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Des Glückes geschickter Schmied

24. April 2010

il maniscalco maldestro Teaser

Für Vorschläge sind wir immer offen: heute ein Vorschlag von Katrin W. aus R. bei S. – die durchgeknallten Rocker von »Il Maniscalco Maldestro« mitsamt ihrem aktuellen Album Panna, polvere e vertigine. Bald auch bei uns live zu erleben!

Denk ich an die Toskana, denk ich vor allem ans Essen und natürlich an lecker Weinchen dazu, sanfte Hügellandschaften mit den typischen Olivenbäumchen und Pappeln, und an Urlaube mit meinen Eltern, die ich zum damaligen Zeitpunkt eher nicht zu schätzen wusste. Ich fand die Toskana früher schlicht stinklangweilig, das einzig gute daran war eigentlich das Essen (was man heute leider noch sieht). Die vielen Kirchen und Sehenswürdigkeiten, die es u n b e d i n g t zu besichtigen galt, gingen mir damals ziemlich am Allerwertesten vorbei. Kurz: die Toskana verbinde ich jetzt eher mit gediegenem Familienurlaub für Erwachsene ab Mitte 40 aufwärts. Dass die Toskana aber auch hin und wieder musikalisch Interessantes ausspuckt, hätte ich ihr im Falle von »Il Maniscalco Maledestro« so auf jeden Fall nicht zugetraut. Die sind nämlich alles andere als gewöhnlich oder gar gediegen. Was die Herren hier aus den Boxen zaubern, klingt eher als wäre die Toskana das Zentrum für Alternativurlaube, ziemlich durchgeknallt und äußerst kreativ. Hier werden Ska, Metal, Hardcore, Rock, Punk und Progressiv-Experimentelles munter durcheinandergemischt. Beim ersten Betrachten der Bandfotos dachte ich auch nur: ach deshalb. »Il Maniscalco Maldestro« sehen aus wie eine Band, die problemlos als »Zappa Brothers« durchgehen könnte. Der Untertitel der Band »più insani che italiani« – was ich als nicht der Sprache Mächtige mal mit »noch verrückter als italienisch« frei übersetzen würde – spricht Bände. Gäbe es einen Preis für die beste Kombination aus Look & tatsächlich gespielter Musik, die Jungs wären ganz vorn dabei.

Il Maniscalco Maldestro

Promofotos aus der Rockfarbik: Il Maniscalco Maldestro aus der Toskana - v.l.n.r. Frencc (git), Tonjo (voc/git), Borrkia (dr) und Robot (b) © Simone Stanislai

Begonnen hat die Bandgeschichte im Jahr 2001, damals noch mit etwas anderer Besetzung, lediglich Sänger und Drummer sind nach wie vor dabei. Nach zwei Demos, die relativ gut im näheren Umkreis ankamen, nahmen sie ihr Debütalbum Videoradio 2004 auf. Leider gab es dann wohl Differenzen innerhalb der Truppe, und lediglich Antonio »Tonjo« Bartalozzi (voc/git) und Stefano »Borrkia« Toncelli (dr) hielten dem Projekt die Stange. Für die Liveperformance des neuen Albums kamen Lorenzo »Frencc« Franchi an der Gitarre dazu und Bruno »Brunello« Salvadori am Bass. Man tourte munter durch ganz Italien, und auch die rockaffine Presse wie Metallus, Hard sounds oder rock0n, wurde auf das Quartett aufmerksam. 2006 kehrte man wieder ins Studio zurück, um den Versuch zu starten, eine englische Version des Erstlings aufzunehmen. So ganz wollte die Idee zwar nicht gelingen (laut Website verursachte das ziemlich deutlich Kopfweh und weitere körperliche Schmerzen), aber zumindest live tat sich wieder etwas. »Il Maniscalco Maldestro« – was übrigens soviel heißt wie »Der ungeschickte Hufschmied« – waren 2007 Teil eines kleinen aber feinen Newcomerkreises, im Rahmen des »Sporco Impossibile« (eine offensichtlich bekannte Promo- und Booking Agentur in Italien, nichts genaues weiß man nicht ;). Weiteren Auftrieb verschaffte wohl auch das Video zu metamorfosi plausibile, inspiriert vom deutschen Film »Das Kabinett des Dr. Caligari«. Und nein, ich kannte den auch nicht. Was aber wiederum zeigt, zu welch angenehmer Exzentrik diese Truppe neigt. Und dass es vermutlich eine Menge Kunststudenten oder zumindest ein solch affines alternatives Völkchen gibt. Leider war man in Besetzungsfragen weiterhin ein wenig vom Pech verfolgt, denn Bassist Brunello entschied sich in einer recht heißen Phase – das neue Album war fast fertig, die Livetermine standen fest – die Band wieder zu verlassen. Erst ein halbes Jahr später fand sich mit Davide »Dado« Mei ein gut passender Knabe für die tiefen Töne. Und 2008 schließlich gab es mit Luca »Kiella« Chiellini sogar Unterstützung für die Tasten (Akkordeon und Keys). Die Jungs gewannen den Heineken Jammin Festival Contest und im selben Jahr den »Talent Scout @MEI«. Seit 2009 übrigens noch eine Änderung in der Besetzung: Inzwischen spielt Milko »Robot« Ambrogini am Bass. Wer die Bio noch genauer haben möchte, dem sei der Link auf die Website der Combo empfohlen (glücklicherweise auch in englischer Fassung).

Tonjo, Heineken Festival 2009

Die Reinkarnation von Mr. Zappa: Antonio »Tonjo« Bartalozzi beim Heineken Festival 2009 © Jiuliaan Hondius

Letztes Jahr brachte man dann (endlich) das zweite Album Panna, polvere e vertigine, dass uns Katrin empfohlen hat. Eine wahrhaft durchgeknallte Melange aus den oben beschriebenen Musikstilen. Die Band scheut sich nicht, die Frage offen zu lassen »Jungs, habt ihr Eure Pillen heute schon genommen?«. Die ersten Töne sind zunächst mal klassisch southern-rockig-bluesig, mit modernen Gitarrenriffs, aber spätestens nach dem ersten Zwischenruf, der vermutlich vom Drummer stammt, und dem eher punkigen Refrain weiß man, Moment, hier gilt nicht »Schema F«. Der Country-Zwischenteil des ersten Songs »la mia vita in ozio« kommt bei dem Song als Sahnehäubchen noch obenauf. Natürlich wäre man jetzt stark im Vorteil, wenn man auch die Sprache beherrschen würde. Aber trotz dieser Barriere – und das finde ich wirklich das Irre an dieser Band – hört man, wieviel verrückten, durchgeknallten Spaß die Jungs haben. Bei »atavica fame« kann man den überhöhten Alkoholgenuss schon fast riechen: Eine Mischung aus Blues, solidem Rock, mit einer an die »Killers« erinnernden Strophe, bei der der extrovertierte und vielschichtige Gesang von Tonjo schon gut zur Geltung kommt. Zu meine Favoriten zählt Song Nummer drei »sorridi al muro«, zu dem es auch ein hübsches Video gibt, wie immer auf unserem Lauschsofa-Profil zu sehen. Flirrende toskanische Sommerhitze trifft auf Zirkusattitüden trifft auf 80erJahre-Synthie. Solche Kombinationen klingen geschrieben fast unmöglich, aber die irren Italiener schaffen den Spagat gekonnt. Auf dem Album geht es munter weiter mit fetten Nu-Metal Riffs (»piede scalzo«) oder einem Parforceritt quer durch Folk, Britrock, Metal (»ogni giorno«) mit fast schon kabarettistischen, operettenhaften Einlagen. Mich erinnert das zwischendurch schon an eine moderne Auffassung einer Kurt-Weill-Oper, nicht so punkig wie bei den Dresden Dolls, aber auf ähnlicher Ebene. Vielleicht rührt daher auch die Zusammenarbeit mit einer Theatertruppe »Gli Omini«, mit der sie beim Theaterfestival im italienischen Volterra letztes Jahr im Juli auftraten. Die Videos z.B. zu »sorridi al muro« sind mindestens ebenso irre wie der Song selbst: eine bunte Mischung aus Theatertraumfabrik und – ich kann mir nicht helfen, aber es sieht echt so aus – EAV. Neben den schon erwähnten »ogni giorno« und »sorridi al muro« ist mein dritter Favorit auf dem aktuellen Longplayer »niente io comprendo«. Ein sphärischer Beginn, der sofort kraftvoll in eine gängige Gitarrenhook überleitet, in der Strophe einmal eher geradliniger Gesang ohne Experiment, das zieht sich durch den gesamten Song durch. Einige hübsche Breaks, fast schon 70er-Jahre Gitarrenparts, aber vor allem ziemlich auf die Mütze gibt es hier über dreieinhalb Minuten. Und wenn es Euch bei 2:42 auch so vom Stuhl und unter den Tisch vor Lachen haut, teilt ihr offensichtlich auch den musikalischen Humor dieser Truppe.

Il Maniscalco Maldestro – Drummer

Das wäre dann der Blues-Brother-Part - eine absolut geile Type, Stefano »Borrkia« Toncelli (dr)

»Il Maniscalco Maldestro« sind vor allem eines nicht: langweilig. Keine Musik, die man so mal nebenbei hört und für manche Ohrgemüter eventuell auch zu anstrengend. Wem es nicht gefällt, dass ununterbrochen ausgebrochen wird aus klassischen Strukturen und eben kein Song am Stück runtergerattert wird, für den ist diese Alternative-Italo-Mucke wohl eher nix. Wer aber auch gern bei harten Tönen mal ab und zu Schmunzeln mag und sich gerne überraschen lässt von experimentellerer Interpretation moderner Rockmusik, sollte sich die Herren mal anhören. Der Wahnsinn ist ja, dass beide Alben kostenlos (!) zum Download auf der Website bereit stehen. Das erlebt man auch nicht alle Tage… Musikalische Überzeugungstäter also, die ihre Musik und den damit verbundenen Spaß offenbar vor allem unters Volk bringen möchte und weniger an unmittelbaren Verkäufen interessiert sind. Wie die Jungs live abgehen, kann ich mir derzeit nur ausmalen, aber schon bald selbst davon überzeugen. Denn die inoffizielle Managerin »Germania« Katrin hat die Jungs beim Warmbronner Open Air Festival untergebracht. Das wird garantiert ein großes Vergnügen, also nix wie hin im Sommer (31. Juli 2010) – auch um in Warmbronn Flagge zu zeigen und gegen diesen Jugendhaus-Politikwahnwitz der Stadt Leonberg anzustinken!

»Il Maniscalco Maldestro« – Panna, polvere e vertigine

Besetzung
Antonio »Tonjo« Bartalozzi (voc/git)
Lorenzo »Frencc« Franchi (git)
Milko “Robot” Ambrogini (b)
Stefano »Borrkia« Toncelli (dr)

im Web
bei MySpace

2 Kommentare leave one →
  1. 19. Mai 2010 11:19

    Und soeben kam ein weiterer Termin rein: Während ihres Aufenthalts in Süddeutschland spielen die verrückten Hufschmiede auch am 27. Juli in Stuttgart im Zwölfzehn – grandioso!

  2. 16. Juni 2010 10:52

    …und noch einer: am 28. Juli spielt die Band im Jugendhaus Calw.

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