Skip to content

Eierlegende Wolfmilchsau

10. Dezember 2009

Wolfmother

Wolfmother sind vermutlich das In-vitro-Ergebnis von Ozzy, Robert und Jimmy und liefern mit Cosmic Egg ihr erstes Album in Neuformation. Wie das wohl im Vergleich zum Erstling klingt?

Eines kann man vorneweg sagen: das aktuelle Albumcover hält, was es verspricht. Wolfmother sind Rocker mit jeder Menge Balls und bieten auf Cosmic Egg Gitarrenwände vom Feinsten. Dass sie dabei klingen, als hätten Led Zeppelin eine Zeitreise in einer dieser Plastikkapseln von der Spinal Tap-Bühne gemacht, wird ihnen mitunter zum Vorwurf gemacht. Ich schließe mich da aber nicht an, denn die Jungs rocken was das Zeug hält – und zwar ganz nach meinem Geschmack und nicht nur so wie die Nachkommen von Led Zeppelin. In den 70er-Jahre-Cocktail kann man auch einen guten Schuss Black Sabbath schütten, eine Prise Deep Purple, garniert mit jungem Whitesnake, einem Hauch Stones und etwas AC/DC. Wobei letztere Zutat eine gute Überleitung zur gemeinsamen Heimat liefert. Wolfmother hätte ich nach dem ersten Anhören entweder nach Nordeuropa – sonst traut sich sowas ja keiner – oder UK gepackt. Aber sie kommen direkt aus Balls Country: Australien.

Andrew Stockdale mit Doppelhalsgitarre, Poserwert: 100%

Andrew Stockdale mit Doppelhalsgitarre, Poserwert: 100% (Bild http://www.wolfmother.com)

Led Zeppelin Casting

Cosmic Egg klingt heftigst testosteron-geschwängert, nach altem Cabrio auf staubiger Fahrbahn und Riesengeweih auf dem Kühler (wie der Karren von Kurt Russell in »Death Proof« vielleicht), sodass die Scheibe entweder wirklich von Led Zeppelin eingespielt wurde – so etwa 6 Monate nach der Ankunft mit der Zeitkapsel – oder Wolfmother auf irgendeinem Trip die diversen Seelen erschienen sind. Vermutlich wurde die erste Singleauskopplung »New Moon Rising« in der Nacht der Sommersonnenwende 5 Meilen südlich von Stonehenge aufgenommen. Denn mal ehrlich: kann man eine solche Band mit einem solchen Sound ernst nehmen? Erschien das zweite Album doch fast zeitgleich mit der Jubiläumsscheibe zu 25 Jahren Spinal Tap. Wolfmother und insbesondere Kopf der Truppe Andrew Stockdale muten in ihrer derzeitigen Besetzung an wie die fleischgewordene Led Zeppelin Casting-Tribute-Band (mal ausgenommen von dem mafiösen neuen Drummer). Stockdale gibt sich in Interviews von seiner besten stoned-Seite und fabriziert so Kommentare zur Trennung der Band im August 2008 und zum neuen Album wie »We’ve had all this stuff happen in the band and then it all exploded and then it’s kind of…of a new band.« Nigel hätte es nicht besser sagen können.

Wolfmother vor der Trennung

Wolfmother vor der Trennung 2008 – von links nach rechts: Myles Heskett (dr), Andrew Stockdale (voc/git) und Chris Riss (b/org)

Die Trennung

Kurze Zwischeninformation: Nach ewig langer Zeit im Tourbus haben sich Chris Ross (Bass/Keys bis 2008) und Myles Heskett (Drums bis 2008) mit Sänger und Gitarrist Andrew Stockdale so dermaßen verkracht, dass man sich direkt nach dem Auftritt 2008 auf dem Splendour in the Grass Festival aufgelöst hat. Offiziell gab es keinerlei genauere Informationen. Nach ewig langer Tourzeit und der Entwicklung neuer Songs nach dem Debut Wolfmother war das Ende der Fahnenstange wohl schnell erreicht, was die gemeinsame Richtung anging. Meine Spekulationen gehen da in etwas andere Richtungen: Wahrscheinlich hat Marc Bolan-Doppelgänger Stockdale ständig die Playstation blockiert beim Guitar Hero spielen, weil Ross bei »Woman« einfach immer besser war als er (die ersten Songs der Band sind hauptsächlich in Games zu finden, u.a. »Woman« bei Guitar Hero – das war auch der einzige Song, den ich von dieser Band kannte, und ich hatte mich schon immer gewundert, welche Deep Purple-Zeppelin-All Star-Band der 70er ich da verpasst hatte. War aber zu feige mich zu outen – bis heute). Oder Stockdale ist einfach ein echter Bandleader – keine anderen Musiker neben mir und ich bekomm alle Groupies.

Seelenverkauf

Auch wenn ich an der Wahrhaftigkeit der Band so meine Zweifel habe (dieses Spinal Tap-Ei auf der Website, sorry, irgendwas stimmt da nicht) – das aktuelle Album rockt, auf einfache Weise (»Far away« ist allerdings ein Song, den man sich wirklich hätte schenken können) und ist für große Hallen wie geschaffen. Hier hat Produzent Alan Moulder, der auch schon die Finger bei Nine Inch Nails oder Smashing Pumpkins an den Reglern hatte, echte Arena-Vorarbeit geleistet. Selbst wenn Thorsten Cosmic Egg eher als »metrosexuell« empfindet und mir sogleich empfahl, ebenfalls den Vergleich mit dem ersten Album zu ziehen. Cosmic Egg ist kommerzieller, ja, mit Ausrufezeichen, aber auch hübsch fett produziert und geht konstant in eine Richtung – nämlich nach vorne. Zitate findet man zuhauf, und man kann so etwas auch als uninspiriert bezeichnen. Für mich klingen der Sound und die Songs aber dermaßen aus einem Guss, dass ich die heutige Interpretation dieser Art von Musik wirklich perfekt finde. Und als balladesque Nummer gefällt mir »In The Morning« auch besser als die Erstlingslösung »Mind’s Eye«. Ob Wolfmother nun mit Cosmic Egg den eigenen Ausverkauf eingeläutet haben oder gar ihre Seele verkaufen (noch hab ich die CD nicht rückwärts gehört), ist mir persönlich schnurz. Schade finde ich an der Neufirmierung nur, dass die gutaussehenden Jungs – die sich wohl auch nicht kommerzialisieren lassen wollten – wieder weg sind.

War früher alles doof?

Nein, aber eben anders. Das gleichnamige Debut von Wolfmother ist unrasierter, derber, verkraftet hier und da auch mal einen schiefen Ton, hauptsache dem Song ist die Stimmung dienlich. Und man hört auf dem Erstling auch häufiger die Hammond (die hat früher Bassist Chris Ross auf der Bühne wirklich ziemlich unnachahmlich gespielt und mitunter das Instrument durch die Gegend geschmissen). Die Produktion ist natürlicher, klingt noch mehr nach 70er und Proberaum und ist nicht so aufgeblasen wie bei Cosmic Egg. Songstrukturen sind progressiver, das gesamte Bild ist absolut glaubhaft, aber auch noch etwas pubertärer oder besser gesagt: rebellischer. Und ja, natürlich gefällt mir so etwas auch, vielleicht sogar noch besser, aber es hat einen komplett anderen Charme als Cosmic Egg. Bei Wolfmother sollte man noch mehr zuhören, Cosmic Egg berieselt einen mehr. Hier hört man auch noch andere Bands deutlicher heraus: The Who, The Doors oder Sweet kommen hier vielmehr zum Vorschein als bei Cosmic Egg. Der Brunftschrei von Stockdale zu Beginn der Scheibe…den würde er vermutlich heute nicht mehr machen – das mutmaße ich mal. Allerdings hoffe ich, dass er sich stattdessen nicht dieses schreckliche Live-Vibrato angewöhnt (siehe Video am Ende des Artikels: Wolfmother bei Jools Holland). Wolfmother klingt natürlicher, organischer, lebendiger, echter und nicht ganz so poser-mäßig wie Cosmic Egg. Während man inzwischen Jungs hat, die einem die Gitarren auf die Bühne tragen, musste man zu dieser Zeit noch alles selbst machen. Und das hört man einfach. Absolute Lieblinge neben »Woman« sind »Joker & the Thief« oder »Dimension«. Absolut schrecklich ist das Cover. Aber vermutlich fand man das cool – ich find sowas gruselig. Wenn, dann richtig schlecht bitte.

Wolfmother aktuelle Besetzung

Zelebrieren die 70er auch auf Photos perfekt: die aktuelle Besetzung von Wolfmother (im Vordergrund Drummer Dave Atkins, links Gitarrist Aiden Nemeth und im Hintergrund Bassist Ian Peres. Andrew Stockdale liegt übrigens auf dem Sofa, nicht Marc Bolan (Bild http://www.wolfmother.com).

Ein neues Zeitalter?

Definitiv: Andrew Stockdale sagt zum aktuellen Album »Cosmic Egg is the beginnings of a universe… it’s gonna expand consciousness of every living being through the joys of playin‘ music.« Nigel freut sich ein Loch in den Bauch bei solchen Zitaten. Der Sound ist massentauglicher, bedient noch mehr Klischees und diese werden perfekt bedient bzw. zelebriert. Ob das nun die in der CD-Promo viel beschworene neue Galaxie ist, die man als Hörer betritt…*hüstel*…man kann es auch übertreiben. Die Grammy-Gewinner Wolfmother zeigen allerdings wiederum beeindruckend, dass in Zeiten von Garageband, synthetischer Musik und Schnelllebigkeit der gute Rock’n Roll eben doch noch nicht tot ist, sondern mit ziemlich dicker Hose auf der Bühne steht. Selbst wenn Wolfmother als Erstling vermutlich eine längere Halbwertzeit haben wird als das aktuelle Album. Doch der neue Sound scheint das Ziel erreicht zu haben und gefällt der Masse. Die Konzerttermine in Deutschland wurden allesamt in größere Hallen gelegt.

Anm. Thorsten: also…ich find das Cover von Wolfmother gar nicht sooo schrecklich oder gruselig – aber ich mag ja auch Adam Wallacavage und Elizabeth McGrath ;-)

wolfmother - wolfmotherWolfmother – Wolfmother
erschienen 2006 bei Modular Recordings (licensed to interscope)
Produzent: D. Sardy
All songs by Stockdale, Ross, Heskett
Und das schöne Cover-Gemälde ist von Frank Frazetta (http://www.frazettaartgallery.com)





wolfmother - cosmic eggWolfmother – Cosmic Egg
erschienen 23. Oktober 2009 (Europa) bei Modular Recordings (Vertrieb Universal)
Produzent: Alan Moulder
Cosmic Egg gibt es auch als Ltd. Edition mit 4 zusätzlichen Songs und als Doppel-Vinyl





Web
MySpace

Wolfmother live in Deutschland 2010
29. Januar 2010: München, Tonhalle
30. Januar 2010: Köln, Palladium
3. Februar 2010: Hamburg, Große Freiheit

Wolfmother bei Jools Holland

Advertisements
3 Kommentare leave one →
  1. 11. Dezember 2009 01:08

    …grade geht mir so durch den Kopf: Der Drummer, der so ein bißchen rausfällt…die ganzen frappierenden Parallelen zu Spinal Tap…

    …ob der neue Drummer irgendwann wohl – *bumm* – explodiert???

    ;-)

  2. 26. April 2010 14:09

    Und mal wieder eine Umbesetzung à la Spinal Tap: Dave Atkins sagt Adieu und neuer (Übergangs?-)Drummer für den Rest der Tour ist Will Rockwell-Scott der sonst bei der Band „The Mooney Suzuki“ die Sticks in der Hand hält (via wolfmother.com und motor.de/news). Mal schauen, wie lange diese Formation noch Bestand hat…

Trackbacks

  1. Familien-Brauerei Schmidt «

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: