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Instant Photographie und süsse Versuchung

22. Januar 2010

candyslade_teaser

Als ob Weihnachten nicht gerade erst rum wäre, kommt nach CoCoComa nun schon wieder was »Süsses« auf den Tisch…äh…das Sofa: Candyslade aus Köln.

»Et kütt wie et kütt«, sagt der Kölner – und dieser gewisse Fatalismus kann sowohl glückliche als auch weniger glückliche Umstände beschreiben. Und dazu dauern manche Dinge manchmal auch einfach etwas länger. Hach ja… wie dem auch sei: Candyslade haben ihr Debut-Album Polaroid Affection bereits 2008 veröffentlicht.

Das Album kommt in einer hübsch gestalteten Aufmachung mit richtigem Booklet(!) und einem Silberling mit Mirrorball-Print –na, das macht doch schon neugierig. Mich jedenfalls, aber ich mag ja bekanntlich Spiegelbälle, ob rund oder in etwas…äh…»speziellerer« Ausführung. Candyslade, gegründet 2004 von Sängerin/Keyboarderin Eve und Basser/Sänger Rick (ob er wohl auch einen solchen spielt?), machen »New Electro Wave« bzw. »Electro-Glam«, eine Mischung aus Electro, Wave und Glamrock. Also aufatmen, liebe Gemeinde, kein klebrig-süsser Zuckerpop. Sie bezeichnen sich selbst als »erklärte Kinder der 80er« – und das scheint an so mancher Stelle auch unmissverständlich durch. Recht deutlich z.B. bei »Symbols«, wo ich vor dem geistigen Auge schon Herrn Sommerdorf zum Falsett ansetzen sehe ;-) Doch wer mich kennt, weiß, dass ich nicht gleich »Blasphemie« u.ä. schreie. Nein, ein Zitat finde ich durchaus mal legitim, wenn es nicht rein plakativ und ausbeuterisch verwendet wird – und diesbezüglich gibt es hier nämlich überhaupt nix auszusetzen. Die Songs von Candyslade haben genug Eigenständigkeit und es daher gar nicht nötig, sich irgendwo bloß anzuhängen. Im Gegenteil – Polaroid Affection ist voll von ausgefeilten Melodien mit schönen Spannungsbögen und eingängigen Hooks, die einem sofort ins Ohr gehen und auch lange nach dem Hören noch dort bleiben. So geht gute Popmusik!

Candyslade

Es muss nicht immer Spiegel(ball)saal sein, rote Kacheln tun's manchmal auch – Candyslade sind: Rick (b/voc), Martin (git), Eve (voc/keys), David (dr) © Steven Mahner/Candyslade

Schon der erste Song »Phone Voice Phantom Skin« ist sehr interessant (nein, wir sind zwar in Köln, aber das meine ich nicht Biolek-mässig), denn es ist einer dieser »Durchlaufsongs«, die ohne dezidierten Chorus auskommen. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn so was funktioniert. Aber warum eigentlich nicht? Passt auch zum Inhalt – bei ähnlicher Thematik hat Ravel das beim »Bolero« ja auch so ähnlich gehandhabt. »Symbols« lockt einen wie gesagt erst mal auf eine ganz falsche Fährte – doch sobald der Gesang einsetzt, hat man jegliche Erinnerung an irgendwelche Kleinstadtjungs vergessen und wird in den Strudel hineingesogen: Lyrics und Melodie bilden hier eine perfekte Einheit. Nachdem es bei »Kinky/Vanilla« schon bissel deutlicher losrockt, wird es bei »Impatience« nochmal richtig electro-mässig und Mirrorball-tauglich: Mesdames et Messieurs, Zeit zum ‚üftshaken! Ab dem Titelsong »Polaroid Affection« wird die Mitte des Albums dann dunkler bis schon recht schwarz: »Mirror Mirror« überrascht mit einem Glockenspiel-Intro und auch sonst dem ein oder anderen schrägen Sound, ist bei aller Düsterheit aber der wohl emotionalste Song des Albums (und wohl auch mein heimlicher Favorit…jaja, ich Mini-»Prince of Darkness«). Bei »Bitter Kiss« (nur süss wäre ja ungesund!) darf sich die Gitarre schon wieder ein bisschen rein-»Schränngg!«-en, bevor »Sweet Mess« und »Cultures Of Resistance« dann mit einer deutlichen Rock-Attitüde daherkommen. Allerdings sehr stimmig, nicht etwa plötzlich so, wie es Rick’s T-Shirt vielleicht vermuten ließe ;-) Und mit »Walk Away Fade Away« findet das Album ein ganz überraschendes Ende.

Sang und Klang

Eve überzeugt als Sängerin auf ganzer Linie, ihre klare und helle Stimme passt sehr gut zum Gesamtsound und findet einen passenden Gegenpol in der Stimme von Rick, der gelegentlich gesprochene Parts oder auch Backings beisteuert. Für meinen Geschmack kann er in Zukunft gerne öfter mal stimmlich was einwerfen – ich freue mich ja über jeden weiteren dunkelstimmigen Mitstreiter, der mit mir den Kampf aufnimmt gegen die vorherrschende Eunuch…äh…Tenöre-Front.

Ein sehr guten Job hat auch Engineer Philipp Rummel gemacht. Sehr klar und durchsichtig, aber nicht penetrant klingt Polaroid Affection. Da kann sich so manche Label-unterstützte Scheibe eine ebensolche abschneiden. Und auch was die nicht-tontechnische Seite angeht, gefällt mir der Sound des Albums richtig gut. So haut man weder völlig auf die Retro-Synthsound-Glocke, noch wird versucht durch abgedrehte Sounds besonders…äh…»originell« zu sein. Polaroid Affection findet hier einen guten Kompromiss, viele Sounds erinnern einen sehr deutlich an frühere Zeiten, sind aber auch wiederum nur Zitat – das Album klingt keinesfalls altbacken, sondern ist absolut zeitgemäß. Und die Songs sind einfach auch gut arrangiert.

Candyslade

Der Eindruck täuscht – der Zug ist für Candyslade alles andere als abgefahren © Steven Mahner/Candyslade

Tanzbar, rockig und auch ein idealer Begleiter auf nächtlichen Autofahrten über verwaiste Großstadt-Autobahnen – Polaroid Affection ist ein sehr gelungenes rundes Album, das zum einen abwechslungsreich ist und sich von Electro-Pop über Düster-Wave zu Rock entwickelt, zum anderen aber den berühmten »roten Faden« behält und nicht etwa einen stilistischen Gemischtwarenladen darstellt. Zugegeben: für meinen Geschmack könnte es an der ein oder anderen Stelle gerne noch deutlicher rocken und »gitarrenbraten« – aber ich wäre ja auch nicht ich, wenn ich so gar nix zu meckern hätte ;-)

Und jetzt?

Mittlerweile sind Candyslade zum Quartett gewachsen, und neben Gitarrist Martin, der schon auf dem Album zu hören ist, soll Drummer David nun für mehr »wumms!« sorgen. Da bin ich sehr gespannt – gerade die etwas rockigeren Songs können dadurch nur gewinnen. Andererseits fände ich es auch schade, wenn die etwas kühle Electronic-Seite von Candyslade völlig verschwinden sollte. Aber andere Kapellen wie z.B. Depeche Mode haben das auch schon gemeistert, sollte also zu schaffen sein. Ich persönlich mag ja die Vermischung von Electronic und Rock sehr gerne und kann die von Candyslade dem geneigten Hörer schon jetzt nur empfehlen. Bei der Preisgestaltung der CD ist sowieso kein Raum für unschlüssige Zögerei. Die Arbeiten zur neuen Scheibe sollen übrigens im Frühjahr aufgenommen werden.

Wer jetzt Lust auf diese süsse Versuchung bekommen, noch Bedarf an Abendgestaltung hat und verkehrsgünstig wohnt, die/der begebe sich doch heute Abend ins MTC in Köln – da sind Candyslade nämlich live zu erleben.

Und wer der Band ein verspätetes Weihnachstgeschenk machen möchte, kann dies hier beim derzeitigen »Battle of the Bands« des Sonic Seducer-Magazins tun und sein Votum für Candyslade abgeben. Ich für meinen Teil habe es schon erledigt – und das war alles andere als ein Gefälligkeitsgeschenk. Die Ansicht, dass Köln popmusikalisch siech oder gar tot ist, möchte ich ja sowieso nicht so ganz teilen – und solange dort Bands wie Candyslade bei rauskommen schon gar nicht.

Candyslade - Polaroid Affection (2008)Candyslade – Polaroid Affection
(2008 – Eigenvertrieb)


















Candyslade live:
22.01.2010 Köln @MTC, 21:00 Uhr, Einlass 20:00 Uhr (mit cue IN)

Candyslade im Web
Candyslade bei MySpace
Candyslade bei Facebook

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