Zum Inhalt springen

Die Iren zeigen mal wieder wie’s geht

23. September 2009

teaser imelda may

Imelda May lässt es auf ihrem Debüt-Album mächtig krachen und zeigt, wo der Rockabilly-Hammer hängt…

Ich habe im Lauf meiner Karriere als Musikliebhaber so einige Leichen im Keller angesammelt, die ich an dieser Stelle mal besser verschweige. Außerdem hab ich die meisten eh längst entsorgt. Aber wirklich »angefangen« mit Musik – das hab ich mit dem King. Irgendwo müsste bei meinen Eltern im Keller auch noch dieser lebensgroße Papp-Elvis sein… Jedenfalls hab ich diese frühe Prägung nie verloren und mag solch ursprüngliche Musik noch immer – und wer mich kennt bzw. schon mal im Profil gesehen hat, der weiß dass mir das auch irgendwie ins Gesicht geschrieben steht ;-).

Doch genug der Worte über mich: Ich stieß nämlich im Web auf eine Künstlerin aus Irland, von der ich bis dato noch nicht gehört hatte: Imelda May, die kürzlich ihr bereits 2007 bei Ambassador Records veröffentlichtes Debüt-Album Love Tattoo noch mal über einen Major-Deal veröffentlichte, in UK wohl auf dem Traditionslabel Decca, in USA offenbar über Verve – egal, ist eh alles Universal. Zum einen tritt sie also jetzt erst ins große Rampenlicht, zum anderen ist sie hierzulande wieder mal noch völlig unbekannt (die Scheibe war auch nur über dunkle Importwege zu beschaffen). Ich denke aber, das wird sich noch ändern.

Imelda May © Imelda May Official Facebook Profile

Imelda May © Imelda May Official Facebook Profile

Das Album kommt stilecht aufgemacht im matten Digipack und in schwarz-weiß, äh, schwarz-leukoplastrosa. Hübsch (neulich hab ich einen ’59er Eldorado in dieser Farbe gesehen – in der Masse ist das dann aber schon sehr grenzwertig *hust*). Sehr witzig ist auch die Comic-Imelda, die zum Vorschein kommt wenn man die CD aus dem Tray nimmt. Aber leider, wie so oft in letzter Zeit, wieder mal ein Album ohne Booklet. Och menno, Leute! Manchmal hätte ich schon gern noch bisschen was in der Hand zum Nachlesen. Wenn Ihr das Booklet schon weglasst, dann macht es wenigstens so wie Amanda Palmer (ja, da isse wieder, aber sie nutzt die neuen Medien geradezu optimal) bei ihrem letzten Album und veröffentlicht ein Booklet 2.0 im Web.

Doch zurück zum eigentlichen Kern des Albums, der Musik: Love Tattoo beginnt mit einem Solo-Kontrabass, der einen sofort zum Kopfnicken und Fingerschnippen bringt. Und wenn die Drums mit dem treibenden Train Groove einsetzen, kann man eigentlich gar nicht mehr stillsitzen. Die Gitarre steigt stilecht mit einer »Divebomb« ein, und dann hören wir auch schon eine dunkle Stimme, die einen aufhorchen lässt. Obwohl sie da noch gar nicht richtig loslegt.

Aber hier sollte man ganz genau zuhören. Denn Imelda May ist eine dieser Entdeckungen, wo man sich fragt: Mensch, wo war die bloß die ganze Zeit?? Denn mit dieser Stimme hat sie JEDE Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Toll, dass man sie jetzt mal so richtig lässt!

Nach einem weiteren Uptempo Song (»Feel Me«) wird es mit »Knock 123« erst mal ruhiger, und man fühlt sich direkt in einen Film noir-Streifen versetzt. Weiter geht’s mit einer cool groovenden Cover-Version des Blues-Klassikers »Wild About My Lovin’«, bevor Imelda May es bei »Big Bad Handsome Man« und dem Titelsong »Love Tatto« stimmlich wieder richtig krachen lässt. Nach dem ruhigeren jazzigen »Meet You At The Moon«, das man problemlos auch im Great American Songbook vermuten könnte, wird beim »Smokers‘ Song« dann mächtig losgeswingt, und Frau May zeigt wieder deutlich wo der Hammer hängt – »Man, she sure got balls…«, wie der, äh, Franzose sagt. Darauf folgen der Blues-Shuffle »Smotherin‘ Me« und der wunderschön gospelmäßige Lovesong »Falling In Love With You Again«, geschrieben für ihren Liebsten (ja…schade, schade – die ist leider schon weg vom Markt ;-)). Mit einem Cover von Charles Sheffield’s »It’s Your Voodoo Working«, das hier natürlich etwas rockiger daherkommt als das Original, wird zum Schluss noch mal die Keule nebst Mariachi-Trompete ausgepackt und einem das furiose »Watcha Gonna Do« um die Ohren gehauen. Grandios!

Imelday May © Imelda May Official MySpace

Imelday May © Imelda May Official MySpace

Auch vom Sound her kann man dieses Album nur empfehlen. Es klingt zum einen retromäßig-warm, aber keinesfalls muffig oder antiquiert, sondern durchaus modern. Aufgenommen wurde es in den Embassy Studios, einem kleinen und spartanisch ausgestatteten analogen 16-Track-Studio in Hampshire, zufälligerweise Wirkungsstätte von nicht-nur-Gitarrist-sondern-auch-Ehemann Darrel Higham. Da zeigt sich mal wieder: Frauen sind einfach praktisch veranlagt ;-) Für den Mix zog man dann allerdings um in die edlen Livingston Studios nach London.

Und Imelda May hat nicht nur als Produzentin des Albums die Zügel in der Hand gehalten und das »Baby« sicher nach Haus gebracht. Bis auf die beiden Cover-Songs stammen alle Titel aus ihrer Feder und sie überzeugt als Songwriterin auf ganzer Linie. Die Songs sind bestens ausbalanciert, haben runde Spannungsbögen und bleiben unweigerlich im Ohr hängen.

Imelda May – Love Tattoo

Imelda May – Love Tattoo

Love Tattoo ist also ein abwechslungsreiches Album mit einer starken Mischung aus Rockabilly, Swing und Blues, das nicht langweilig wird. Das liegt zum einen natürlich an den klasse Songs, zum anderen auch an den Arrangements: Schön, dass man sich hier nicht allein auf das klassische Rockabilly-Trio verlassen, sondern auch noch Piano, Hammond sowie Trompete und Flügelhorn mit an Bord genommen hat. Selbst eine Bodhran hat Frau May nicht vergessen einzupacken. Und weil wir es erst neulich davon hatten: Man kann auch mit der puristischen Gleichung »eine Spur pro Instrument« (gut, ausser vielleicht für’s Schlagzeug, wobei da auch drei Mikrofone für einen guten Sound ausreichen können) eine überzeugende Produktion abliefern.

Bei meinen Koteletten – Rockabilly scheint ja echt wieder im Kommen zu sein. Nachdem 2008 schon durch Kitty Daisy & Lewis dieser Sound mal wieder mehr in die Medien kam, konnte man ihn dieses Jahr mit Lily Allen’s »Not Fair« oder Emiliana Torrini’s »Jungle Drum« schon im Mainstream-Radio hören. Wollen wir mal hoffen, dass dann auch solche Kaliber wie Imelda May eine Chance bekommen auf breiter Ebene Gehör zu finden. Auf der Insel scheint es schon funktioniert zu haben, z.T. wohl auch Dank des grandiosen Auftritts in Jools Holland’s »Later«-Show (Video s.u.) auf BBC TWO. Was ich übrigens auch schön finde, ist, dass es mittlerweile offenbar wieder möglich ist auch noch im »hohen« Alter von Anfang Dreißig den Durchbruch zu schaffen. Warum eigentlich auch nicht, Herrgott!?

Bleibt nur noch zu fragen, wann Imelda und ihre Gang endlich dann auch mal den Alten Kontinent unsicher machen und ein paar Live-Gigs hier bei uns spielen. Ich hab jedenfalls schon mal meine alten Swordfishes rausgeholt…

Die Swordfishes harren der Ankunft Imelda Mays auf deutschen Bühnen

Die Swordfishes harren der Ankunft Imelda Mays auf deutschen Bühnen

Imelda May – Love Tattoo
Released 2007 Ambassador Records / 2009 Verve Forecast

Imelda May: Vocals, Bodhran
Dave Priseman: Trumpet, Flugelhorn, Percussion
Darrel Higham: Guitar
Danny McCormack: Piano, Hammond
Al Gare: Double Bass, Bass Guitar
Dean Beresford: Drums

Imelda May Website
Imelda May bei MySpace
Imelda May bei Facebook

Imelda May’s grandioser Auftritt bei »Later…with Jools Holland«:

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: