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La Paloma? Oh yeah!

7. November 2009

teaser_paloma8Allem Casting-Krempel zum Trotz gibt es zum Glück immer wieder Newcomer, die beweisen, dass es trotz häufiger akustisch-musikalischer Unfälle keinen Grund gibt vom Glauben abzufallen, sondern einem den Ölzweig reichen und mit dem Musikbusiness versöhnen: Paloma Faith legt ein überzeugendes Debut-Album hin.

Wie, billige Kalauer? Also bitte! Erstens sollte der geneigte Leser dieses Blog(zine)s dahingehend schon abgehärtet sein, zweitens wäre ich nicht ich, wenn ich solche Vorlagen nicht sicher nach Hause bringen würde, und drittens ist die Assoziation »Hans Albers« und »Reeperbahn« gar nicht so weit ab vom Schuss – immerhin war unsere Protagonistin (dieses schöne Wort habe ich mal bei dem wohl skurrilsten Gig meiner Barpianisten-Karriere aufgeschnappt) schon als Performerin in Burlesque-Shows tätig oder ließ sich als Assistentin eines Magiers in zwei Hälften sägen. Na, das riecht doch schon mächtig nach »Rampensau Deluxe«…

Zuallererst mal aber ein ganz GROSSES Dankeschön an Jule, denn sie hat mich überhaupt von der Existenz dieser Künstlerin in Kenntnis gesetzt. Ich muss zugeben: Rein optisch wurden da bei mir gleich mal Erinnerungen an die wunderbare Kate Pierson wach. Von deren Organ unterscheidet sich Paloma Faith zwar schon, ist stimmlich aber alles andere als ein »Windei«, sie hat das, was man gemeinhin als »schwarze Stimme« bezeichnet. Sieht man ihr so nicht ohne Weiteres an, was da raus kommt.

Paloma Faith Official Press Pic

Toll toupierte Tolle – Kate Pierson läßt grüßen ©Alice Hawkins/Paloma Faith Official Press Photos

Dafür umso mehr, dass es sich bei ihr vielleicht nicht lediglich um ein weiteres Major-Modepüppchen handelt. Allein das Art-Deco-mässige Cover ihres Debut-Albums läßt auf ihr Faible für 20er/30er/40er-Jahre schließen sowie auf einen gewissen schrägen Humor. Auch scheint Paloma Faith selbst dem ein oder anderen Wortspiel nicht abgeneigt zu sein. Auf diesem ironischen »Heiligenbildchen« ist alles versammelt: Glaube, Taube, Liebe…und die Hoffnung schimmert im Hintergrund auch noch durch. Und ein Heizkörper. Und überhaupt Frau Faith höchstpersönlich –  eine im besten Sinne »komische Heilige«: Gleich aus »Alice im Wunderland« oder einer 30er-Jahre-Revue entsprungen, wirkt sie mit ihrer Ausstrahlung und den beiden Tauben-Tattoos auf Rücken und Schulter wie eine Pin-up-Kreuzung aus Judy Garland und Betty Page. Toll!

Paloma Faith – Do You Want The Truth Or Something Beautiful?

Paloma Faith – Do You Want The Truth Or Something Beautiful? (2009)

Do You Want The Truth Or Something Beautiful? – schon der Titel des Albums lässt den Liebhaber des schwarzen Humors wie mich schmunzeln (auch wenn ich trotz allem doch zu den Menschen gehöre, die die Schönheit der Wahrheit dennoch am meisten schätzen). Mit ihrem Anti-Drogen-Song »Stone Cold Sober« hat sie gleich einen Kracher als Opener platziert, wo sie zeigt was sie kann und was den Hörer erwartet. Und neben einer wirklich durchgehend sehr guten Performance sind das einfach ausnahmlos gut geschriebene und arrangierte Songs. Punkt. Mit ausgefeilten und eingängigen Melodien und auch guten Texten, von traurig-überraschend (»New York«) bis witzig (»Romance Is Dead« – wobei ich persönlich den eigentlich gar nicht so lustig finde, sich Mühe geben, kümmern und kreativ sein lohnt sich nämlich nicht, wird nicht geschätzt und bringt nix und überhaupt *grummel*)

Wie schon gesagt, hat Paloma Faith ein ausgeprägtes Faible für vergangene Dekaden, Show, Theater, Kino (immerhin ist sie ja auch selbst ab und zu als Schauspielerin unterwegs, aktuell im neuen Film von Terry Gilliam), und man nimmt ihr die Rolle als Zeremonienmeisterin, die grosse Geste problemlos ab. Es liegt ihr einfach, wirkt nicht nur gepost, sondern natürlich. Und die Retro-Zitate sind schlüssig: Dinge wie der Charleston bei »Upside Down« sind witzig, aber absolut stimmig und wirken nicht aufgesetzt. Man fühlt sich beim Hören des Öfteren in das Auditorium einer klassischen Musical-Revue versetzt (z.B. bei »Broken Doll«), was nicht zuletzt auch an eingesetzten Instrumenten wie Harfe oder Celesta liegt. Überhaupt, die Streicher- bzw. Orchesterarragements – ganz grosses Kino! Egal ob gefühlvoll oder verspielt (so dass man sich wirklich ein bisschen wie »Alice im Wunderland« fühlt) oder auch mit ungewöhnlichen Effekten oder einem typischen »Agentensound« (»Do You Want The Truth Or Something Beautiful?«): die Arrangements sind ausgefeilt, geschmack- sowie effektvoll und nicht zuletzt gut eingespielt. Soll man ja nicht vergessen. Ebensowenig wie die tollen Backgroundsätze.

paloma_faith_portrait

Mal Hase statt Taube ©Robert Erdmann/Paloma Faith Official MySpace

Ok, Retro ist in, vor allem auf der Insel. Und natürlich wurden schon die erwarteten Vergleiche zu Amy Winehouse (gab es eigentlich schon jemals jemanden, bei dem der Name SO deutlich Programm war?) und Duffy gezogen. Allerdings greift das meiner Meinung nach nicht. Do You Want The Truth Or Something Beautiful? ist nicht eine weitere 60ies-Soul-Revival (bzw. Rip-off)-Scheibe. Wir haben es hier mit einem durchaus modernen Pop-Album zu tun, hier wurde schon auch programmiert, der ein oder andere Synthie oder Drumloops eingesetzt. Doch obwohl man hier also schon etwas »urban-mässig« arrangiert und abgemischt hat, geht es auch nicht in eine Richtung wie etwa Christina Aguilera’s Back To Basics-Album – und vor allem lässt sich Paloma Faith nicht auf nervige Melismen-Exzesse ein! Ihr nehme ich die Vorbilder Etta James und Billie Holiday da mehr ab (siehe auch dazu die kleine Session mit Jools Holland während des Interviews im unten stehenden Video). Do You Want The Truth Or Something Beautiful? ist eine gekonnte Melange aus modernem Sound mit Retrozitaten, die so vor allem den »Geist« vergangener Epochen atmet und transportiert als ihn schlicht kopiert. Übrigens: Dass an dem Album verschiedene Produzenten(-Teams) beteiligt waren, hört man der Scheibe überhaupt nicht an. Do You Want The Truth Or Something Beautiful? klingt absolut wie aus einem Guss, hier hat sich niemand auf Kosten des Gesamtwerks in den Vordergrund gespielt – da ein Executive Producer nicht angegeben ist, geht dafür ein besonderer Dank an die A&Rs Jo Charrington und Nick Raphael.

Den Titel des letzten Tracks (»Play On«) nimmt man dann gerne wörtlich und drückt auf »repeat«. Außerdem ist leider schon nach knapp 38 Minuten und zehn Songs Schluss. Dafür hat man aber wenigstens nicht den Eindruck, dass man mit zwei, drei Hits und ansonsten nur Füllmaterial abgespeist wurde.

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»La Paloma« bringt Glanz selbst in die größte Backstage-Tristesse ©Scott Trindle/Paloma Faith Official MySpace

Wer also auf Popmusik mit Retroeinschlag, Cabaret, klassische Revuen, Blues und Jazz, schräge Outfits, das große Gefühl mit dem leichten Bruch bzw. einfach in jeder Hinsicht sehr gut gemachte Musik und eine tolle Stimme mit Ausstrahlung steht, der sollte sich Paloma Faith unbedingt anhören bzw. ansehen: Denn wie es der Teufel will, ist sie demnächst in deutschen Landen unterwegs (Tourtermine s.u.). Interessenten mit halbwegs gescheiten Ohren und/oder Anlage empfehle ich übrigens den Kauf der CD anstelle der iTunes-Download-Version, die sich einem meiner Meinung nach recht penetrant in den Gehörgang drängt. Und wer Anregungen für Outfits braucht, kann mal einen Blick auf ihre Kolumne »Paloma’s Wearing« werfen, die sie im Blog ihrer MySpace-Page gestartet hat.

Übrigens: Kürzlich wurde ihr (wie schon angedeutet) auch der Ritterschlag in Form der Einladung in Jools Holland’s »Later…with«-Show zuteil (s.u.). Na, wer sagt’s denn! Frau Faith hat sich den Titel »La Paloma« wirklich verdient, und ich freue mich, dass so ein Talent nicht – sorry, aber der MUSS zum Schluss noch sein ;-) – auf (T/)taube Ohren stösst.

Paloma Faith – Do You Want The Truth Or Something Beautiful?
VÖ: 25.09.2009 Epic/Sony Music

Paloma Faith live in Deutschland:
28.11.2009 Berlin @Postbahnhof (w/ Josh Weller)
29.11.2009 Hamburg @Grünspan (w/ Josh Weller)
01.12.2009 Köln @Luxor (w/ Josh Weller)

Paloma Faith Website
Paloma Faith bei MySpace
Paloma Faith bei Facebook
Paloma Faith auf Youtube

Paloma Faith bei »Later…with Jools Holland« (2 Songs inkl. kleinem Interview):

Offizielles Video zu »Stone Cold Sober«:

Bild Header/Teaser ©Alice Hawkins/Paloma Faith Official Facebook Page

One Comment leave one →
  1. Thorsten permalink*
    12. November 2009 17:47

    Och menno – kaum geschrieben, schon wieder teilweise veraltet (jaja, so schnell geht’s in den Zeiten des Internet). Denn leider wurden die Deutschlandtermine von Paloma Faith auf März 2010 verschoben :-(

    Die neuen Dates:

    07. 03. 2010 Köln @Luxor
    08. 03. 2010 Hamburg @Grünspan
    09. 03. 2010 Berlin @Postbahnhof
    10. 03. 2010 München @59.1

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