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Groove in Frieden

31. März 2010

© Leo Reynolds www.leoreynolds.co.ukWieder hat die deutsche Musikszene eine ihrer Legenden verloren: am Samstag verstarb Peter Herbolzheimer nach schwerer Krankheit mit 74 Jahren in Köln.

Wem er ein Begriff ist, dem brauche ich hier nix mehr zu erzählen. Da er aber – zumindest in den letzten Jahren – nicht unbedingt mehr ein »Household-Name« war und das Lauschsofa sich auch der Bildung der jüngeren Leserschaft verschrieben hat, dachte ich, ich schreibe ein paar Worte. Verdient hat er es allemal.

Herbolzheimer lernte ursprünglich Gitarre, schulte dann aber mit Mitte zwanzig um auf Posaune – offenbar recht erfolgreich, sonst hätte Bert Kaempfert ihn damit wohl nicht in seine Band gelassen. Auf Dauer war ihm der Sound aber wohl zu soft, denn Ende der 60er gründete Herbolzheimer dann seine eigene legendäre Big Band RCAB, die »Rhythm Combination & Brass« – wie der Name schon sagt mit fetter Rhythmusgruppe einerseits und Blech auf der anderen Seite (Saxophon spielte zumindest am Anfang eher keine große Rolle in dieser Band). Und im Gegensatz zum »smoothen« Kaempfert-Sound gab es bei Herbolzheimer dann eher eine Melange aus Jazz, Rock und Funk. Und das mit vollem Big Band-Brett – fett!

Neben seiner Tätigkeit als Bandleader, Komponist und Arrangeur spielte er aber auch hin und wieder selbst, z.B. in Udo Lindenbergs Panikorchester. Bzw. brachte seine Big Band gleich mit. Als Alfred Biolek dann Udo zu »Bio’s Bahnhof« (ja, damals gab’s noch richtig gute Fernsehshows…) einlud, kam die RCAB wiederum mit – und blieb dann gleich als Hausband da. Sammy Davis jr. z.B. war von der Band so begeistert, dass er sich bei seinem Besuch im Bahnhof damals am Ende gleich noch selbst ans Drumset setzte und mit der Band jammte.

Peter Herbolzheimer © www.peterherbolzheimer.de

Peter Herbolzheimer (1934–2010) © http://www.peterherbolzheimer.de

Außerdem hat Herbolzheimer mit dem Bundesjazzorchester 20 Jahre lang eine Institution der Talentförderung der deutschen Musikszene geleitet. Diesem Klangkörper entsprangen u.a. Till Brönner, Julia Hülsmann, Chris Walden, Nils Wülker, Peter Weniger, Tom Gäbel und Roger Cicero, um nur mal die bekanntesten zu nennen. Gut, die waren wohl auch vorher nicht die Allerschlechtesten…

Ich selbst bin ihm nur einmal begegnet, in Stuttgart’s wohl legendärstem Musikgeschäft (jaaa, das mit dem ominösen und ganz geheimen Geheimlager voller Instrumentenschätzchen), war aber viel zu schüchtern ihn anzusprechen. Ja, da war ich noch jung und…und so. Heute kenne ich da ja nix mehr, wildfremde Leute zu belästigen, mich zum Deppen zu machen und diese armen Menschen zu allerlei Aktionen zu nötigen (an dieser Stelle einen lieben Gruß an Frau Palmer). Gut, damals hatte ich auch von Jazz noch nicht wirklich viel Ahnung.

Das kam erst später – und auch wenn ich es nie ins BuJazzO geschafft habe (hab’s ja auch nicht probiert), hab ich in meiner Big Band-Zeit latürnich das ein oder andere von Herbolzheimer gespielt. Und wenn ich dabei nicht allzu viel Stress mit kilometerlangen, mir unbekannten Partituren hatte, konnte ich sogar richtig zuhören ;-) Übrigens, wer unter der hoffentlich treuen Leserschaft des Lauschsofas noch nie einer Big Band in freier Wildbahn gelauscht hat, die/der möge dies doch bitte einmal nachholen. Vorausgesetzt, die Band ist nicht ganz schlecht…bläst einen das einfach weg, im wahrsten Sinne…

Ruhe Groove in Frieden, Peter.

Photo Teaser © Leo Reynolds, http://www.leoreynolds.co.uk

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