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Schleifchenwunder

21. Oktober 2009

zoe-teaser

So, apropos Dreadlocks: Nach Duke Special muss ich endlich mal noch eine weitere Künstlerin vorstellen, die ich schon längst hätte featuren sollen…müssen…wollen: Zoë Keating.

Es begab sich vor genau einem Jahr, im Oktober 2008, dass ich auf die aus Kanada stammende und nun in San Francisco stationierte Künstlerin aufmerksam geworden bin. Und zwar anlässlich eines grandiosen Konzerts von Amanda Palmer, die auf ihrer Tour zum Who Killed Amanda Palmer-Album eine Menge an Gastperformern mit dabei hatte (The Danger Ensemble, Jason Webley und eben Zoë Keating) und so eine Show in bester Vaudeville-Manier auf die Beine stellte. Nachdem Jason Webley mit seinem Hobo-Punk-Folk den Saal bestens unterhalten und angeheizt hatte, wurde es ganz dunkel und still, und auf der Bühne sah man ein MacBook Pro, eine Midipedalleiste, ein Streichinstrument und eine zierliche Person mit roten Dreadlocks, die fast hinter ihrem Cello verschwand. Und es war wirklich beeindruckend, wie der ganze Saal, der gerade noch animiert durch den Entertainer Jason Webley am Schunkeln und Grölen war, nun ganz still, aufmerksam und gebannt zuhörte.

Zoë Keating live (vermutlich in Heidelberg) © Official Facebook Page

Zoë Keating live (vermutlich in Heidelberg) © Official Facebook Page

Das »Ein-Frau-Orchester« Zoë Keating kann einen auch wirklich in den Bann ziehen. Sämtliche Sounds, die man hört – sei es live oder auf einer Aufnahme – sind rein mit dem Cello erzeugt, auch die Percussions oder das, was man für Drumloops hält. In Echtzeit, live und in Farbe. Der Mac dient dabei nur als Loopstation (für die Nicht-Recording-Nerds: Sie nimmt kleine »Musikschnipsel« auf, die dann in einer Schleife wiedergegeben, mal zu-, mal abgeschaltet werden und zu denen sie dann wieder weitere »Schnipsel« aufnimmt, dazu spielt etc.). Sie legt Wert darauf, dass die Elektronik kein Bestandteil der Performance ist.

Und was ist das nun für Musik? Hmmm…mit einer Kategorisierung tut sich selbst Frau Keating schwer. Vielleicht könnte man es am einfachsten als Alternative bezeichnen (was auch gut zu den Künstlern passt, mit denen sie schon gearbeitet hat, wie Amanda Palmer oder Imogen Heap). Oder Avantgarde? Bei iTunes ist sie teils unter »Classical«, teils unter »Electronic« eingeordnet. Klar, wir kennen iTunes und seine oft recht lustige Kategorisierung, aber auch Electronic-Fans dürften durchaus Gefallen finden an diesem, äh, Acoustic Ambient. Es hilft nur eins: Selbst hören und entscheiden. Auf ihrer Website gibt es ausgiebig Gelegenheit dazu, sei es als Stream oder sogar als kostenlose Download-Appetizer.

Zoë Keating – One Cello x 16: Natoma

Zoë Keating – One Cello x 16: Natoma

Ihr bereits 2005 erschienenes Debut-Album One Cello x 16: Natoma (die 2004 erschienene 5-Track-EP One Cello x 16 mal außer Acht gelassen) bietet acht Songs bei einer Spielzeit von 52:35 und kommt sehr hübsch und hochwertig aufgemacht im klappbaren Digipack. Das Fehlen eines Booklets lässt sich bei Instrumentalmusik verschmerzen. Das Album hat übrigens bei den iTunes Charts die Plätze #1 (Classical) bzw. #2 (Electronica) erreicht. Zoë Keating produziert und vertreibt ihre Musik komplett selbst und hat überhaupt kein Interesse an einem Labeldeal.

Am besten legt man die Platte auf, setzt sich gemütlich in den Sweet Spot und schließt die Augen. Sind manche Bezeichnungen der Tracks vielleicht etwas kryptisch (wie etwa bei ihrem vielleicht bekanntesten Titel »Tetrishead«), so kann man sich bei Songs wie »Fern« oder »Sun Will Set« die passenden Bildern problemlos vor das geistige Auge holen. Oder man lässt sich einfach von den Klängen treiben. Die Tracks haben – bedingt durch den Performance-Ansatz – durchaus repetitiven, teilweise fast hypnotischen Charakter. Trotzdem ist One Cello x 16: Natoma nicht nur ein reines »Sessel-Album«, sondern z.B. auch ein schöner Soundtrack für (nächtliche) Autofahrten auf leeren Autobahnen oder durch herbstliche Landschaften (die dann bei Tag, latürnich!). Oder wie eine (einst und hoffentlich irgendwann wieder) sehr liebe Freundin meinte: »Genial« für Choreografie und Tanzperformance. Stimmt, kann ich mir sehr gut vorstellen. Frau Keating hat auch schon explizit für Ballett und Film komponiert (und z.B. kürzlich mit Mark Isham bei seinem Score zu »The Secret Life of Bees« zusammengearbeitet).

Zoë Keating ©Jeffrey Rusch/Website Official Promo

Zoë Keating ©Jeffrey Rusch/Website Official Promo

One Cello x 16: Natoma ist in jedem Fall ein Album zum Hören, zum Zu- und An-Hören. Wenn man es nur als Hintergrundgedudel laufen lässt, kann es einem schon auf den Keks gehen – was aber nur daran liegt, dass man so die ganzen Feinheiten, Verschachtelungen, Aufschaukelungen der einzelnen Kompositionen und Arrangements gar nicht wahrnimmt. Auf diese Musik muss man sich einlassen, sonst wird man ihr nicht gerecht. Und das ist auch mal gut so. Punkt.

Derzeit arbeitet sie an ihrem neuen Album Into The Forest. Und wer die Gelegenheit hat, Zoë Keating mal live sehen zu können, sollte sich dieses Erlebnis auf keinen Fall entgehen lassen.

Zoë Keating – One Cello x 16: Natoma
© 2005 Zoë Keating

Zoë Keating Website
Zoë Keating bei MySpace
Zoë Keating bei Facebook

Zoë Keating über ihre Musik und Arbeitsweise:

»Tetrishead« clip

One Comment leave one →
  1. 14. Januar 2010 09:44

    Zoes neues Album »Into the Trees« erscheint am 1. März 2010 – weitere Details sollen demnächst auf Ihrer Website folgen. http://bit.ly/6ZhWi3

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