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Zylinderkopfdichtung

12. Mai 2010

teaser © Robert John

Slash trommelt (mit) seine Freunde zusammen (ne). Willkommen zu einem fröhlichen Stundentrip in die Achtziger – das Lauschsofa ist mal wieder geteilter Meinung…

Was anderes erwartet haben wir nicht (Thorsten) – oder doch (Jule)? Slash macht Gitarrenrockmusik, und das im besten 80er Jahre-Stil. Immer noch – weil er das eben gut kann. Aber er kann noch was anderes ziemlich gut. Sich selbst nämlich auf seinem eigenen Album gar nicht so sehr in den Vordergrund spielen, sondern sämtliche Featurekünstler ins rechte Licht rücken. Die Liste liest sich wie ein munteres Zusammentreffen im Hard Rock Café: Ian Astbury (The Cult), Ozzy Osbourne, Fergie, Myles Kennedy (Alter Bridge, USA), Chris Cornell (Soundgarden, Audioslave), Andrew Stockdale (Wolfmother), Adam Levine (Maroon 5), Lemmy Kilmister (Motörhead), Dave Grohl (Foo Fighters) und Duff McKagan (Guns‘n Roses, Velvet Revolver), Kid Rock, M. Shadows (Avenged Sevenfold), Rocco Deluca, Iggy Pop, Koshi Inaba (B’z, Japan), Alice Cooper, Nicole Scherzinger und Cypress Hill. Soviel zu den Featurettes. Ein Glück musste Slash da nicht in Vorkasse treten. Außerdem gab es noch musikalische Unterstützung aus alten Guns’n Roses-Zeiten (Steven Adler, dr; Izzy Stradlin, git), oder von Steve Ferrone (Clapton, Tom Petty, Chaka Khan), Flea (Red Hot Chili Peppers), Taylor Hawkins (Foo Fighters). Bei den meisten Tracks spielte Chris Chaney am Bass (Jane’s Addition, Alanis Morissette) und Josh Freese an den Drums (Nine Inch Nails, Guns ’n Roses, jetzt bei Devo und Weezer). Produziert wurde das Album in Hollywood von Eric Valentine (der hat in letzter Zeit auch Acts wie The All-American Rejects oder Good Charlotte produziert). Soweit zu den Fakten.

Slash beim Videodreh zu By the Sword zusammen mit Andrew Stockdale – inzwischen ohne Löwenmähne  von Wolfmother

Slash beim Videodreh zu By the Sword zusammen mit Andrew Stockdale – inzwischen ohne Löwenmähne – von Wolfmother © Kyle Peters

Was einem dann in die Ohren klingt, war für Jule erst mal wieder gewöhnungsbedürftig, da das letzte Lauschen der Guns’n Roses-Alben schon etwas her ist. Ein wenig Erinnerungen werden schon bei dem ein oder anderen Song wach. Gleich zu Beginn wähnt man sich mitten im Welcome to the Jungle-Fieber, die typischen Slash-Klänge sind sofort auszumachen. Es scheint, als hätte er in den vergangenen Jahren die Regler kaum verdreht. Und das ist für einen Gitarristen ja schon eine reife Leistung ;) Ian Astbury macht auf jeden Fall eine gute Figur in dem treibenden »Ghost«, dessen Riff vielleicht je nach Geschmack etwas (Jule) oder gar nicht (Thorsten) überstrapaziert wird. Ein echter Ozzy folgt gleich danach: »Crucify the Dead« klingt nicht nur aufgrund des Titels nach Mister »Ich nuschel mich durchs Leben«-Osbourne. Richtig geil klingen auch diese Achtziger-Bohlen-Orchestra-Hit-Reminiszenzen im Refrain. Hier merkt man schon deutlich, dass Slash dem »Prince of Darkness« viel Spielraum gelassen hat. Wie auch den übrigen Künstlern, die auf diesem Album verewigt sind. Selbst wenn der ein oder andere Song auch auf ein Guns’n Roses-Album gepasst hätte, so passt er eben auch zu den individuellen Gepflogenheiten der Sängerinnen und Sänger. Da ist das Konzept, das Slash diesem Album zugrunde gelegt hatte – jeden Song auch mit dem jeweiligen Künstler zusammen zu schreiben – absolut aufgegangen. Und das muss man erst einmal hinbekommen! Bei dem Fergie-Beitrag hatte Jule erst leise Zweifel ob dieses Gespann gut funktioniert. Aber hallo – die Dame rockt wirklich ordentlich. Und Slash sägt in alter Manier immer schön mit Sololicks im Refrain dazwischen, ganz ohne aufdringlich zu sein. Ganz im Gegensatz zu beispielsweise »Gitarrenterrorist« Carlos. »Beautiful Dangerous« ist so auch einer der moderneren Songs von Slash, der für uns klar bei einem Bond-Streifen gut platziert wäre.

Zwar kennen wir die üblichen Songs von Sänger Nr. 4 (Myles Kennedy) nicht, aber »Back from Cali« klingt schon verdammt nach typisch amerikanischem Country-Rock – und der Mann wäre auch der ideale Ersatz für die Rose von Paradise City. Kein Wunder nimmt Slash Mr. Kennedy nun auch mit auf Tour – die beiden sind ein richtig schönes Paar ;) Hach *seufz* und endlich ist er wieder bekehrt, der Herr Cornell. Vielleicht durfte seine Holde dieses Mal nicht mehr soviel mitreden, und er hat sich mit Slash im Studio eingeschlossen. »Promise« ist ein schönes Versprechen und Warm-up für die angekündigte Soundgarden-Tour. Der nächste im Ring ist Andrew Stockdale, der sich mit diesem Feature vielleicht wieder nach neuen Mitstreitern umsieht – immerhin scheinen ihm ja bei Wolfmother derzeit schon wieder die Bandmitglieder abhanden zu kommen. Der Song mit dem bezeichnenden Titel »By the Sword« könnte auch problemlos auf einem Wolfmother-Album zu finden sein. Dasselbe Prinzip bei »Gotten«: der würde auf einem Maroon 5-Album nicht auffallen. Zusammen mit Adam Levine schlägt Slash hier ruhig-melancholisch-bluesige Klänge an. Und genau das zeichnet diesen Gitarristen aus: Obwohl er immer Zylinder, Sonnenbrille und Kippe trägt, ist Slash ein erstaunlich wandlungsfähiger Musiker, der sich in einer ganzen Reihe von verschiedenen Stilen bewegen kann. Und das, ohne dabei seinen typischen Charakter zu verlieren – man erkennt Slash immer noch sofort am Ton. Das wäre eigentlich ein gutes Schlusswort, aber wir sind erst in der Mitte der Scheibe angelangt.

Lemmy Kilmister könnte ein Sandkastenfreund gewesen sein

Ob Lemmy Kilmister wohl ein Sandkastenfreund von Slash war? Zumindest stammen beide aus dem englischen Städtchen Stoke-on-Trent. Ebenso wie Robbie Williams. Der wurde allerdings nicht auf das aktuelle Slash-Album losgelassen. © Kevin Estrada

Für den nächsten Song »Doctor Alibi« wurde das Mikro von der Decke gehängt und der Getränkeautomat im Studio mit Jack Daniels bestückt: Lemmy gröhlt und grummelt in bewährter Manier, und Slash legt ein geiles Solo hin. Der Song macht einfach Spaß. Wie auch der Titel des nächsten Songs: »Watch this Dave«. Aha, da wollte Herr Hudson Herrn Grohl wohl zeigen, wie man Gitarre spielt ;-) Dave Grohl lässt sich an den Drums aber auch nicht lumpen und hält in diesem Instrumental-Song gut dagegen. Wie lang muss der Gitarrengurt wohl für die Live-Performance sein? Bis in die Kniekehle sollte er schon reichen… Ein wenig ruhiger wird es wieder beim all-american-Beitrag von Kid Rock. »I Hold On« kommt denn auch nicht ohne die Damen im Chor aus, eine sehr schöne Rock-Nummer mit viel Soul (und nicht nur Saul, muahaha). Bei »Nothing to Say« beweist Slash, dass er noch mächtig flinke Finger und ein lockeres Handgelenk hat. Mit Avenged Sevenfold-Sänger M. Shadows begibt er sich in metallischere Duracell-Gefilde. Ein echter Guitar-Hero-Battle-Song, den man sich mit Lars Ümlaüt liefern sollte. Zum Ausruhen geht’s danach wieder recht laid-back zur Sache, und Myles Kennedy kehrt für eine country-ge, aber sehr kraftvolle Stars-and-Stripes-Nummer zurück ans Mikro. Und richtig ausruhen (oder weiterschalten ;-)) kann man dann bei dem Beitrag des hierzulande eher unbekannten Alternative-Sängers Rocco Deluca. Irgendwie fühlte sich Thorsten bei der Nummer aber weniger an Alternative als mehr an James Blunt erinnert. Zum Glück ließ sich für den Rausschmeißer kein Geringerer als Iggy Pop verpflichten. »We’re All Gonna Die« schließt den offiziellen Teil des Albums (vor den Bonus-Tracks) standesgemäß mit einem knackigen Rocksong ab.

Von den Bonus-Songs erwähnenswert ist »Baby Can’t Drive« mit Alice Cooper und Nicole Scherzinger: Hier zeigt die »Muschikatzenpuppe«, was sie schon ab und an zugegeben hat – dass sie persönlich nämlich eher was mit Rock als mit Urban am Hut hat.

Jetzt haben wir die Songliste abgearbeitet – und unser Fazit? Etwas geteilt, aber mitunter versöhnt. Thorsten macht das Album vor allem Spaß, bei dem man nicht zwingend zuhören muss, sondern das auch gut beim Autofahren den nötigen Schwung für die Autobahnauffahrt bringt. Bei allen Achtziger-Zitaten inklusive Artwork ist die Scheibe soundmäßig zweifellos modern produziert. Die Songs an sich klingen auch zum überwiegenden Teil durchaus zeitgemäß. Und das Album klingt für ihn in etwa so, wie er es auch von Slash erwartet hatte. Jule hingegen hatte vielleicht etwas andere Klänge erwartet und nach dem ersten Durchhören gedacht: »Wenn ich schon drei Guns’n Roses-Alben habe, brauch ich dieses Album nicht auch noch.« Inzwischen ist sie aber ein wenig versöhnt, denn die Produktion ist im Gegensatz zu manch anderen feat.-Alben wirklich auf die Features zugeschnitten. Slash macht da seinem Ruf vom netten Musiker alle Ehre. Selbst wenn die Gitarrensounds eben so klingen, wie man es von ihm gewohnt ist. Aber warum auch nicht? In jedem Fall bietet das Album mal wieder eine gute Grundlage für eine neue Guitar-Hero-Ausgabe. Oder ein deftiges Luftgitarrenduell unter freiem Himmel.

Ein paar nette Videos könnt ihr euch wie immer auf unserer YouTube-Lauschsofa-Seite anschauen. Und wer es sich leisten kann: Slash spielt auf seiner World Tour 2010 genau zwei Gigs in good old Germany: bei Rock am Ring (04.Juni) und Rock im Park (5. Juni). Der Gig im Paradiso/Amsterdam am 31. Mai ist leider schon ausverkauft.

Slashs aktuelles Album heißt schlicht SlashSlash – Slash

VÖ: 9. April 2010
Label Europa: Roadrunner Records
Playtime: 60:17

Lineup: Slash (git), Chris Chaney (b),  Josh Freese (dr), Lenny Castro (perc)
Produziert von Eric Valentine
Aufgenommen und gemischt in den Barefoot Studios, Hollywood
Artwork: Ron English

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