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CoCoComa auf die Zwölfzehn

13. Januar 2010

cococoma teaser

Ein Samstagabend in einem Live-Club kann so einiges an Erkenntnissen bieten: Heineken ist kein Ersatz für Jever, im Zwölfzehn gilt das Rauchverbot nicht, es gibt Vollpfosten, die mit einem vollen Bierglas in der Hand meinen Pogo tanzen zu müssen (ohne das Glas vorher abzustellen, latürnich!)…und US-Bands haben irgendwie immer mehr Druck.

Ja, ich war neulich mal wieder unterwegs in Sachen Livemusik – und dieses mal ganz ohne die üblichen Komplikationen wie »kein Parkplatz«, »keine Band«, »Band schon fertig« etc. Nun, dafür gab es halt andere, siehe oben. Aufspielen sollte jedenfalls eine US-Band mit einem Sound zwischen »Garage-Punk der 60er und melodischem Punk-Rock der 70er« – sprich: was für mich. CoCoComa, 2005 als 2-Mann … äh …Frau…dings…-Band vom Ehepaar Lisa und Bill Roe gegründet und später durch Mike Fitzpatrick und eine Farfisa zum Trio erweitert, haben unlängst ihre neue Scheibe »Things Are Not All Right« veröffentlicht und befinden sich gerade auf Europa-Tour. Die deutschen Dates sind seit kurzem abgearbeitet, das letzte Konzert fand also statt im Zwölfzehn – und ich war dabei.

Vorband in Action?

Cococoma in Action

Doch fangen wir vorne an. Zuerst betraten Liquid Kitty (Foto oben, Foto unten: zum Vergleich CoCoComa) aus Heilbronn die Bühne. Nun, wie soll man sagen? Sie haben sich bemüht. Vor allem Sänger und Keyboarder Yves Alexander und ganz besonders Sänger und Schlagzeuger Hans-Jörg Seidler versuchten sich an einer der Attitüde ihrer Musik angemessenen Rock-Show sowie der verbalen und non-verbalen Kommunikation mit dem Publikum. Und vertraten somit die lebhafte Seite von Liquid Kitty. Die rechte Seite der Bühne wirkte komplett anders, was irgendwie ein bizarres Bild bot. Bassist Philipp Seitz verschwand zwar vom Standort her sowieso fast schon im Backstage-Bereich, hielt sich allgemein aber sehr im Hintergrund. Gut, Bassisten gelten oft als ruhender Pol einer Band, allerdings sooo ruhig? Bei der Art von Musik? Das wirkte schon seltsam. Ebenso Gitarrist Jens Thimig, der mit einer stoischen Haltung das ganze Konzert über keine Miene verzog. Gitarre spielen kann er zweifelsohne, aber er wirkte eher wie ein Schwermetaller-Gitarrero, der sich sämtliche John-Petrucci-Soli 1-zu-1 raushört, aber keineswegs wie ein rotziger Garagen-Rocker, der es einfach mächtig krachen lassen will. Denn das tut die Musik von Liquid Kitty ohne Frage, passend zum Motto Garage-Punk-Rock, das an jenem Abend im Zwölfzehn ausgerufen war. Aber der Funke wollte nicht so recht überspringen. Zum einen bieten die Songs leider nicht viel, was sich in meinem Ohr festgesetzt hätte. Zum anderen war der Sound auch recht undifferenziert – was aber durchaus auch mal am Mischer liegen kann, klar. Ich war ja schon fast beruhigt, dass selbst wenn es der Sänger der Band ist, der in’s Piano haut, die Keys trotzdem so leise sind, dass man sie kaum mal zu hören bekommt. Ja, wir Tastenmenschen haben’s schon schwer… Vielleicht brauchen Liquid Kitty aber auch einfach noch etwas Zeit, um mehr zusammenzuwachsen?

cococoma im Zwölfzehn I

CoCoComa im Zwölfzehn, Gitarristin Lisa leider nicht im Bild, dafür das Bier auf der Hose © Lauschsofa

Nach einer Umbaupause (Lisa Roe legte in weiser Voraussicht gleich mal ein paar Sätze frischer Saiten und ’nen Seitenschneider bereit) traten dann CoCoComa auf die Bühne und machten mit dem ersten Ton eindeutig klar, wer hier der Headliner ist. Ich möchte fast schon sagen: ein Unterschied wie Tag und Nacht. CoCoComa legten mit einer Wahnsinnsenergie und Spielfreude los, dass hier der Funke sofort übersprang. Manch einer hatte offenbar nicht mal mehr Zeit sein volles Glas abzustellen (siehe oben).

Bemerkenswert ist eine Band, in der der Schlagzeuger der Leadsänger ist, allemal. Bill Roe verbarrikadiert sich auch nicht hinter einer Riesenbatterie: Bassdrum, Snare, Hi-Hat, Crash, Ride und eine (!) Standtom. Das war’s. Kann auch reichen, offensichtlich. Und hätte er nicht seine Brille abgenommen – man hätte glatt denken können, dass Elton John in seiner Freizeit in einer Punkband trommelt. Verblüffend, diese Ähnlichkeit… Seine Frau Lisa hatte übrigens recht, und nicht alle Saiten auf ihrer Tele haben den Gig überlebt. Allerdings hielt sie sich auch gar nicht lange mit Saitenwechsel auf, nach dem Motto »Sch**ssegal, muss auch mit fünf gehen, Rock’n’Roll!«, und immer weiter mit Vollgas.

Frau Cococoma im Zwölfzehn I

Spiel mit Fünf - Lisa Roe von CoCoComa kann’s © Lauschsofa

Ja, hier besteht alles andere als die Gefahr, durch Zuckerschock in’s CoCoKoma zu fallen. Hier ist kein Platz für süßlich-klebrig, hier gibt’s voll auf die (Kokos-)Nuss! Die Vorankündigung hat gestimmt, Garage-Punk-Rock par excellence. Doch bei aller Kraft und Energie ist die Musik von CoCoComa beileibe kein bloßer Lärm. Zum einen haben die Songs gute Hooks, setzen sich kurzfristig im Ohr fest und voneinander ab und sind ergo durchaus gute Popmusik. Zum anderen fallen CoCoComa schlicht durch Können auf. Punk hin oder her, hier sind nicht vier Leute am Werk, die dem Urgedanken des Punk huldigen, sondern die ihre Instrumente und auch Stimmen wirklich gut bedienen können. Das Zusammenspiel der Band war klasse – auch bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Leute auf der Bühne eigentlich gar nicht zur Band gehört, sondern eben zum derzeitigen Live-Lineup. Der bei allem Krach sehr differenzierte Sound wird nicht allein dem Mann am Mischpult zuzuschreiben sein. Und um auf obige »Zweiteilung« der Bühne zurückzukommen – auch die rechte Bühnenseite war hier deutlich am Rocken. Selbst wenn Gitarrist und Keyboarder Anthony Cozzi auch eher introvertiert scheint, man nimmt ihm von der Ausstrahlung her den Rocker einfach ab. Ebenso Bassist Tyler J. Brock, der den Rock nicht nur im Namen trägt, sondern sich auch sehr deutlich um die Show verdient gemacht hat.

Auch auf Platte machen CoCoComa genauso »weiter« wie live. Ja, richtig gelesen: am Merchandising-Stand findet sich vor allem Vinyl. Auch hier also guter alter Rock’n’Roll. Manche Tonträger gibt es gar nur auf Vinyl, die aktuelle Platte »Things Are Not All Right« ist auf Vinyl und CD erschienen. Ich habe mir ganz klassisch die Platte gegönnt – und bei allem »retro« erhält man hier inklusive noch einen Download-Pass, mit dem man sich das Album als mp3 noch kostenlos dazuziehen kann. Toll. Und noch toller: CoCoComa veröffentlichen auch noch 45er-Vinyl-Singles!

Mann Cococoma im Zwölfzehn I

Elton John am Schlagzeug? Nein, das hier ist Bill Roe von CoCoComa an den Gut & Günstig-Effektiv Drums © Lauschsofa

Nach dem Gig hab ich mich draußen mit Basser Tyler J. Brock kurz unterhalten und ihn gefragt, woran es denn läge, dass US-Bands fast immer mehr Druck, mehr Punch rüberbringen. Zugegeben, vielleicht eine etwas doofe Frage, und was das üblicherweise nach sich zieht, ist uns allen bekannt. Aber nach kurzem Nachdenken erschien mir seine Antwort gar nicht mehr so doof: »We just love Rock’n’Roll…« Und gerade bei den beiden Bands, die man an diesem Abend im direkten Vergleich sehen konnte, machte dieser Spruch wirklich Sinn. CoCoComa scheinen den Rock’n’Roll irgendwie schon wirklich zu lieben und zu leben. Nein, damit meine ich jetzt nicht die ganzen Klischees, die mit diesen Worten üblicherweise in Verbindung gebracht werden. Nach dem Gig war Lisa Roe gleich brav am Merchandising-Stand, während die restliche Band das Equipment abbaute und im Bus vor der Tür verstaute und sogar noch selbst den Müll wegbrachte. Was danach noch lief, entzieht sich zwar meiner Kenntnis, aber bei dem straffen Tourplan und auch dem (zugegeben flüchtigen) Eindruck, den ich von den Mitgliedern gewonnen habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass da noch groß Rock’n’Roll-Klischees ausgelebt wurden. Nein, CoCoComa sind einfach wirklich voll bei der Sache, es passt halt. Aber ganz gelöst habe ich das Rätsel damit wohl immer noch nicht. Es lohnt sich also, dem Lauschsofa die Treue zu halten, denn wer weiß, vielleicht komme ich eines Tages vollends hinter das Geheimnis…

Current lineup:
Bill Roe: drums, lead vocals
Lisa Roe: guitar, backup vocals
Tyler J. Brock: bass, backup vocals
Anthony Cozzi: guitar, organ, backup vocals

Original (Studio) lineup:
Bill Roe: drums, lead vocals
Lisa Roe: guitar, backup vocals
Mike Fitzpatrick: bass, organ, backup vocals

CoCoComa bei MySpace

CoCoComa im Web

Liquid Kitty bei MySpace

CoCoComa - Things Are Not All Right

Aktuellles Album von CoCoComa: Things Are Not All Right – 2009, Goner Records

Als MP3, CD oder Vinyl erhältlich bei Midheaven

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