Zum Inhalt springen

Für eine Handvoll Euro und Mark

23. Dezember 2009

Es gibt sie noch, die Songs, die man gerne selbst geschrieben hätte. Oder bei denen man das Gefühl hat, sie wären nur für einen ganz speziell geschrieben worden…

Weil sie einen einfach mittenrein treffen. Weil sie genau das aussagen, was einem selbst im Kopf herumgeht. Weil sie genau die Situation beschreiben, in der man gerade selbst steckt. So ging es mir, als ich vor kurzem zufällig mal wieder bei »Ina’s Nacht« reinzappte und den Song »Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich« von Element Of Crime hörte, die dort ihr damals neues Album Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie promoteten (ja, im Ersten laufen wieder mal nur Wiederholungen, die Scheibe kam nämlich schon Ende September raus – und gleich auf Platz 2 in die Tabellen!).

Warum also nicht die Gelegenheit nutzen, mir endlich mal eine Platte dieses Urgesteins der deutschen Musikszene zu besorgen? Immerhin sind sie ja schon seit einem knappen Vierteljahrhundert dabei, und schon die zweite Scheibe wurde von John Cale produziert. Und als ob es ein Zeichen wäre, ist die CD auch noch in einem schönen Lilaton bedruckt (jaja, ich weiß, »lila ist die Farbe der Frustrierten« und so…ich mag lila trotzdem. Und hab schon lila Schuhe und Hosen getragen als noch nicht an jeder Ecke jemand mit Sachen in dieser Farbe rumstand, so!). Das Booklet könnte etwas liebevoller gestaltet sein. Ich muss allerdings zugeben, dass es zum Gesamteindruck des Albums passt. Und immerhin gibt es in der Mitte eine hübsche Photosammlung.

Element of Crime auf dem Wasser

»Nimm die Hand von der Hupe, ich will an Land!« © Photo: Golterman/Wulf

Ja, ich gebe zu, ich habe mich bisher mit Element Of Crime noch nicht beschäftigt. Auch den Lehmann hab ich weder gelesen noch gesehen – dass Herr Regener aber für das ein oder andere geschliffene Wort gut ist, war mir jedoch sehr wohl bekannt. Der Hardcore-EOC-Fan mag mir verzeihen, denn ich kann so natürlich nicht beurteilen, welchen Stellenwert Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie im Gesamtwerk von Element Of Crime einnimmt, aber ich kann sagen: mir gefällt das Album richtig gut!

Was an Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie erst mal auffällt, ist der Sound. Sehr direkt und zugleich sehr luftig. Sehr gelungen! Zur Aufnahme haben Produzent/Basser David Young und Element Of Crime das traditionsreiche Tritonus im heimatlichen Berlin heimgesucht, zur Nachbearbeitung begab man sich gar über den großen Teich nach Nashville – so zum Mix in die edlen Blackbird Studios, das mittlerweile doch recht, äh, erwachsen gewordene »Garagen-Studio« von Country-Star Martina McBride und zu dessen Stammmannschaft auch Tonschrauber-Legende George Massenburg gehört. Und das hat durchaus seinen Sinn und gibt mir eine perfekte Überleitung.

Spiel mir das Lied vom…

Denn Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie klingt wie der Soundtrack zu einem imaginären Italo-Western. Rauh, ungestüm, aber doch irgendwie feinfühlig. Zynisch und versöhnlich. Verwundet und müde, aber nicht erledigt. Desillusioniert, aber nicht wirklich verbittert. Staubig, aber mit reinem Herzen. Hart, aber herzlich. Und mit einer guten Portion Galgenhumor. Elektronik und Loops sucht man hier vergeblich, dafür finden sich schöne (ab und zu »angecrunchte«) Gitarrensounds, schepperndes Besen- und Roots-Schlagzeug, Mandoline, Lapsteel, Orgel, Mundharmonika, Streicher und sogar mal eine Kalimba. Und spätestens wenn die Trompeten im Mariachi-Stil daherkommen, sieht man vor dem geistigen Auge Clint Eastwood und Lee Van Cleef in ein mexikanisches Wüstenkaff einreiten. Wenn nicht gleich beim losgaloppierenden…äh…-shufflenden Opener »Kopf Aus Dem Fenster«. Da ist der Bonustrack am Ende, der Carter-Family-Klassiker »Storms Are On The Ocean«, nur konsequent.

Insgesamt ist Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie ein sehr entspanntes Album. Zwar rockt der Titeltrack recht gut nach vorne, aber insgesamt ist die Platte eher im Midtempo-Bereich angesiedelt. Doch auch – oder gerade – entspannt lässt sich vortrefflich grooven! Und selbst wenn ich die Scheibe spontan als perfekten Soundtrack für das Männergespräch an einem lauen Sommerabend bei Sonnenuntergang neben dem »Würstchengrill unten am Fluß« gesehen habe, eignet sie sich mit ihrer leicht melancholischen, aber doch irgendwie positiven Stimmung auch sehr gut für die Winterzeit.

Element of Crime auf der Sonnenterrasse

David und Richard, Sven und Jakob – jammern und picheln im Gartencafé © Photo: Golterman/Wulf

Klar, ein Stimmwunder ist Herr Regener ja nun bekanntlich nicht unbedingt. Aber das macht ebenso bekanntlich in meinen Augen nicht unbedingt einen guten Sänger aus. Zur Gesamtstimmung des Albums passt seine Performance jedenfalls optimal und sorgt für ein stimmiges Gesamtbild. Jule meinte zwar bei der dritten Strophe von »Deborah Müller« ob der ungewöhnlichen und jegliches Zeilenende verwerfenden Verteilung des Textes über die gesamte Strophe hinweg »Des geht ja gar net!!!« – aber mich stört das ehrlich gesagt nicht. Ungewöhnlich, ja, und auch befremdlich. Aber ich finde, wenn man sich mal darauf eingelassen hat, wirkt es von mal zu mal weniger »(ver-)störend«.

Scheiß auf Metaphern

Ja, die Texte. Ich muss zugeben, dass sich mir die Texte nicht alle vollständig erschlossen haben. Auch wenn mir Jule bei manchen Stellen auf die Sprünge geholfen hat, bin ich mir bei vielen Passagen nicht sicher, ob ich sie auch wirklich verstanden habe. Allerdings stellt sich mir da auch wieder die Frage, inwiefern das wirklich wichtig ist. Immerhin reden wir hier von Musik, und manchmal kann man – so finde ich – auch die Worte einfach in ihrem Klang auf sich wirken lassen (ein Paradebeispiel für solche schon allein für sich toll klingende Lyrics ist für mich z.B. immer Bernie Taupin).

Doch zurück zum Thema. Die Texte handeln z.B. von schnellem, vergänglichen, zweifelhaften Ruhm (»Deborah Müller«), Kleinbürgertristesse im Mikrokosmos (»Kaffee Und Karin«), der Sinn- und Zielsuche in jungen(?) unvernünftigen Jahren und dem Wunsch anzukommen (»Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie«), der unterschiedlichen Betrachtungsweise ein und derselben Sache (»Einer Kommt Weiter«), dem Eingestehen von Fehlern (»In Mondlosen Nächten«) oder auch eher allgemeinerer Sozialkritik (»Kopf Aus Dem Fenster«). bzw. recht desillusionierter Utopie (»Euro und Markstück«). Sofern ich alles richtig verstanden habe, latürnich! ;-)

Wie bereits angedeutet, kommt der (Galgen-)Humor nicht zu kurz. Zeilen wie »Hartverdient das Brot, härter die Erkenntnis und am härtesten ein ganzer Tag mit Dir« sind einfach herrlich! Oder auch die ungewöhliche Liebeserklärung »Was für Cloppenburg Pfanni ist, bist Du für mich« – direkt gefolgt von der Erkenntnis »Und dann scheiß auf Metaphern, die sind böse und heiß«. Doch neben diesem Humor bzw. auch der Ironie und dem Zynismus (»Der Weisse Hai«) gibt es auch was für’s Herz (»Bitte Bleib Bei Mir«). Doch auch hier nie kitschig-klebrig, sondern mit einem feinen Witz: »Wer die Monatskarte hat, sollte besser nicht am Monatsanfang sterben«.

Und dann wäre da ja noch »Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich«. Meiner Meinung nach der zugänglichste Song des Albums, klar, offen und ehrlich und richtig schön arrangiert. Eigentlich wohl auch der schönste Track des Albums. Und für mich (leider) mein ganz persönlicher Song des Jahres 2009…

Immer da wo Du bist bin ich nieElement Of Crime – Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie
VÖ: 18.09.2009
Vertigo Berlin














Element Of Crime im Web

Offizielles Video zur aktuellen Single »Am Ende Denk Ich Immer Nur An Dich« auf der Element Of Crime Website (ein Einbetten, geschweige denn ein Abrufen auf dem offiziellen YouTube-Kanal von Vertigo.fm war nicht möglich, da »in meinem Land nicht mehr verfügbar« – Content einer deutschen Band, die auf deutsch singt und wohl auch hauptsächlich auf dem GSA-Markt agiert und auch bei einem deutschen Label eines, zugegeben, US-Majors unter Vertrag steht…hach ja…*kopfschüttel*)

Offizielles Video zu »Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie«:


Element Of Crime Tour 2010:

19.01.2010 Zürich @Kaufleuten (Zusatztermin)
20.01.2010 Zürich @Kaufleuten (ausverkauft)
21.01.2010 Bern @Bierhübeli
22.01.2010 Linz @Posthof (ausverkauft)
23.01.2010 Innsbruck @Hafen
25.01.2010 München @Tonhalle (ausverkauft)
26.01.2010 Stuttgart @Theaterhaus (ausverkauft)
27.01.2010 Erlangen @Herinrich-Lades-Halle
28.01.2010 Leipzig @Haus Auensee
29.01.2010 Dresden @Alter Schachthof (ausverkauft)
30.01.2010 Offenbach @Capitol Offenbach (ausverkauft)
01.02.2010 Köln @Palladium
02.02.2010 Bielefeld @Ringlokschuppen
03.02.2010 Bochum @Jahrhunderthalle
04.02.2010 Hannover @Capitol Hannover
05.02.2010 Hamburg @Alsterdorfer Sporthalle
06.02.2010 Bremen @Pier 2
07.02.2010 Berlin @Arena
09.02.2010 Wien @Gasometer
10.02.2010 München @Tonhalle (Zusatztermin)
11.02.2010 Dresden @Alter Schlachthof (Zusatztermin)

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: