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Notruf auf französisch – Teil 1

17. Dezember 2009

diams-header

Mit S.O.S. veröffentlicht die französische Rapperin Diam’s ihr drittes Major-Album und macht sich mit ihrer neuen Kopfbedeckung keine Freunde. Erster Teil der Notaufnahme.

Darf Musik politisch sein? Soll Musik sogar politisch sein? Ist politisch gleichzusetzen mit religiös oder umgekehrt? Wenn man sich das neue Album von Diam’s anhört und die weiblich-französische Rap-Peripherie betrachtet, begibt man sich rasend schnell in diese Diskussion. Dabei wollte ich doch nur ein neues Album besprechen… Und schwupps werden mir Kopftuchdebatte, Unterstützung südamerikanischer Widerstandskämpfer, unzureichendes Gesundheitssystem und Verrat am Feminismus auf dem Tablett serviert. Ja, liebe Eltern, Musik hat eben doch noch Aussagen heutzutage. Insbesondere die französischen Sprechgesangsdamen scheinen hier mit einem persönlichen oder übergeordneten Aktionismus gesegnet zu sein. Und somit vielmehr in der Tradition des Hip Hop zu stehen als die heutigen Spaß- und Gewaltrapper aus Übersee, Berlin oder Stuttgart. Aber ehrlich, die folgenden Protestwellen, die die Damen erzeugen, sind mir deutlich lieber als wieder ein neues Skandalvideo von Rammstein oder ewige Diss-kussionen über den Sprachgebrauch der Berliner Masken-Rapszene.

TEIL 1 – Diam’s: Gefunkt hat es unweit der Käsetheke

Diams 2005 in ihrer »Blase« © Xavier de Nauw

Diams 2005 in ihrer »Blase«, so freizügig würde sie sich heute vermutlich nicht mehr fotografieren lassen © Xavier de Nauw

Die Geschichte beginnt im übergreifenden Touristen-Hotspot in Frankreich: dem Supermarkt. Dort begegnete mir Diam’s als aufdringlich lautes Video, das mir zwischen leckerem Käse, unverschämten Süßwaren und einer 50 m langen Fischtheke entgegenschallte. Kein besonders gelungener Platz für das erste Date, aber es hat trotzdem gefunkt zwischen uns. Meine Hip-Hop Sammlung beschränkt sich auf einige deutsche Bands, MC Solaar oder auch Missy Elliott & Co. Will sagen, ich bin weder Kenner der Szene noch habe mit dieser Art Musik im allgemeinen wahnsinnig viel am Hut, aber die Live-Performance (die DVD Au tour de ma bulle war soeben erschienen) und dieser herrlich rotzige Rap der kleinen Französin hat mich im Sturm erobert. Und ja, ich gebe zu, dass ich das Album Dans ma Bulle auch bereits assig laut genau in demselben Sommer 2007 bei runtergelassenem Fenster rauf und runter gehört habe (der Proll in mir regt sich da ab und zu). Dass das Album in Frankreich schon lange Zeit in den Top Ten war und Diam’s zu den prominentesten Künstlern der französischen Szene gehörte und mehrere Preise gewonnen hatte, war mir noch gänzlich unbekannt. Auch dass sie Vorbild vieler junger Französinnen war und zur modernen Heldin des Feminismus hochstilisiert wurde, konnte man sich zwar zusammenreimen – aber letztendlich hat es mich nicht in erster Linie interessiert. Meine Französischkenntnisse reichen für das rudimentäre Verständnis der Texte aus, aber Details bleiben mir erspart bzw. muss ich mir bei Bedarf erarbeiten. Soviel allerdings kann ich inzwischen aus einigen anderen Beiträgen und genauerem Hinlesen berichten: Dans ma bulle war ein Aufschrei aus den Vororten und Ghettos französischer Großstädte. Ein Aufbäumen gegen die Probleme insbesondere der weiblichen Jugendlichen, eine Verurteilung häuslicher Gewalt und des Sexismus gegenüber (junger) Frauen, ein politisches Statement gegen rechtskonservative Franzosen, insbeondere gegen Le Pen & Co. Laut, rotzig, kraftvoll und vor allem mit jeder Menge guter Beats, einem einprägsamen Flow und sogar einigen Hooks, die mich akustisch an einen alten Bekannten erinnerten: Francis Cabrel, französischer Songwriter. Und da hab ich mich offensichtlich gar nicht getäuscht, denn der war der Jugendheld von Madame Diam’s. Besonders herausragend finde ich die Songs »Jeune demoiselle«, »La boulette«, das 70er-RnB-groovige »Big up« und das sozialkritisch-politische »Ma France a moi«.

Musik-Voodoo

Nun fiel mir das Album diesen Herbst wieder in die Hände, just kurz bevor Diam’s ihr neues Album S.O.S. veröffentlichen sollte – eine Mischung aus unglaublichem Zufall und unheimlichem Musik-Voodoo *mmhhuuaaa*. Ein Blick auf die Website bescherte mir einen kostenlosen Download der ersten, mit über neun Minuten ziemlich langen, Single »I am somebody«. Das erste, was mir dazu einfiel, ging eher in Richtung Hochverrat und Abkehr von der Heimat. Ein Songtitel auf Englisch – Mon Dieu, impossible! Gut, der Rest nun wieder auf französisch, trotz allem ungewöhnlich. Und dann auch noch das erste Video zu »Enfant du desert« in den USA gedreht. Die ganze Maschinerie um den Albumstart auch recht amerikanisch: Newsletter, Statements auf YouTube oder direkt auf der Website, MySpace, Twitter, Facebook – das EMI-Marketing war in vollem Gange und die Vorfreude auf das Album wurde dadurch hübsch verstärkt ;) Leider musste ich mich final mit einem itunes-Download aus preislichen Gründen begnügen (für Deutschland war das über den Versand deutlich zu teuer), aber die gewaltige Kraft des neuen Albums kommt trotzdem an: Diam’s klingt eine Spur enttäuschter, aggressiver als auf dem letzten Album und gleichzeitig verletzlicher und persönlicher. Ein Album, das den Vergleich mit »echten« internationalen Produktionen mitnichten scheuen muss.

Diam’s 2009 © Xavier de Nauw

Diam’s 2009 – die Kopfbedeckung schon etwas strenger, in der Öffentlichkeit zeigt sie sich noch verhüllter © Xavier de Nauw

Jeune demoiselle ab jetzt mit Kopftuch

Für wen das Notrufsignal nun genau gilt, dafür gibt es sicher zahlreiche Antworten. Die wahrscheinlichsten: die Rapperin wurde von Presse und Öffentlichkeit ziemlich belagert und ihr Privatleben wurde auseinander genommen. Außerdem hatte sie sich wohl in psychiatrische Behandlung begeben, um den Ruhm in Kombination mit ihrer verkorksten Kindheit auf die Reihe zu bekommen. Dummerweise konnte die Medizin sie nicht aus diesem Loch befreien, und die »Jeune Demoiselle« Mélanie, so lautet der eigentliche Vorname des französischen Diamanten, sucht nun ihr Seelenheil im Islam. Autsch. Frankreich und die Fans fühlen sich verraten. Nicht wegen der US-Anleihen, sondern weil eine zypriotische Einwandererstochter die Religion wechselt. Und vor allem, weil nun die Vorbildfunktion futsch ist. Erst für die Rechte junger französischer Frauen (vor allem der Immigrantinnen) und gegen Sexismus zu singen und ein paar Jahre später zum Islam zu konvertieren, ist in meinen Augen nicht nur unglaubwürdig, sondern sieht mehr nach Modeerscheinung denn nach echtem Glauben aus. Nun ja, in einem Land wie Frankreich ist ein Religionswechsel ja auch einfach möglich. Insbesondere die ganzen Feministinnen, die Diam’s ganz gerne mal den Puls fühlen würden, sind ziemlich aufgebracht. Vielleicht ist S.O.S. ja auch die versteckte Botschaft an die Fans, sie aus ihrer »Burka-Gefangenschaft« zu befreien, wer weiß das schon. Die Texte bewegen sich nach wie vor auf gesellschaftlicher und sozialer Ebene. Ein Aufruf zum Verzicht, einer Neuordnung der Gesellschaft. Aber muss man dann den weiblichen Fans eine traditionelle Rollenverteilung schmackhaft machen? Das Thema hat es sogar bis in unsere Presse geschafft (Badische Zeitung, Frankfurter Rundschau oder Berliner Zeitung). Ich kann diese freiwillige Konvertierung als Frau jedenfalls nicht nachvollziehen, aber toleriere es natürlich. Jeder nach seiner Façon – solange man keinem anderen dadurch Schaden zufügt, sollte es jedem Menschen doch erlaubt sein, selbst zu entscheiden an was oder wie er glauben möchte. Aber die Aufregung kann ich verstehen, trotzdem hoffe ich, dass die Thematik in Frankreich differenziert genug betrachtet wird. Es wäre falsch, die persönliche Entscheidung zu verurteilen, wo man doch die sozialkritischen Texte durchaus unterschreiben würde und natürlich etwas gegen Rassismus hat. Und nicht vergessen: Diam’s ist weiß Gott nicht die erste rappende Künstlerin, die sich zur »offiziellen Hip-Hop-Religion« bekennt (und es gibt zahlreiche Beispiele weltweit, wo es – insbesondere bei männlichen Künstlern – keine Rolle (mehr) spielt), noch brüllt sie (keine) terroristischen Parolen auf ihren Konzerten. Allzu fundamentalistisch scheint Diam’s ihre Religion eh nicht auszulegen, sonst dürfte sie wohl kaum mehr auf der Bühne stehen und musizieren. Das nämlich ist je nach Auslegung des Koran verboten – nicht nur, weil sie eine Frau ist. Ihre neu erworbene unterwürfige Geschlechterrolle passt da genau gar nicht hinein. Und nicht nur der Schleier hat die Franzosen verstört, sondern eben diese neuen Geschlechter-Ansichten. Vielleicht sollte Diam’s doch mal wieder mit der Presse sprechen und die Dinge auf- und erklären – und uns ein wenig Nachhilfe geben in der modernen muslimischen Art zu leben. Mich würde jetzt mal interessieren, ob die Konvertierung nur Modeerscheinung oder tatsächlich ernst gemeint ist. Und wenn es ernst gemeint ist, dann muss Diam’s wohl ihre Karriere beenden.

Bumm-bumm und ein wenig Cabrel

Aber jetzt mal kurz wieder mit dem Rücken gen Mekka und die Ohren auf das neue Album gerichtet: S.O.S. ist ein kraftvoller Nachfolger, der es trotz der Diskussion (oder gerade deswegen?) très vite auf den ersten Platz der französischen Hitparade geschafft hat – und der das Erfolgsprinzip von Dans ma bulle logisch weiterführt. Nämliche eingängige Beats, rotzige Reime und hier und da ruhige, nachdenkliche Stellen im Cabrel-Stil (das blitzt bei »L’honneur du peuple« oder »La Terre attendra« deutlich durch). Nur noch eine Spur besser produziert, wie ich finde. Auf den seltsamen 90er-Jahre Techno-Loop bei »Rose du bitume« hätte man meiner Ansicht nach auch getrost verzichten können (das klingt verdächtig nach diesen Kindergartengesangsloops in Hardcore Vibes von Dune aus den 90ern). Die Texte nehmen weiterhin stark Bezug auf den künstlerischen und persönlichen Werdegang der Rapperin, hinzu kommen aber nun – ich nenne es mal – globale Erfahrungen, die Diam’s während ihrer Konzerte in französisch-sprechenden Gegenden außerhalb Europas gesammelt hat. Der Blick aufs große Ganze findet nicht nur Einzug bei der ein oder anderen Textstelle, sondern auch im persönlichen Engagement: Ihr neues Projekt »Big Up« soll Kinder in Afrika unterstützen. Aber sie behält auch weiterhin ihre direkte Umgebung im Auge. Was ich bei dieser Künstlerin so außerordentlich finde: man muss nicht zwangsläufig die Sprache zu 100% verstehen, um ihre Message zu begreifen. Sie hat eine unbändige Kraft in sich und gibt diese auch fast ungefiltert in ihrer Musik weiter. Das soll live der absolute Knaller sein, davon konnte ich mich aber leider noch nicht überzeugen. Denn leider beehrt Diam’s deutsche Konzerthallen mangels Masse nicht. Wer sich ein schönes Weihnachtsgeschenk machen will, muss schon bis Paris reisen, um sie in diesem Jahr noch auf der Bühne zu erleben.

Der zweite Teil wird sich mit der Polit-Rapperin Keny Arkana beschäftigen. Und da komme ich dann auch auf die Verbindungen zu Südamerika zu sprechen.

Dans ma bulle - 2006

Dans ma bulle - 2006

Diam’s – Dans ma bulle
erschienen 2006 bei Hostile Records / EMI Music France











Diam’s – S.O.S. 2009

Diam’s – S.O.S. 2009

Diam’s – S.O.S.
erschienen 16. November 2009 bei Hostile Records / EMI Music France

Beide Alben wurden produziert von Tefa, der auch bei dem bekannten französischen Raper Skinik die Finger an den Reglern hatte.








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Live

20 décembre 2009 · Paris, La Cigale
21 décembre 2009 · Paris, L’Olympia
22 décembre 2009 · Paris, L’Olympia
23 décembre 2009 · Paris, L’Elysée Montmartre

Video zu Enfant du Désert

One Comment leave one →
  1. 1. Juni 2010 19:20

    Nachdem dieser Artikel genau ein halbes Jahr nach Erscheinen offenbar größere Aufmerksamkeit bekommt, ein erstes Fahneschwenken aus dem Lauschsofa: Den zweiten Teil habe ich nicht vergessen, aber mangels öffentlichem Interesse hintenüber geworfen. Aber da inzwischen durchaus Interesse an einer Fortsetzung besteht, wird die auch so schnell wie möglich kommen. Ein klein wenig Geduld :)

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