Zum Inhalt springen

Glänzend unangepasst

8. September 2009

anleser-lazuli
Lazuli haben die passenden Antworten auf unsere tägliche Portion Leben:

Die erste davon: eine anständige Kategorie bei itunes! Lazuli werden dort unter »Unclassifiable« gelistet, was mir deutlich mehr zusagt als eine Einordnung etwa nur in Worldmusic oder gar Jazz (was bei einigen Progproduktionen oder Musik vorkommt, die sich nicht direkt aus Most-Produzenten-Sicht einordnen lässt, geschweige denn dort verkauft wird). Da hat man bei der Produktion schön aufgepasst :)

Lazuli sind für mich ein neues Juwel aus dem Progsektor, bei dem ich mich gefragt habe: Warum zum Henker kenne ich diese Band noch nicht? Franzosen sind ja im süddeutschen Raum nicht gerade unterrepräsentiert, aber diese Formation ist mir leider bislang durch die Lappen gegangen noch nicht über den Weg gelaufen. Eine Ankündigung à la »So hat man Prog noch nicht erlebt«, die Auszeichnung »Album des Monats« bei eclipsed und eine unmissverständliche Kaufaufforderung seitens jfk ließ mich noch nicht einmal darüber nachdenken ob ich den Erwerb in Erwägung ziehe oder nicht. Und im Gegensatz zu manchen CDs, die man erst mal unbedingt haben muss und dann nie wieder hören will (z.B. abigails ghost, aber dazu ein anderes Mal), gehören Lazuli zu der Kategorie »wann kommt das nächste Album raus, mehr davon«. Ich hatte zwar kein so großes Aha-Erlebnis wie damals bei der ersten Porcupine Tree-CD, aber Lazuli werde ich zukünftig auf dem Schirm haben. Allein schon, weil der Name so leicht über die Lippen geht und nach Urlaub mit kaltem Rosé unter Pinienschatten klingt.

Gern gesehener Gast auf Prog-Festivals: Lazuli on stage (Photo ©Nina Voronova)

Gern gesehener Gast auf Prog-Festivals: Lazuli on stage (Photo ©Nina Voronova)

Ganz nebenbei hat die 1998 gegründete Band während der Tour 2008 im Vorprogramm von Riverside gespielt und im berühmten Colos-Saal in Aschaffenburg (wenn man dort als Progband mal gespielt hat, hat man’s quasi geschafft, mindestens in die Berichterstattung der eclipsed). Das Baja Progfestival erscheint ebenso in den Suchergebnissen sowie unterschiedlich zu deutende Beiträge zur Stadt Montreux – ob Lazuli nun tatsächlich auch Gast des Jazz-Festival 2005 waren oder ob doch das Prog-Festival 2007 gemeint war, muss ich noch bei dem sehr netten Bandkontakt erfragen. Aktuell waren sie Headliner beim amerikanischen Rites of Spring Festival und beim Night of the Prog auf der Loreley.

Das aktuelle Album von Lazuli: Réponse incongrue à l’inéluctable (2009)

Das aktuelle Album von Lazuli: Réponse incongrue à l’inéluctable (2009)

Das inzwischen vierte Album der Band Réponse incongrue à l’inéluctable (frei übersetzt »Die unpassende Antwort auf das Unumgängliche«) ist eine – entgegen dem Titel – durchaus passende Antwort auf Klimakatastrophe, soziale Isolation und Liebeskummer. Kein Konzeptalbum? Meiner Ansicht nach durchaus, alle Songs bieten Antworten (wenn auch nur aus einer Sicht) auf Probleme des alltäglichen Lebens. Gepaart mit einer Mischung aus orchestralem, prog-rockigem Elektrosound à la Peter Gabriel, der dem Ohr neben starkem Rhythmus und gekonnten Steigerungen auch noch instrumentale Überraschungen bietet. Denn welche Band hat schon eine Warr Guitar, eine Chapman Stick oder eine Léode als Standardequipment (Veranstalter dürften sich auch regelmäßig ob der Stageliste die Haare raufen)? Auch die Klänge von Marimba oder Vibraphon passen nicht ins 08/15 Prog-Programm und sind auch mitverantwortlich für die weitere Schublade Worldmusic, die Lazuli perfekt und nicht aufdringlich in den Songs aufmachen. Sonst würde mich das auf Dauer auch ziemlich nerven. Aber in gesunden Dosen wie z.B. beim zweiten Song und Klimakatastrophenbeitrag »On nous ment comme on respire« ist das durchaus genehm. Orientalische Klänge sind in progressiven Stücken ja auch nichts Ungewöhnliches mehr. »La vie par la face nord« erinnert mich dann wieder eher an typische Ton- oder Akkordfolgen aus Chansons. Mir dauert es zwar ein wenig zu lange, bis es in diesem Song so richtig los geht, aber das wiederum ist typisch Progrock – in diesem Fall sogar mit passendem Kinderlied-Soundzitat. Bei »Aimants« leuchten zunächst meine Porcupine Tree-Warnlämpchen auf, ausgestattet ist der Song mit einem eindrücklicherem Gesang, löscht dann aber schnell die Lämpchen, u.a. dank Léode, und ist nach dem Opener »Abime« und dem Dreiteiler »La belle noirceur« einer meiner Favoriten. Der Typ auf der Brücke, »Toujours un gars sur un pont«, ist, durchaus passend zur textlichen Thematik, elektronischer gehalten und wird live vermutlich spannender klingen als auf dem Album. Hier hätte ich mir stellenweise einen dynamischeren Mix gewünscht, damit der Song (gerade zu Beginn) nicht, ich muss es leider sagen, monoton wirkt. Denn das Arrangement ist toll und vielfältig, es gibt gerade in diesem Song unglaublich viel zu entdecken. Schön auf die Mütze und ganz nach meinem Geschmack ist »La belle noirceur« (auch wenn mich das Vibraphon etwas aus dem Takt gebracht hat, weil ich ständig dachte, ich hätte eine neue Mail bekommen, immer diese Standard-Mac-OS-Sounds). Streicher, fette Gitarren, schöne Harmoniekombinationen und Läufe, kleine Soli; also laut aufdrehen und schöne die Haare fliegen lassen. Der Song ist im übrigen progfreundlich in drei Teile aufgebaut (Prolog, Hauptteil und Epilog) und bringt im Epilog Zitate aus Frankreich, dem Zirkuszelt (oder eher Moulin Rouge?) und wie es sich gehört, der avantgardistischen Neoprogklassik (darf ich jetzt auch für SPEX schreiben?). Mit einer hübschen singenden Léode-Säge wird das Gesamtwerk mit »L’Essentiel« schließlich nach etwas mehr als 47 Minuten abgeschlossen.

Die Léode, eine Eigenkreation aus dem Hause Lazuli, genauer von Claude Leonetti, ist dieser prägnante Audio-Fingerabdruck, den so nur wenige Bands haben und der genau richtig dosiert immer wieder auftaucht. Eine Klangmischung aus Gitarre, singender Säge und Synthesizer, eher einer Midigitarre ähnlich – aber mit besserem Sound wie z.B. die neue MOOG-Gitarre. Gespielt wird das Instrument in der Position ähnlich dem Cello und ist quasi ein Keyboard mit unsichtbaren Gitarrensaiten, wer sich mehr dafür interessiert, siehe YouTube-Video am Ende der Review. Leonetti hat das Instrument ersonnen, nachdem er nach einem Motorradunfall im Jahre 1996 leider nicht mehr in der Lage war, seine geliebte Gitarre so zu spielen wie früher. Nach einigen Experimenten mit Synthies und Elektro-Musik setzte er seinen Traum mit Hilfe einer Skizze und Vincent Maury von LAG Innov’art in die Tat um. Die Léode ist ein Midicontroller, mit dem sich sowohl Samples als auch Effekte ansteuern lassen (also ein Synthesizer). Formal denkt man vielleicht zunächst an ein biologisch-dynamisch angebautes, indisches Keyboard, da die Kontrolleinheit auf einem breiten Holzbrett befestigt ist (eben wie bei einer Gitarre). Thorsten hat das ganze als einen gigantischen Ribboncontroller bezeichnet, was es dann wohl auch letztendlich ist. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Kontrolleinheit einen Saitenaufbau hat (zumindest vermute ich das, wenn ich Videos von der Spielweise sehe). Die Samples stammen laut Leonetti alle aus seiner näheren Umgebung (Hund, Katze, Freundin – ja, in dieser Reihenfolge steht es in der offiziellen Bandinfo) oder anderen Sounds, die ihn beeindrucken (Sarangui, Doudouk, Saiteninstrumente). Die Töne löst er mit Druck auf das Controllpad aus, kann sie beliebig lange halten und vibrieren lassen.

Ganz mutige Zeitgenossen sollten sich vielleicht als Roadie bei Lazuli bewerben. Neben dem (nur) 12saitigen Chapman Stick hat die oben erwähnte Warr Guitar vermutlich geschätzte 50 Saiten. Naja nicht ganz, aber zumindest ist das ein ziemlich fettes Teil, wahrscheinlich war man zu faul (oder zu eitel), um eine Doppelhalsgitarre zu bauen oder hat einfach einen Saitenfabrikant geheiratet (und damit meine ich nicht die Wurst!). Zum Bedienen der Gitarre benötigt man übrigens einen Babytragegurt. Ich meine, wie stimmt man bitte so ein Ding äh Instrument in weniger als 15 Minuten – selbst wenn die Hälfte Midi ist? Die Léode ist also nicht sooo weit davon entfernt ;)

Von links nach rechts, nur zwei echte Brüder: Claude Lazuli (Leonetti), Gédéric Lazuli (Byar), Dominique Lazuli (Leonetti), Frédéric Lazuli (Juan), Yohan Lazuli (Simeon), Sylvain Lazuli (Bayol)

Von links nach rechts, nur zwei echte Brüder: Claude Lazuli (Leonetti), Gédéric Lazuli (Byar), Dominique Lazuli (Leonetti), Frédéric Lazuli (Juan), Yohan Lazuli (Simeon), Sylvain Lazuli (Bayol)

Auch wenn das Booklet von Réponse incongrue à l’inéluctable vielleicht etwas anderes vermuten lässt: bei Lazuli sind nicht alle miteinander verwandt. Hier haben wir es mit einem hübschen Digipack inkl. 12seitigem schwarz-weiß-Booklet zu tun. Aber ob das alles klimaneutral produziert ist? [Für die Inhaltsschweren: Das Karussel symbolisiert die immer wiederkehrenden Probleme des alltäglichen Lebens, aufgenommen als Zitat der kindlichen Psyche, alleingelassen in Raum und Zeit, die eindrücklichen s/w-Portraits stehen für die Gleichheit des Individuums blabla] Ja, auf jeden Fall schon schöner als beim letzten Kandidaten und gestalterisch passend umgesetzt.

Lazuli – Réponse incongrue à l’inéluctable
Release: 2009

Besetzung (seit Gründung so gut wie keine Veränderung!):
Dominique Leonetti (voc/electric git/12 string git)
Claude Leonetti (Léode*)
Sylvain Bayol (Chapman stick/Warr Guitar)
Gédéric Byar (git)
Frédéric Juan (marimba/vibes/perc)
Yohan Simeon (perc/ marimba/métalophone)

Lazuli im Web
Lazuli bei MySpace
Bandinfo bei progarchives
Wikipedia (spärlicher Eintrag)
Weitere Kritiken auf den Babyblauen Seiten

Termine:
8. November 2009, Galileo Prog Day, Pratteln (nahe Basel), Schweiz
29. November 2009, Venue De Pul/Uden (Niederlande, irgendwo zwischen Eindhoven und Nijmegen)

*Die Léode im Einsatz:

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: