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Auffahrt genommen

15. April 2010

a5 richtung wir teaser

A5 Richtung Wir schicken uns schon mal vor der offiziellen VÖ ihrer EP eine Promo. So klingt also die Musik der neuen deutschen Gitarren-Generation.

Vorneweg: Wir fühlen uns bei Zusendungen erst einmal geschmeichelt. Selbst – oder gerade – wenn Sie mit den Worten »Sehr geehrte Musikredaktion…« beginnen. Huuuiii, da lässt man sich gern mal kurz blenden von der Aufmerksamkeit, die man uns schenkt. Unseren subjektiven Sofablick auf die Musik verlieren wir hoffnungsvoll dennoch nicht aus den Augen und lassen sowas dann gern ein wenig setzen, in diesem Fall etwa … naja egal. Der Spreeblick, dessen Autor offenbar so alt ist wie wir, hat schon mal bedacht kritisch über die Jungs berichtet – wir schließen uns dann mal an und nehmen Kurs auf die A5. Ein kurzes Stück über die A8 und schwupp sind wir da: mitten im Schulalltag vor – ach je ist das ewig her – etwa 20 Jahren: Damals, als man noch mehr mit Pickeln oder schlechten Noten als mit Umsatz oder Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatte, als man noch so richtig anti war und um Gottes willen nicht so werden wollte wie die eigenen Eltern. Bei uns war damals irgendwie alles Punk oder Gothic oder eben irgendeine andere extreme Form der inneren oder äußeren Ablehnung. Man hörte vielleicht die Ramones, The Cure, Doors, Ärzte, Hosen, Sex Pistols, je lauter und schrecklicher für die Eltern umso besser. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass die neue EP so richtig laut bei der Hörerzielgruppe im Zimmer aus den Boxen schallt, kann ich mir eher vorstellen, dass die Eltern danebenstehen und mitwippen und nicht mit Sätzen durch’s Haus poltern wie »Mach den Mist leiser oder die Schneider-Combo-Anlage fliegt raus!«. Insofern verstehe ich auch die Warnung der Zeitschrift FRIZZ eher anders. Die schrieben im März 2007 »…Ein Abend an dem Eltern ihren Töchtern wohl besser Hausarrest geben sollten.« Um selbst hinzugehen?

A5 Richtung Wir

Laut Promo die Band einer neuen Gitarren-Generation: Die Fast-Freiburger A5 Richtung Wir v.l.n.r. Simon Buchholz (dr/voc), Nicolas Kuri (git/voc) und Hannes Gotschy (b/voc)

Gut, man hat jetzt bei A5 Richtung Wir nicht den Anspruch eine deftige Punkrock-Combo mit noch deftigeren Texten zu sein. Und ich erwarte von einer solch jungen Band auch nicht zwingend einen politischen Anspruch – Spaß soll es ja vor allem machen. Schließlich wird der Genremix als Pop-Rock-Alternative definiert und auch so erfüllt. Deftiges Schlagzeugspiel (vor allem angesichts des schmalen Sets), solider Bass und eine Gitarre, die auch mal Zerlegungen spielen darf und nicht die ganze Zeit reindengelt, sondern erst dann wenn es Zeit ist. Aber wenn in einer Promo steht »Die Botschaft geht hinaus an die Jugend, die endlich wieder Gitarren hören will. Das ist die neue deutsche Generation, die das Land dringend braucht.«, dann frage ich mich schon, wie es um unsere Jugend so bestellt ist und wie anti sowas noch ist. Ja, und auch ich kenne den Satz »Auch wer schweigt macht eine politische Aussage.« Die erste Singleauskopplung der neuen EP »Störn« stört mein Ohr jetzt weniger, aber lässt mich auch nicht unbedingt aufhorchen. Für mein Gefühl muss so ein Generationsaufruf eben doch politischer sein. Vielleicht bin ich da auch zu altmodisch und entspreche eher der Generation, die für die Zielgruppe wohl kein Vorbild ist – schließlich gibt’s in meinem Bekanntenkreis auch Lehrer und »Wir brauchen Schule nicht um zu verstehen, wir brauchen Schule nur um zu sehn, dass wir nicht so werden wolln.« Naja, müsst ihr ja auch nicht. Aber stört das wirklich jemand? Das ist ja nicht gerade die neueste Erkenntnis, sondern vielmehr die Wiederholung, die sich durch Generationen zieht. Selbst wenn man im Video (wie immer auf der Lauschsofa-Youtube-Seite) mit Atomkraft-Shirts durch die Gegend rennt, höre ich jetzt keinen direkten Aufruf zur Nutzung alternativer Energien aus dem Text raus. Vielleicht ist da meine Interpretationsgabe auch zu begrenzt.

Das Trio hat schon unglaubliche 300 Gigs hinter sich, davor kann ich einfach nur den Hut ziehen, denn die Jungs sind gerade mal im Schnitt 19 Jahre alt. Davon laut Promo offensichtlich auch auf einigen großen Bühnen (aber Jungs, sorry, das mit dem Fernsehgarten, streicht das – das ist sowas von Eltern-kompatibel). Allerdings haben sie musikalisch – außer mit Tomte, finde ich – wenig Gemeinsamkeiten mit den übrigen Bands, die auf denselben Events gespielt haben (Razorlight, Arctic Monkeys). Schnittmengen ergeben sich hier und da mit dem Rest der deutschen Pop-Rock-Alternative-Mischpoke (Kettcar, Madsen, Tocotronic, Wir sind Helden etc. und Sportfreunde Stiller, die sie ab und an auch mal covern). Zum Glück sind A5 Richtung Wir jetzt keine 120ste Neuauflage von Silbermond & Co, trotzdem klingen sie mir doch zu »nett«. Und, da muss ich der Kritik auf Intro deutlich widersprechen, ein Ersatz für Selig sind sie definitiv nicht.

A5 Richtung Wir live

A5 Richtung Wir haben schon unglaubliche 300+ Gigs hinter sich – und noch einige vor sich, z.B. am 20. Mai 2010 im KellerKlub in Stuttgart

Der einzige Song, wo ich wirklich aufgehört habe, war ausgerechnet einer wo weniger gesungen wurde (was ausdrücklich nicht an der restlichen Gesangsleistung von Nicolas Kuri liegt). »Als ich da war« gefällt mir zum einen harmonisch und arrangiert am besten und erinnert im Zwischenteil tatsächlich an meine Jugend, im speziellen an Falco-Gesänge bei »Jeanny« (dumm nur, das Falco auf unseren pubertären Partys vor 20 Jahren total verpöhnt war). Was heutzutage so auf 20-Minus-Partys läuft, weiß ich jetzt nicht, aber vielleicht passen A5 Richtung Wir genau da als Störfaktor rein. Die Hörerkernzielgruppe wird vermutlich zwischen 12 und 16 sein und weiblich. Zu hören bekommt man bei A5 Richtung Wir, die sich früher schlicht und einfach WIR nannten, ebenso schlicht und einfach deutsche poppige Schulhof-Rockmusik mit Gitarren; mit Texten, die man phonetisch meist nur zur Hälfte verstehen kann. Aber das ist bei Rock’n’Roll ja auch nicht die Hauptsache. Allerdings wäre dann ein wenig mehr Rock schon schön. Vermutlich kommt das live auch besser zur Geltung, und das kann man in diesem Jahr ziemlich häufig wahrnehmen, so man das vor lauter Schülerinnengekreische überhaupt zu hören bekommt (Termine in der Nähe siehe unten, die komplette Terminliste gibt es hier).

Für mich wirft eine so junge Band mit einer solchen Stör-Botschaft typische verstörende Lehrer-Fragen auf wie: Will Jugend heute noch politisch sein? Natürlich wollten auch wir früher einfach auf die Kacke hauen, aber dennoch ist unsere Generation gegen Schulreformen, Atomenergie, gegen Nazis oder für den Frieden auf die Straße gegangen. Und das obwohl wir ja die Null-Bock-Generation waren. Was ist dann das hier? Wo ist hier der Aufruf? Sind solche geradezu braven Texte nur das Abbild einer kompletten Verweigerung oder eher von Politikverdrossenheit und Orientierungslosigkeit? Vielleicht wird das ja auch schon zu sozio-philosophisch. Aber ehrlich – ich erwarte von solch erfolgreichen jungen Bands, die mit einem » Generationsvorbild«-Fähnchen auf den Markt gehen, einfach einer gewissen Verpflichtung gegenüber ihrer Generation nachzugehen, ein wenig mutiger zu sein. Oder aber die Ankündigung muss sich mehr nach Spaß anhören, dann streicht das hier einfach alles.

Extrem gut haben die jungen Herren den Kapitalismus bzw. das Einmaleins des Pop-Business , sprich ihre Promo im Griff. Die machen sie nämlich laut Absender selbst und das äußerst professionell. Hübsche Fotos, hübsche Website, hübsches Cover – ja und ziemlich viel hübsche Sponsoren. Ge*ickt eingeschädelt haben wir da früher immer gesagt…Spannend bleibt für mich die Frage, wie A5 Richtung Wir sich die eigene Zukunft vorstellen. Bisher bleibt man ja noch recht unabhängig und vertreibt die neue gleichnamige EP ab 14. Mai 2010 über alternative Vertriebswege bzw. direkt. Ohne Label und ganz schön erwachsen. Und zu politisch korrekten Preisen.

A5 Richtung Wir – A5 Richtung Wir

A5 Richtung Wir A5 Richtung Wir

VÖ: 14. Mai 2010 (normaler Preis 8,- Euro, ideeller Preis 13,- Euro)

Vertrieb: Rough Trade. Online Direktvertrieb über finetunes

Besetzung: Gesang, Gitarre: Nicolas Kuri / Schlagzeug, Gesang: Simon Buchholz / Bass, Gesang: Hannes Gotschy

im Web
bei MySpace








Termine

08.05.2010 · 20:00h · Straßenmusikfestival · Bad Saulgau

14.05.2010 · 20:00h · Die Stadtmitte m/ Full Spin · Karlsruhe

15.05.2010 · 20:00h · Mensa Bar m/ Die Leute · Freiburg

20.05.2010 · 20:00h · Keller Klub · Stuttgart

21.05.2010 · 20:00h · KiK · Offenburg

11.06.2010 · 20:00h · Rock in der Kaserne · Ettlingen

25.06.2010 · 20:00h · Polterplatz Open Air · Bad Wildbad

31.07.2010 · 20:00h · Moosenmättle · Wolfach

22.08.2010 · 20:00h · Flammende Sterne 2010 · Ostfildern

5 Kommentare leave one →
  1. 15. April 2010 15:12

    Juchhu,

    bin das erste mal der erste der kommentieren darf!

    Für meine Begriffe vergleicht der Rezensent die Musik zu häufig mit der seiner Jugendzeit. In Zeiten von DSDS und Superstars sollte man vielleicht eher mit dem aktuellen Mainstream als mit vergangenem Underground vergleichen. Interessant dabei ist jedoch, dass hier wirklich eine andere Zeit konstatiert wird und dies auch von mir so empfunden wird. Ja, es ist eine unpolitische, konsumistische Zeit in der Ecken und Kanten aus Mobbinggefahrgründen gemieden werden. Für diese äußere graue Soße haben A5 Richtung Wir doch ziemlich viel Profil. Für meine Begriffe ist Nico ein ausgefuchster Poet, dessen Texte durchaus zum Denken anregen und vor allem auf schnelle einfache Schlagbotschaften im Stile „Gegen alles“ schlicht verzichten.

    Dass die Jungs im Video „anti-Atomkraft“-Shirts anhaben ist meine persönliche „Schuld“. Ich habe das Video produziert. Wir wollten schlicht eine Formierung und da kamen mir meine privaten Anti-Shirts, welche zum Selbstkostenpreis über mich gekauft werden können (aus meinem privaten politischen Interesse heraus), finanziell sehr entgegen. Nico war hier anfangs kritisch hat sich dann aber auf meinen Vorschlag eingelassen. Vielleicht wären schlichte graue Shirts, im Sinne von Politikverdrossenheit angemessener gewesen. Atomkraft passte für mich über die „Störn“-Idee anfangs sehr gut, denn Atomkraft stört einfach. Also bitte die Shirts nicht überbewerten.

    Zum Abschluss – ich kenne Nico seit seinem ersten Auftritt und bin schlicht immer noch begeistert zu welchen Leistungen es A5 Richtung Wir in diesen fünf Jahren gebracht hat. Respekt!

    Herzliche Grüße!
    Lynne

    • 15. April 2010 20:57

      auch »juchhu«! ;-) das erste mal, dass sich jemand die »mühe« macht und bei uns einen »richtigen« kommentar hinterlässt und diskutiert! herzlichen dank auch von mir dafür, lynne! viele grüße, thorsten

  2. 15. April 2010 15:24

    Hallo Lynne, merci für Deinen Kommentar, ist immer wieder interessant, wie manche Idee tatsächlich entsteht.
    Die Rezensentin – soviel Politik muss sein *mhhuaa* ;) – vergleicht selbstredend mit Bewegungen aus der eigenen Jugend (eine andere habe ich ja nicht) und nicht mit dem Mainstream – denn den wollen A5 Richtung Wir doch auch nicht erreichen oder ? ;) Nur aus persönlichen Erfahrungen entstehen ja unterschiedliche Meinungen … »und das ist auch gut so«. Mein Wunsch bleibt vielleicht gerade deswegen bestehen, dass ich mir bei Generationsvorbildern mehr Meinungsmache, mehr Extrem wünsche. Denn noch könnte man ja ausprobieren – ist man erst mal im Mainstream gefangen werden die Verpflichtungen und Abhängigkeiten eben doch zu groß – was Du sehr schön mit »grauer Soße« umschrieben hast.

  3. Julian schwab permalink
    15. April 2010 21:00

    niko :D lass mahl schöne grüße da auftritt in mampf war net schlecht :D

  4. Florian permalink
    15. April 2010 23:49

    Die Rezension von Rocking Chair ist auch mir, ähnlich wie Lynne, zu sehr auf die eigenen Erfahrungen und die eigene Zeit abgestellt. Nach meiner Einschätzung dürfte ich etwas älter sein als Rocking Chair und unsere Musik gegen Ende der 1980’er Jahre hatte weit weniger politischen oder zeitgeistlichen Hintergrund, trotzdem sind wir u. a. gegen den ersten Irak-Krieg auf die Straße gegangen.

    Angesichts der Leistungen von A5 Richtung Wir, die in dem Beitrag auch herausgestellt wurden, und dem andauernden Erfolg muss die Botschaft wohl dem heutigen Zeitgeist der Jugend entsprechen. Unpolitisch? Jein… Inhaltslos? Definitiv: Nein! Heutzutage sieht sich die Jugend leider häufig als interessenlos und dumm – die ausstehende Bildungsreform lässt grüßen – diffamiert. Meine Erfahrung wirft ein ganz anderes Bild auf die heutige Jugend als es die Presse und öffentliche Äußerungen hoher IHK-Vertreter vermuten lassen. Da ist viel Unsicherheit zu spüren, die anscheinend in den Elternhäusern ihren Ursprung findet. Einerseits zu ehrgeizige Eltern, die ihre (nicht erreichten) Ziele gerne auf ihre Kinder projezieren, andererseits Eltern, die den Interessen ihrer Kinder mit Gleichgültigkeit gegenüberstehen und eine Gesellschaft, die der Jugend mehr als kritisch begegnet. Songs wie „Was uns geblieben“ oder „Als ich da war“ passen meiner Ansicht nach ganz gut in dieses Umfeld.

    Ich persönlich finde das Engagement, das A5 Richtung Wir an den Tag legen, beeindruckend. Die Sponsoren und der professionelle Auftritt sind doch Ausdruck davon, dass die Band ihren Interessen ernsthaft nachgeht und damit auf Aufmerksamkeit in der Industrie stößt. Kein Wunder, dass da die Regeln des Kapitalismus zuerst gelernt werden müssen.

    Viele Grüße von der A2
    Florian

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