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Fetzig, weizig, plüschig

21. Oktober 2009

anleser-vriend

Ann Vriend in Roger’s, öhms pardon, Romeo’s Kiste. Ein kurzer Besuch auf der Website von Ann Vriend genügte uns, um mal einen Blick auf diese Dame am Klavier zu werfen. Wann bekommt man schon mal die Möglichkeit, in einem Club wie der Kiste jemanden aus der großen weiten Musikwelt zu sehen (außer bei irgendwelchen Spontangigs während der Pop öhms Jazz Open). Die Vergleiche zwischen Jazz und Pop werden wir noch häufiger bemühen, keine Sorge. Frau Vriend also kommt aus Canada, öhms Kanada (ist ja Deutschland hier), schon mal per se ein Garant für qualitativ gute Musik. Auf ihrer Clubtour besuchte sie nun am 2. Oktober die kuschelige Kiste mit fetzigem Clubstempel. Ganz allein mit Ihrem bunt beklebten Köfferchen (mit einem Dollarschein?) und sitzend an einem leicht verstimmten Klavier. Überhaupt schien die »Europa«-Tour, wenn wir es mal so nennen wollen, sehr selbstorganisiert gewesen zu sein. Ann Vriend brannte vor dem Konzert noch schnell ein paar CDs an ihrem Laptop und zog einige selbstbedruckte Etiketten aus dem Köfferchen. Außer Musik gab es neben originellen Merchandising-Artikeln, wie z.B. Taschen oder Karten, auch eine originelle deutsche Begleitung (erinnerte ein wenig an Gasteltern beim Schüleraustausch).

Der Merchandising-CD-und-später-Klamotten-Koffer ©Lauschsofa-Jule

Der Merchandising-CD-und-später-Klamotten-Koffer ©Lauschsofa-Jule

Das Konzert war in zwei Sets aufgeteilt, wobei uns das zweite Set bzw. die aktuellen Songs mehr überzeugten. Frau Vriend bietet eine schöne Mischung aus poppigem und folkigem Songwriting, stellenweise erinnern die Stücke an Katie Melua, aber mit deutlich natürlicherer Stimmung und Klang. »Where You Are« könnte auch entfernt Erinnerungen an Regina Spektor hervorrufen. Gesanglich schien Ann an diesem Abend nicht ganz auf der Höhe zu sein, im wahrsten Sinn. Die Livemitschnitte auf der Website sind teilweise präziser. Zu den Höhepunkten zählten sicherlich »On your Street« und »Dollar and a Suitcase«. Und zu ihrer Erleichterung können wir berichten, dass Romeo’s Kiste inzwischen als Club formerly known as a Jazz-Only-Club in Stuttgart gilt (zumindest lässt das die Erweiterung des neuen Programms mit lustigen Rockcover- oder Alternative-Punkbands vermuten). Auch wenn der Besitzer das Gegenteil behauptet und Frau Vriend (ge)nötig(t)erweise noch einen Jazz-Song aus dem Real Book zum Besten gab (»Willow weep for me«).

Ann Vriend live in Romeo’s Kiste 2009/10/02 ©Lauschsofa-Jule

Ann Vriend live in Romeo’s Kiste 2009/10/02 ©Lauschsofa-Jule

Miss/es (?) Vriend versteht es absolut, ihr Publikum gut zu unterhalten. Zu fast jedem Song eine kleine Anekdote, direkte Einbeziehung des Publikums wie bei »Feelin’ Fine« machen einfach Spaß und gehören zum guten Handwerk der Songwriterin. Ohne dick aufzutragen, becirct sie uns mit Spontaneität und Nonchalance (jahaa, jetzt fehlt uns nur noch die Hornbrille und der Seitenscheitel #schbecks).
Womit wir auch beim Nachgeschmack des Konzerts angelangt sind. Ein unterhaltsamer Abend mit kleinen Hindernissen, wie man sagen könnte. Gestört haben uns die schon oben erwähnten technischen Komplikationen im hohen Bereich und auch der mitunter recht harte Anschlag.Unserer Begleitung war die Darbietung auch etwas zu, öhms, »gleichförmig«.

Wieder was gelernt: Das Wasser nie auf das Klavier stellen und im Jazz-Club gehen auch solche Stiefel

Wieder was gelernt: Das Wasser nie auf das Klavier stellen und im Jazz-Club gehen auch solche Stiefel

Vriend ist das, was man als »solide« bezeichnen würde, mit einem dicken Plus bei den Emotionen. Denn berührt hat uns das Konzert in jedem Fall, hier und da bekommt man einen dicken Kloß im Hals. Und das ist es auch, was Ann Vriend zu einer Live-Empfehlung macht. Sollte sie also bei euch in der Nähe in einem schönen Club auftreten, nix wie hin, bestenfalls mit Band (das könnten wir uns jedenfalls besser vorstellen). Am besten genießt man Ann Vriend übrigens mit einem Glas Rotwein; und wer mutig ist, zieht Cowboystiefel an (vielleicht sogar mit T-Shirt-Kleid) – bei beidem sagt sie selbst nicht Nein. Das mit dem Wein finden wir auch irgendwie passend, um das noch in Hornbrillenmanier anzufügen: Ann Vriend schmeckt zwar jetzt schon gut, aber in ein paar Jahren sicherlich noch besser.

Ann Vriend im Web
Ann Vriend  bei MySpace
aktuelles Studio-Album: When We Were Spies
aktuelles Live-Album: Closer Encounters (Modalitäten für den Kauf etwas kompliziert, bestenfalls bei Konzert erwerben)

2 Kommentare leave one →
  1. nana permalink
    27. Oktober 2009 22:18

    jule…du hast die geschichte mit der omi vergessen :)

    • 27. Oktober 2009 22:26

      Wieso vergessen? Wir lassen hier ganz bewusst Raum für Interaktion, erzähl doch mal, wie war das mit der Oma und dem Koffer :)

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