallo! Allerdings würde ich fast sagen, dass die Madda noch mehr Dampf hat…egal: die beiden im Doppelpack wäre bestimmt auch mal eine Hammer-Show! Aber eine Hammer-Show hat man auch an diesem Abend im Beat!Club bekommen. The Creepshow gehören zwar dem Psychobilly-Genre an, allerdings erlebt man hier keinen Über-Horroract mit Kunstblut oder Zombieschminke. Nein, bei The Creepshow spielt sich das mehr rein textlich ab und so geht es eher lustig bzw. witzig zu. Das Anheizen des Publikums bzw. Moderation teilt sich Sarah mit Keyboarder/Sänger The Reverend McGinty. Stilecht erscheint er auch im Priesterhemd.

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010: Tastenmann The Reverend erschien stilecht im Priesterhemd und mit Wolverine-tauglichen Koteletten © Thorsten vom Lauschsofa

Nicht nur Tasten-, sondern auch Rothaarkollege schlägt er mich allerdings bei den Koteletten – seine haben eher Wolverine-Ausmaße. Was wir aber gemeinsam haben: seine Orgelkünste bereichern den Sound nicht unmaßgeblich ;-) Warum auch nicht? Wenn ich wieder mal so »Experten« höre, die sagen »nee, keine Keyboards, die würden unseren Sound zu weich machen«, dann sage ich denen nur »nö, Ihr seid einfach nur unfähig langweilig« und schicke sie auf einen Gig von The Creepshow. Gut, es gibt auch einige Tastenkollegen, die mit ihren unsäglichen und uninspirierten Soundteppichen unsere Zunft in Verruf gebracht haben… Aber im Gegensatz zu manchen Ohne-Keys-Bands war der Sound bei The Creepshow sehr gut, man hat wirklich jedes Instrument und den Gesang gut gehört. Plöt waren bloß einige Monitor-Pfeifprobleme, die man komischerweise ewig nicht in den Griff bekam – bis Sarah »SIN« Blackwood schließlich (entnervt?) aufgab und dem Soundmann sagte, es sei ok, wenn er ihre Stimme ganz vom Monitor nimmt. Ihrer Gesangsperformance tat das jedenfalls keinen Abbruch. Apropos Performance: Dritter im Vocal-Bund(l)e ist Basser Sean »Sick Boy« McNab, der sich allerdings nicht zu Moderationen aufschwingt, sondern nur auf Sanges-Einlagen beschränkt – dafür aber ab und an seinen Kontrabass auf die breite Schulter schwingt und teilweise dabei sogar weiterspielt. Leider war ich immer zu langsam mit der Kamera, um diese Momente festzuhalten.

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Creepshow live im Beat!Club 22.05.2010: Wie immer eine bestechend gute Atmosphäre in Stuttgarts Chinatown Club Nummer 1© Thorsten vom Lauschsofa

Ein tolles Konzert, das ich quasi blind besucht habe, aber es hat sich echt gelohnt! Das Publikum war für Sarah’s Empfinden wohl etwas zu tanzfaul– an der Musik und Performance von The Creepshow hat es jedenfalls nicht gelegen. Und wie ich an diesem Wochenende im direkten Vergleich feststellen konnte, ist der Beat!Club einfach eine der geilsten Konzert-Locations in Stuttgart. Vorausgesetzt, die anwesende Band kann auch was, ist die Atmosphäre im Beat!Club irgendwie eine ganz besondere…

Jetzt wird’s schattig

Am Pfingstmontag war dann schließlich doch noch das Zwölfzehn dran, da an diesem Abend die Parole Punk ausgerufen wurde. Tatsächlich sah man auch das ein oder andere Gesicht (bzw. Haar- oder Kotelettentracht) vom Samstag wieder ;-) Ich kannte ja (Schande über mich) wieder keine der aufspielenden Bands, aber von den Hörproben her fand ich die erste Kapelle am vielversprechendsten. Und wurde nicht enttäuscht. Geradewegs vom WGT (für die Unwissenden: Wave Gotik Treffen in Leipzig, wohin The Creepshow übrigens nach ihrem Beat!Club-Gig verschwanden… fliegender Wechsel also) kamen Brigitte Handley & The Dark Shadows ins Zwölfzehn und schlugen auch stilistisch/thematisch die perfekte Brücke zum Psychobilly von The Creepshow am Samstag. Allerdings ist die australische Mädchenband vom Sound her dann doch etwas düsterer und geht mehr in Richtung Goth Rock.

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010: Frontfrau Brigitte Handley beeindruckte nicht nur durch ihre Körpergröße © Thorsten vom Lauschsofa

Brigitte Handley beeindruckt zuerst einmal durch ihre Größe, ist aber ganz allgemein eine recht auffällige Erscheinung. Sie wirkt wie eine 40er-Jahre-Hollywood-Diva, was in Verbindung mit ihrem Goth/Punk-Outfit sehr spannend, interessant und einfach cool ist. Ok, wer eine »Presspappe«-Danelectro spielt, hat bei mir ja per se schon mal einen Coolness-Bonus – und wenn man dann noch offensichtlich meine Vorliebe für Lila teilt, hat man noch einen weiteren Stein im Brett. Aber im Ernst, nur an den lila Hosen hat es auch nicht gelegen. Mit ihrer dunklen Stimme und ihrer kühlen Distanziertheit kann sie schon die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Meine zumindest. Auch wenn Brigitte zu Beginn doch etwas arg reserviert erschien. Mit der Zeit taute sie aber auf und ließ sich fast ein bisschen zum Posen hinreissen ;-)

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010: v.l.n.r. Brigitte Handley (voc/git), Nerida Wu (dr/voc) und Carly Chalker (b/voc) © Thorsten vom Lauschsofa

Ganz gegensätzlich dazu sind Nerida Wu (Drums) und Carly Chalker (Bass) wahre Grinsekatzen. Der offensichtliche Spielspaß stand den beiden permanent ins Gesicht geschrieben – was unwiderstehlich auf die eigene Stimmung abfärbt (mal ganz abgesehen von der auch sonst recht hohen Ansehnlichkeit der beiden Dunkelschatten ;-)). The Dark Shadows spielten fast das komplette Set durch, mit schnöden Dingen wie Ansagen oder Publikumskommunikation hielt sich Frau Handley erst gar nicht auf. Zweimal ’nen Songtitel ansagen muss für ’nen Abend genügen! ;-) Damit aber kein falscher Eindruck aufkommt: zwar wirkte sie auch nach dem Auftritt als Gast im Publikum eher kühl (wiederum ganz im Gegensatz zu ihren Mit-Schatten, die sich von der nachfolgenden Band bestens zum Hüft- und sonstwas-Shaken animieren ließen) – aber wie ich auch a) aus den Augenwinkeln sehen konnte, kann sie durchaus richtig lachen und ist b) wie ich beim temporären lokalen Dark-Shadows-Shop selbst feststellen konnte, auch überhaupt nicht unfreundlich. Vermutlich ist sie halt ähnlich gepolt wie ich und braucht etwas um aufzutauen (ich werde ja leider auch häufig fälschlicherweise für arrogant gehalten), oder es handelt sich schlicht um einen Fall von Kimwilde-ismus: denn zum Sound ihrer Band passt ihre kühle Bühnenerscheinung optimal.

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010: Ein Sound, der sich hören (und sehen ;-)) lassen kann © Thorsten vom Lauschsofa

Und der Sound der Dark Shadows kann sich hören lassen! Laut Bandinfo handelt es sich um »Dark Edged Punk Noir«, den man sich als eine Mischung aus The Clash, Marlene Dietrich, Siouxsie & The Banshees und einem 50er-Jahre-Science-Fiction-Soundtrack vorstellen kann. Und ich kann dem geneigten Leser sagen: passt! Das düstere Mädchentrio aus Down Under rockt amtlich ohne wenn und aber und wirkt bestens eingespielt. Wohl nicht umsonst touren sie weltweit und machen Support für Bands wie die Stray Cats, Tiger Army, Meteors oder den Black Rebel Motorcycle Club (oh, da fällt mir ein: die neue BRMC habe ich ja auch noch auf dem Redaktionstisch liegen, weiowei…nicht dass noch bald schon die nächste rauskommt ;-)).

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010 © Thorsten vom Lauschsofa

The Dark Shadows live im Zwölfzehn am 24.05.2010: Brigitte Handley taut auf © Thorsten vom Lauschsofa

Wer auf solche Klänge steht, dem kann ich diese Klasse-Band mit der kühlen Sängerin nur wärmstens empfehlen! Leider war der Konzertplan des Abends wohl so straff, dass den Dark Shadows keine Zugabe gestattet war. Schade, ich hätte gerne mehr von ihnen gehört. Der Gang zum Merch-Stand war vorprogrammiert, wo leider nur die EP Identity sowie die limitierte Single Denial/Sleeping With A Vampire (die aber in seeeehr schönem grünen Vinyl!) verfügbar war. Und wie ich mich auch überzeugen konnte, wirken Nerida und Carly nicht nur auf der Bühne sehr nett (das meine ich jetzt ü-ber-haupt nicht als Schimpfwort!)  – sie sind es auch :-) Und um möglichen Vermutungen mancher Menschen vorzubeugen: nein, ein »Backstageprogramm« war nicht geplant ;-)

Das Halbzeitergebnis lautet also: ein ganz klares 2:0 für ein geiles Gig-Wochenende! Wie das Spielergebnis zum Schluss lautete, ob es Verlängerung oder gar Elfmeter-Pogen gab – demnächst hier auf dem Lauschsofa. Fortsetzung folgt…

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