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Vogelfüller

27. Februar 2010

Nach der kürzlichen Vorstellung von Polaroid Affection von Candyslade kommt jetzt gleich noch so eine unentdeckte Perle aus dem Jahr 2008: ON/OFF/SAFETY/DANGER von BirdPen.


Ja, Jule hat diese Review hier ja schon angekündigt, denn aufgrund personeller Überschneidungen wurde ich während des Archive-Gigs auf diese Band aufmerksam. Während der Rest unserer Gig-Gänger-Gang es zwar nicht schlecht, aber doch eher »och joh« fand, muss ich zugeben, dass mich BirdPen sofort gepackt haben und ich schon leicht enttäuscht war über die bemerkenswerte Kürze ihres Warm-up-Gigs. Gut, da Dave Pen mit Archive gleich hinterher noch einen weiteren Auftritt hinlegen sollte, muss man eine gewisse Schonung der Ressourcen schon einsehen. Im Gegensatz zum mageren CD-Angebot von Archive am Merch-Stand konnte man das aktuelle BirdPen-Album ja erwerben – was ich tat, und enttäuscht wurde ich überhaupt nicht.

Von der Namensgebung her stehen BirdPen in bester Tradition von Bands wie CSNY oder Dave Dee, Dozy, Beaky , Mick & Tich. Denn BirdPen haben sich benannt nach den Nachnamen von Mike Bird und Dave Pen(ney). Dann hat es sich aber auch schon mit den Ähnlichkeiten, denn erstens wurde im Namen der Dritte im Bunde, Jonathan Livingston Seagull (gut, der ist ja im »Bird« schon mit drin, muahaha), »unterschlagen« (allerdings frage ich mich nach einem kürzlichen Besuch der offiziellen Facebook-Seite, ob er noch mit im Bunde ist). Zweitens machen BirdPen ganz andere Musik. Alternative/Indie, nach eigener Aussage, was auch gut hinkommt. Wobei man den Begriff Postrock hier sicherlich auch noch hinzufügen könnte, denn die Songs von BirdPen sind schon auch…»anders«. Auf jeden Fall ist es wieder einmal eine gelungene Verbindung (nein, heute schreibe ich mal nicht Melange ;-)) aus Rock und Electronic, wobei der Schwerpunkt hier allerdings schon auf Rock liegt.

Bauen die Brücke zwischen »An«, »Aus«, »Sicherheit«, »Gefahr«: BirdPen © BirdPen Official Press Pics

Wie oben schon erwähnt, ist ON/OFF/SAFETY/DANGER bereits 2008 erschienen. Das Trio selbst, das aus dem mysteriösen »The Village« kommt, gibt es schon seit 2004. Und auch hier man wundert sich beim Hören, warum man diese Musik nicht schon längst aus dem Radio hört und dieses Album unter weitgehendem »Ausschluss« der Öffentlichkeit sein Dasein fristet. Denn wie bei Polaroid Affection von Candyslade gibt es hier Tracks, denen ich mal ganz zweifellos uneingeschränkte Radio- und MTV-Kompatibilität bescheinigen möchte – mal bildlich gesprochen, denn ich weiß gar nicht ob MTV mittlerweile überhaupt noch irgendetwas sendet, das ansatzweise mit Musik zu tun hat (aber Ihr wisst was ich meine). Z.B. den Titel »Off«, der im Kern eigentlich nur aus einer sehr einprägsamen Hookline der Bassgitarre besteht, die unaufhörlich und mit wenig Änderung über einem blubbernden Synthie-Bass gespielt wird. Und den hypnotischen Vocals, latürnich.

BirdPen liefern Songs, die einem zugleich völlig vertraut vorkommen und doch neu(artig). Denn wie angedeutet, sind die Songs gleichzeitig auch irgendwie »anders«. Schon der Opener »Breaking Precedent« hat keinen Chorus, der Chorus besteht bestenfalls aus einem fragilen Gitarrenlick. Und die Coda klingt, als würde die Platte hängen. Überhaupt ist das Repetitive ein elementarer Teil von ON/OFF/SAFETY/DANGER. Dieses Album ist nichts für Leute, die permanent neue Parts pro Song brauchen oder schon angenervt »laaangweilig« schreien, wenn der zweite Verse das Gitarrenriff des ersten unverändert wiederholt. Und der dritte womöglich auch noch oder gar der ganze Song nur aus einem besteht – mon dieu! ;-) Oder ist vielleicht gerade deswegen ein Tip für diese – denn BirdPen beweisen, dass es nicht langweilig sein muss! Treue Lauschsofa-Leser wissen, dass ich mit Monotonie ja durchaus ein Problem habe und um meine…äh…»Begeisterung« für Norah Jones, Jack Johnson und Co..

ON/OFF/SAFETY/DANGER bietet nämlich durchaus Überraschungsmomente, und das nicht zu knapp. Z.B. bei »Machines Live Like Ordinary People«, das mit seinem Industrial-Wave-Touch an Depeche Mode oder VAST erinnert und nach dem Indie-Rock der Anfangstitel erst etwas herauszufallen scheint. Und auch in sich selbst wiederum überrascht durch die Kombination einer Akustikgitarre mit harter Elektronik. Wieder gibt es hier z.B. keinen zweiten oder dritten Verse – nach dem ersten Chorus folgt ein Break, darauf dann wieder der Chorus. »Man On Fire« bietet dagegen zwar wieder eine konventionellere Abfolge von Songteilen, doch überrascht hier der Chorus schlicht durch seine völlige Andersartigkeit. Und auch wenn er im ersten Moment wie angeklebt wirkt, hat man am Ende des Songs nicht den Eindruck, dass hier einfach nur irgendwelche Parts ohne Rücksicht auf Verluste aneinandergereiht worden sind – toll! Ähnliche Meister in so etwas sind ja z.B. System Of A Down.

Bei aller Düsterheit bleibt doch immer ein Lichtstreif am Horizont © BirdPen Official Press Pics

Der wohl konventionellste Song des Albums ist »Airspace«, zugleich einer der emotionalsten: man spürt förmlich, wie es unter der weiten, fließenden Oberfläche brodelt, bis es schließlich in einem grandiosen Finale überkocht. Den Spannungs-Bogen haben BirdPen zweifelsfrei raus. »Slow« dagegen hat wieder keinen wirklich dezidierten Chorus, stattdessen wird die Spannung über drei Durchgänge aufgebaut, bis sie sich endlich entlädt – und selbst dann läuft das Grundmotiv unter der »Wall of Lärm« eigentlich unverändert durch. Und bei »The Ghost Bird«, das eigentlich nur aus einem Verse und einem Instrumentalpart besteht (ein Solo ist es nicht wirklich, da seeehr sparsam), glaubt man permanent gleich müsste es losgehen – merkt aber irgendwann, dass es wohl doch nicht mehr dazu kommen wird. Aber man vermisst es dann auch nicht, »es ist ok«, wie man so schön sagt.

Einen sehr sparsamen Ansatz verfolgen BirdPen bei »Thorns«: der ganze Song besteht fast nur aus zwei Akkorden, die sich auch noch denselben Grundton teilen: D–D/G. Einzig am Ende des Instrumentalteils findet sich kurz noch zweimal die Progression A–C–G/B, bevor es wieder zum D–D/G-Wechsel zurückfindet. Doch auch hier von Langeweile keine Spur, auch dieser Song zieht einen förmlich immer weiter mit. Der kürzeste Song des Albums, »The Birds And The Antennas«, ist gar keiner: dieses Ambientstück ist mehr eine Soundscape mit einer Bahnhofsansage, die gegen Ende sogar noch Hänger hat und gar Skurriles sagt. Trotz aller Düsterheit kommt also auch der Humor nicht zu kurz. Und apropos Länge: der längste Song, »Admiral Red«, gönnt sich gar den Luxus eines zweieinhalb-minütigen Intros – Scheiss auf die ganzen A&Rs mit ihren Formeln à la »nach 40 Sekunden muss schon der erste Chorus kommen«… Mit einem dem Titel nach (»Cold Blood«) unerwartet positiv klingenden Song schicken BirdPen den Zuhörer schliesslich auf die Reise nach Hause, und dieser Song ist ideal für Fahrten in den Sonnenuntergang. Oder auch den Sonnenaufgang. Beides eigentlich. Womit wir wieder beim Titel des Albums angekommen wären – immer wieder findet man sich im Wechselspiel der Gegensätze und Widersprüche. An. Aus. Sicherheit. Gefahr.

ON/OFF/SAFETY/DANGER ist ein düsteres, melancholisches Album, aber eines mit dem sprichwörtlichen Licht am Ende des Tunnels. Man bleibt nicht etwa deprimiert zurück, sondern mit einem deutlichen »Aufatmer«. Also ein durchaus sehr energetisches, kraftvolles Werk. Und wie schon der Titel des Albums mehrere Pole in sich trägt, so ist auch die Scheibe selbst ein Werk voller positiver Widersprüche – was es letztlich auch so spannend macht. Einerseits möchte man der Musik volle Stadion-Tauglichkeit attestieren, allerdings sind sie von poppiger Stromlinienförmigkeit à la Coldplay und U2 doch recht weit entfernt. Bei aller popmusikalischen Zugänglichkeit fordern BirdPen den Hörer heraus, sich auf die unkonventionellen Strukturen ihrer Songs einzulassen. Und das lohnt sich – ohne Frage! Denn dann erlebt man hier große Popmusik.

Derzeit basteln BirdPen im Studio am Nachfolger zu ON/OFF/SAFETY/DANGER. Ich bin echt gespannt nach diesem grandiosen Debut…

BirdPen – ON/OFF/SAFETY/DANGER BirdPen – ON/OFF/SAFETY/DANGER
VÖ: 2008
Les Oreilles Bleues / Headstrong


















BirdPen im Web
BirdPen bei MySpace
BirdPen bei Facebook

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