Zum Inhalt springen

Polarlichter

4. Mai 2010

teaser

Ein Duft von Postrock liegt in der Luft – ef zaubern auf ihrem neuen Album Mourning golden morning fragil treibende Soundlandschaften. Irgendwo zwischen Melancholie und Aufbruch und ohne Brechstange.

Mal wieder ein Konzert verpasst, auf dem ich gern gewesen wäre. Das Zwölfzehn hatte zwei Bands zum Postrock-Tanz gebeten und eine davon hat mich auf MySpace sofort gefangen genommen: ef aus Schweden. Deren neues Album Mourning golden morning hat mir den versemmelten Montag tatsächlich gerettet. Eigentlich dachte ich immer, dass Postrock oder instrumentaler sphärischer Prog eher in die kalte Jahreszeit passt. Aber bei diesem Album wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Hier schieben sich Passagen aus Klassik, Rock, Pop und Ambient so wundervoll ineinander, dass man auch zu empfindlichen Sommerzeiten durchaus feuchte Augen bekommen kann. Auch wenn ef das Rad nicht wirklich neu erfinden, die Klänge treffen bei meinem Gehörnerv ins Schwarze. Sphärische Gitarren, Arpeggios, gemischt mit breiten Synth-Flächen, hier und da gespickt mit orchestralem Beiwerk und bei einigen Songs auch mit Gesang, der abweichend von der Ursprungsbesetzung auch hier und da von einer Frau unterstützt wird.

Die drei Mannen aus Göteborg musizieren bereits seit 2003 miteinander, haben bereits zwei Alben und einige Auftritte hinter sich, zwei von ihnen sind außerdem in der artverwandten Band Immanu El aktiv, die Ende letzten Jahres mit Moen an den Start gingen. Die Bands haben das Label and the sound records gemeinsam gegründet, um ihre Musik zu vermarkten, weitere Bands sollen auch laut MySpace nicht aufgenommen werden. In Deutschland hat man mit Cargo Records einen passenden Vertrieb gefunden. Sehr cool ist auch die Kooperation mit Kapitän Platte, der zwei Ausgaben des aktuellen ef-Albums auf Vinyl herausgebracht hat (und wieder denke ich über die Anschaffung eines anständigen Plattenspielers nach…). Eine davon als bereits vergriffene Sonderedition im aufwendigen und extrem schönen Blau-weiß-Zweifarb-Siebdruck. Überhaupt auffällig ist das schöne Design sowohl des CD-Artworks als auch die übersichtliche und schicke Website.

ef promo

Ja, da kann man schon mal feuchte Augen bekommen, wenn der junge Mann die Ärmel hochkrempelt: ef von links nach rechts: Niklas (drums, melodica), Daniel (guitar, vocals, laptop/organ) und Tomas (guitar, vocals, accordion) © Kjell Hansson 2009

Mourning golden morning beginnt wie der Titel es verspricht: Mit einem klassischen, orchestralen Part, der an nichts anderes erinnern kann als an eine leuchtend aufgehende Sonne in der nordeuropäischen Wildnis. »Eskapade #1« ist zwar kurz, aber ein absolut würdiger und schöner Beginn für ein Album, das sich durch die Sonnenstrahlen seinen Weg bahnt. Auf den Ausflug à la Grieg folgt mit »Sons of Ghost« sofort eine crunchige, aber dennoch nicht brachiale Gitarrenwand, die sich in Zerlegungen weiterarbeitet und die Stimmung vom Beginn mit einigen Streicherpassagen wieder aufnimmt. Mit »Ee« kann man einen munteren Waldspaziergang ganz ohne Hektik durch die Morgensonne beschreiten. Mir fällt auch ad hoc kein passenderer Song ein, um den Tag zu begrüßen. Erst ab der Hälfte setzt der fragile Gesang ein, oktaviert von einer hauchigen Frauenstimme. Ein wenig erinnert mich die Hook an eine andere nordeuropäische Band, nämlich Carpark North. Kurz darauf wird offenbar wieder der Natur gehuldigt, mit einem Bläsersatz, den ich schlicht und einfach geil finde, insbesondere wenn die Linie noch eins oben drauf setzt. Da geht der Finger schnell an den Regler, um den Song in seiner ganzen Fülle genießen zu können. Ja, ich gebe zu, bei solchen »Werken« komme ich schon mal ins Schwelgen. Trotz der ganzen Schönheit, die hier zelebriert wird, finden erstaunlicherweise auch verzerrte Gitarrentöne ihren Platz. Das ist weder neu noch auffällig anders als bei anderen Postrockern, was ef auf Mourning golden morning bieten, aber es hat das gewisse Etwas, das ich auch gar nicht auf Anhieb erklären kann. Selbstredend gefallen mir auch Bands wie Mogwai oder Long Distance Calling, aber ef sind noch eine Spur zerbrechlicher, die Songs atmen, manchmal auch in einer nicht zu bestimmenden Geschwindigkeit oder vielmehr angespannten Langsamkeit. Wie z.B. beim nächsten Song »K–141 Kypck«, der lautstark und kräftig beginnt und im Mittelteil bis auf eine fast bis ins Schmerzhafte rausgezögerten Gitarrenpart runterfährt, um dann schön behutsam wieder Fahrt aufzunehmen. Ziemlich progressiv in seinen Klängen. Das ist natürlich auch das, was man von anderen Bands dieses Kalibers kennt. Und deshalb verstehe ich jetzt die Anmerkung in der Bandinfo nicht so ganz. Dort wird über die Band berichtet, dass sie eigentlich von diesem ständigen Postrock-Klischee »build-build-build-explode« die Nase voll hatten und deshalb etwas ganz anderes erschaffen wollten. Meine Ohren sagen mir allerdings, dass sie genau das schon ordentlich beherrschen – aber das stört mich auch nicht. Sicher, ef gehen an einigen Stellen »behutsamer« ans Werk und bauen Passagen nicht zur Unerträglichkeit auf bzw. ziehen sie unnötig in die Länge. Die Songstruktur lässt sich aber glaube ich nicht aus dem besagten Klischee ganz wegdiskutieren. Was ja nichts Schlechtes heißen muss. Und tatsächlich verzichten sie auf die Mega-Delay-Gitarren, die sie offensichtlich so über hatten. Die Songs vermitteln auf jeden Fall eine zielgerichtetere Komposition als vielleicht andere aus dem Genre.

ef promo

Ef, hier zur Abwechslung mal mit künstlichem Sonnenaufgang © Kjell Hansson 2009

Doch weiter zum Album. »Longing for Colors« ist für mich der Anspieltipp, trotz seiner 9 Minuten Länge. Hier hört man die Vielfalt eines typischen ef-Songs recht gut, nebst zweistimmigem Gesang, der wirklich nur dann bei Songs eingesetzt wird, wenn es tatsächlich notwendig scheint. In diesem ersetzt er als chorales Element außerdem die vorher instrumental bediente Klassikabteilung. Schöne Gitarrenarpeggios, passende, sphärische aber keineswegs abgegrabbelte Synthiesounds, dichte Crunch- oder Heavy-Gitarrenwände, sogar countryähnliche Melodien (entfernt erinnert mich das Lick an Jewels »Drive to you«, vermutlich diente der Song aber nicht als Inspiration) finden hier Platz, und je nach Bedarf eine einfache oder frickelige Rhythmussektion. Und Zeilen wie »longing for colors, fractures of you« – hach, schmacht, schön. Auch hier ein absolutes Herunterbrechen lediglich auf die Gitarrenklänge in der Mitte des Songs. Man hat schon fast das Gefühl, das wäre das Ende für die Singleversion gewesen ;) Einziger Wermutstropfen ist der seltsame Mix zum Schluss des Songs – die Intention des Gitarrensounds hab ich nicht verstanden. Der kommende Song »Fyra« ist Reprise und Überleitung zu »401 Lwa« zugleich. Letzterer ist für mich wieder ein eher typischer Postrock-Song, mit Streichern unterlegt, der wiederum auf der Hälfte der Strecke seinen Höhepunkt erreicht, um dann nach kurzer Verschnaufpause verhalten Fahrt aufzunehmen. Eben nicht build-build-build-explode, sondern eher buil-build-explode-build. Die Schweden halten fast Wort.

Wer nach dem Sonnenaufgang die zweite Tasse Kaffee in der Hand hält, kann sich nun getrost und beruhigt mit den Klängen von »Alp Lugens and beyond« auf die Mittagszeit vorbereiten. Ein zerbrechlicher Song mit Drumloops, zarten Gitarrenklängen und langsam treibendem Schlagzeug. Hier würde ich mir fast ein wenig mehr Gesangspassagen wünschen, aber das sind wohl eher die eigenen Vorlieben. Unerwartet und absolut klasse der Einsatz der Mandolinenklänge gegen Ende des Songs. Hier steigern ef was die Boxen hergeben. Abschluss ist der ausnahmsweise klavier- und gesangslastige Song »Au Revoir Dear Traitor«. Klanglich hat man das Gefühl als würde die Band zum Abschied gesammelt auf einem Bootssteg stehen, um im Chor den Abschied vom Hörer zu besingen. Da sollte man allerdings aufpassen, nicht gleich wieder das Mittagsnickerchen anzutreten sondern vielleicht eine etwas schnellere Gangart in den CD-Player – oder auf den Plattenspieler – zu legen. Das seltsame Soundfragment zum Schluss des Albums hat mich allerdings kurz aus dem Konzept gebracht. Absicht? Technisches Versehen? Vielleicht kann man mich bei Gelegenheit mal darüber aufklären…

Unabhängig von der Review dieses wirklich wunderschönen Albums habe ich noch einen interessanten Artikel bei Whiskey Soda entdeckt, den ich dem geneigten Leser ans Herz legen möchte. Hier berichten die drei Herren ein wenig über die Backgrounds zu den Aufnahmen und geben ein paar spannende Einblicke in den Bandalltag. Das Interview haben sie kurz vor dem – von mir leider verpassten – Konzert im Stuttgarter Zwölfzehn gegeben. Wer die Gelegenheit hat, sollte sie bei ef dringend ergreifen. Ein paar wenige Termine in Deutschland werden sie im Mai noch live bestreiten, z.B. heute in Heidelberg.

Termine 2010

04/05 : Heidelberg @ Karlstorbahnhof
05/05 : Nürnberg @ MUZ
06/05 : Frankfurt @ Ponyhof
07/05 : Dresden @ Beatpol | w. Siva (DE)
08/05 : Erfurt @ Engelsburg
09/05 : Berlin @ Café Zapata
11/05 : Hamburg @ Hafenklang
12/05 : Leipzig @ Moritzbastei
13/05 : Oberhausen @ Drucklufthaus

Ef aktuelles Album Mourning golden morning

ef - Mourning golden morning

ef Mourning golden morning

Release: 01.04.2010
Spielzeit: 52 Min
Vertrieb D: Cargo Records/Vinyl direkt: Kapitän Platte

Band: Tomas Torsson (guitar, vocals, accordion), Daniel Öhman (guitar, vocals, organs, melodica, laptop), Niklas Åström (drums, melodica)

… im Web
… bei MySpace
…bei Facebook
… bei last.fm

One Comment leave one →
  1. 11. November 2010 00:13

    EF sind wieder unterwegs auf kurzer Winter-Tour in D, CH und AT:
    27/11: Offenbach @ Kommune2010; 28/11: Ahlen @ CinemAhlen (bestuhlt mit Animation!); 29/11: Köln @ Subway mit Kyte (UK); 30/11: Bremen @ MS Treue mit I am the architect (D); 01/12: Weinheim @ Café Central; 02/12: Karlsruhe @ Jubez mit Siva. (D); 03/12: Luzern, CH @ Treibhaus mit Kid Ikarus (CH); 04/12: irgendwo in Österreich; 05/12: Feldkirch, AT @ Graf Hugo mit Caspian (US); 07/12: München, DE @ Kranhalle mit Caspian (US) und am 08/12: Berlin @ Magnet Club mit Caspian (US) + Tides of Nebula (PL). Also: Termine merken, Tickets kaufen, hingehen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: