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Bok ohne Gärtner

9. März 2010

Saimbok TeaserSiambok haben viel Arbeit in ihre zweite Veröffentlichung Liberaçión gesteckt. Ob sie es geschafft haben, das Live-Feeling auf Studio-CD zu bannen?

Gespannt war ich sehr auf diese CD. Waren SIAMBOK doch im vergangenen Jahr die einzige Band, die sich aus dem typischen Line-Up beim Warmbronner Open Air angenehm hervortat (bis auf diese out-of-tune Geschichte, aber da will ich jetzt mal nicht mehr drauf rumreiten, außerdem wurde das Miss(t)verständnis ja bereits bereinigt). Die Live-Performance der vier Tuttlinger, die bereits seit 2002 in dieser Formation spielen, war handwerklich gut, auf den Punkt, mit schönen Gänsehautmomenten und wäre sicherlich noch besser mit entsprechend größerem Publikum gewesen (wer mal einen Blick auf die Livebilder der Bandwebsite wirft, weiß wovon ich spreche). Diese Atmosphäre wollte man nun mit Liberaçión auch auf CD bannen. Echten, puren Sound ohne großen Studioschnickschnack. Das wird gleich zu Beginn mit an einen Bühnen-Soundcheck erinnernde Drums unmissverständlich klar gemacht. Der Trend geht derzeit wohl wieder zum unverfälschten Sound, Them Crooked Vultures sind aktuell ja ein gutes Beispiel dafür.

Siambok live beim Warmbronner Open Air 2009

SIAMBOK live beim Warmbronner Open Air 2009 (v.l.n.r. Philipp Geigis, git; Holger Hechtle, dr; Julian Schädler, git, voc; Claus-Peter Bensch, bass) © Micha Bream/Warmbronner Open Air 2009

Leider, leider geht für mich dieser Versuch bei SIAMBOK ein Stück nach hinten los. Was nicht zwangsläufig am Studio liegen muss, schließlich ist das u3-Studio von Oliver Szczypula, wo Liberaçión gemischt wurde, eher für bombastischere Werke bekannt. Und ich konnte nach den ersten Takten gar nicht genau sagen an was es genau liegt. In mir rauschte es nur »*brrz* Ohr an Großhirn, Ohr an Großhirn*brrz*, irgendwas stimmt hier nicht *brrz*«. Unabhängig von abstrusen Vergleichen mit Bands, die ein 50-faches Budget für die Produktion haben oder irgendeiner Erwartungshaltung; schließlich kannte ich den Sound der Band »nur« von einem Live-Gig. Aber bei diesem Auftritt im letzten Sommer wurde die Stimmung schlicht besser transportiert. Das schafft die Studio-CD eher in solchen Momenten, wo hübsche Rhythmusideen aufblitzen oder die Songs unerwartete Wendungen nehmen, die angenehm überraschen und bei denen man auch ein wenig mitdenken darf. Songs, die direkt ins Ohr gehen, hören sich zwar anders an, sind bei einem solchen Genremix aber auch keine Pflicht. Richtig kleben bleiben bei mir eher Soundfragmente oder rhythmisch interessante Passagen. Das berühmte »Summ-doch-mal-was-vor« würde bei Liberaçión in meinem Fall also nicht so gut funktionieren. Aber ich glaube auch nicht, dass die Jungs um Frontmann Julian Schädler das Ziel haben, nur Hits zu produzieren, sondern eben zu der Gattung Musiker gehören, die die Musik um der Musik Willen machen. Schließlich wollte man mit diesem Album auch einen Stilwechsel beschreiten: weg vom Grunge hin zum progressiveren à la »Oceansize« oder »The Mars Volta«. Soweit ich das nach kurzem Reinhören beurteilen kann, war die Songstruktur früher deutlich schlichter, wenn auch nicht weniger druckvoll. Inzwischen nimmt man sich mehr Zeit auch für sphärische Parts und will hörbar weg vom Image des Erstlings Despeinado. Fast zwangsläufig entwickeln sich daraus »frickelige« Arrangements, die für den Normalo-Alternative-Hörer ohne progressive Vorerfahrung vielleicht gewöhnungsbedürftig sind. Die Wendungen und Drehungen, die SIAMBOK auf Liberaçión tanzen, sind eben alles andere als gewöhnlich. Mit groovigen Basslines, schön abgestimmten Gitarrensounds, die von schwebend bis krachend alles bieten, kleinen Elektroschmankerln zwischendurch und einem pop-rockigen Schlagzeug liegt der Sound zwischen Prog-, Post- und Indierock mit – und das verbindet die beiden Alben eben doch – durchaus poppigen Elementen. An einigen Stellen hat man sich auch im Gesangsarrangement ordentlich ins Zeug gelegt. Besonders gelungen finde ich die zweistimmigen Elemente beim rockigen Opener »Take It Out On Me« und die Chöre bei »It Is Mine«.

SIAMBOK indoor

SIAMBOK indoor: Liberaçión wurde fast in Eigenregie produziert, lediglich Mix & Mastering kamen von außerhalb

Der Spannungsbogen von Liberaçión ist eher ein Treppenlauf: ein ständiges Auf und Ab. Selbst innerhalb der Songs wird nie von vorne bis hinten, sondern schön dosiert aber dafür ordentlich auf die Glocke gehauen. Sphärische, ruhige und akustische Momente folgen, meist um Raum für den Gesang zu schaffen. Aber SIAMBOK sind eben auch keine Mainstreamband. Selbst wenn man an einigen Stellen auch gängigere Einlagen findet: So erinnert Song 6 »The Loving World« mich entfernt an Feeder zu Pushing the Senses-Zeiten oder andere Brit-Pop-Alternative-Bands aus dieser Zeit. Direkt danach zieht man den Hörer erstmal auf den »Dave«-Dancefloor – hier hat man mal tiefer in die Gesangseffektkiste gegriffen, was dem Song neben den herrlich krachenden Gitarren absolut gut tut. »Plumb Loco« trifft nicht ganz so meinen Nerv, hier hab ich das Gefühl, das jeder irgendwie irgendwas für sich spielt, der Groove rollt nicht sondern hakelt. Allerdings endlich ein Song, wo es Schädler gesanglich mal krachen lässt! »I Don’t Think« beginnt dann auch wieder in Britpop-Lagerfeuer-Manier, das stellenweise schon Fury in the Slaugtherhouse-Charakter hat, führt zwischendurch in eine Art Jam-Session und ist mit 6 Minuten eines der längeren Stücke auf der Scheibe. Bevor es in den Schlussspurt geht, schickt das Quartett mit »Crocodile« einen meiner Favoriten ins Rennen, vielleicht weil man bei diesem Song auf einige hübsche Effekte nicht verzichtet hat. Ganze 12 Minuten lässt man dem überzeugenden Schluss: »At My Feet« rockt, lässt Luft, bringt schöne proggige Keysounds und ist sicherlich auch ein Song, der genau diese Hörer begeistern kann. Bei dieser Länge kann man sich wunderbar Zeit lassen für die Entwicklung des Songs. Vielleicht schafft es die Band, genau das in ihre zukünftigen Ideen zu transportieren. Denn dieser Song klingt, obwohl er eine solche Länge aufweist, geschmeidiger, runder und mit mehr Tiefe als andere dieser Produktion. Konzeptionell sind die 2 Minuten Synthieschluss denn auch zu verzeihen.

SIAMBOK live beim Open See 2008

Das Live-Feeling – wie hier beim Open See 2008 – wollte man mit Liberaçion auf CD bannen

Trotzdem würde mein Gesamturteil vielleicht besser ausfallen, wenn die Songs anders, für meinen Geschmack passender produziert wären. Solch ein Sound und vor allem Raum passt eher zum alten Stil, gerade eine experimentellere Richtung bietet da ja weitaus größere Möglichkeiten und lädt als Spielwiese dazu ein, sich auch mit dem Studio-Equipment auszuprobieren. Ein größerer Raum würde meinen akustischen Sinnen bei dieser Art von Musik doch mehr schmeicheln als ein Sound, der – gemessen an dem was heute schon mit Home-Recording möglich ist – eher an Proberaum und nicht zwingend an Livebühne erinnert. »Kleiner Raum« bedeutet nicht zwangsläufig mehr Nähe, und leider steht z.B. der Gesang für meine Ohren an einer etwas seltsamen Stelle, fast so als würde er nicht richtig zur Band gehören. Hier kann Julian Schädler keine Dynamik entwickeln, sondern bleibt in Lautstärke und Ausdruck immer auf einer Linie. Das wirkt aufgrund des klagenden, melancholischen Stils auf Dauer zu monoton und auch anders als ich das Live-Erlebnis im Kopf habe. An einigen Stellen »detoniert« der Gesang für eine Studioproduktion zu sehr, ein wenig Melodyne hätte den ein oder anderen Patzer sicherlich ausgleichen können. Dies gilt übrigens auch für einige wenige Instrumentalparts, ob das nur am Chorus-Effekt liegt kann man zwar nicht beurteilen, aber es irritiert die Ohren. Da ich diese Probleme aber durchaus selbst kenne, bin ich ganz schnell wieder still ;) Nur soviel noch: die Songs könnten deutlich gewinnen, wenn man vor dem nächsten Album einen Vocalcoach bucht und vielleicht an der ein oder anderen Stelle die Drums etwas unkonventioneller gestaltet. Der traurig-melancholischen Stimme würde ein wenig Theatralik à la Richard Ashcroft bestimmt gut stehen ;)

Wie ein Befreiungsschlag klingt Liberaçión für mich daher noch nicht, eher wie ein Befreiungsschritt. In Anbetracht der Zeit und der Möglichkeiten hat man hier in Eigenregie eine solide Produktion abgeliefert. Die Richtung stimmt, denn es sind interessante, ungewöhnliche Ideen, die man hier in einem ganz eigenen Stil in jeden Song packt. Also eine Band der Kategorie »Sand in der Muschel aber noch keine Perle«. Bei SIAMBOK heißt es deshalb für mich wieder: gespannt sein, was als nächstes kommt. Und den Jungs die Daumen drücken für die kommende Produktion. Vielleicht findet sich auch jemand, der als Gärtner für den Bok einspringt und die Produktion übernimmt?

Im Zusammenhang mit ihrer Veröffentlichung war Gitarrist Philipp Geigis so nett, dem Lauschsofa ein kleines Interview zu geben mit Statements zum aktuellen Album und den Plänen der Band. Mehr dazu könnt Ihr hier lesen.

SIAMBOK - Liberaçion

SIAMBOK - Liberaçion – das Album ist online über Bandcamp erhältlich

SIAMBOK – Liberaçión

Gesang, Gitarre, Programming: Julian Schädler
Gitarre: Philipp Geigis
Bass: Claus-Peter Bensch
Drums: Holger Hechtle

Produziert & geschrieben von Julian Schädler (bis auf »Step Up, Sucker« und »I Don’t Think«, geschrieben von Julian Schädler & SIAMBOK)
Gemischt von Steffen Müller, u3multimedia, Stuttgart
Gemastert von Robin Schmidt, 24-96 mastering, Karlsruhe

SIAMBOK im Web
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… bei MySpace
… bei bandcamp
… bei last.fm

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