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Eintönig statt intellektuell

13. August 2009

Ehekrach
Der erste Krach? Thorstens Reaktion auf die aktuelle Review von My Latest Novel & Ben Lee.

Wie? Ehe? Hab ich was verpasst? Na, und solange mit Tellern geschmissen wird und nicht mit meinen Vinylplatten (jaaa, ich hab noch so Dinger!) soll’s mir recht sein ;-)

Aber die Fragen gehen weiter. Eddie Vedder? Michael Stipe? Ich denke mal, wenn Michael Stipe, Brian Molko oder Billy Corgan die Songs gesungen hätten, hätten sie mich schon mehr gepackt.

Denn leider hat mich Deaths & Entrances von My Latest Novel doch recht kalt gelassen. Hach ja. Irgendwie hab ich beim ersten Hören von dem Album ziemlich schnell innerlich abgeschaltet. Kam auch irgendwie nix, was meine Aufmerksamkeit erregt hätte. Mir ging die Eintönigkeit dann doch recht schnell auf den Keks, und meine Konzentration hat sich verkrümelt.

Doch selbstverständlich habe ich mich noch mal hingesetzt und das Album gezielt durchgestan…äh…durchgehört. Spass beiseite, ich muss sagen, dass mich dieser zweite Durchgang durchaus milder gestimmt hat. Aber der sprichwörtliche »Flash« blieb leider immer noch aus.

Ich finde den krach-mässigen Einstieg des Albums sogar gut. Leider kann die Platte das »Versprochene« im weiteren Verlauf nicht so recht halten. Von der ganzen Musik habe ich nach dem Hören zwar ein paar wenige Hooks im Ohr, aber an einen ganzen Song könnte ich mich nicht erinnern. Vielleicht ist die »Eintönigkeit« ja Konzept in Verbindung mit dem Text, aber das reicht mir leider nicht.

Ich gebe zu, dass ich mich bei keinem Hördurchgang richtig mit dem Booklet hingesetzt und parallel dazu mit der Lyrik auseinandergesetzt habe. Da es sich aber um Musik handelt, denke ich, kann ich mir ruhig die Freiheit nehmen, die Platte einfach so auf mich wirken zu lassen. Ich glaube schon, dass Deveney mir etwas sagen will, aber so wie er es tut, kommt es gar nicht bei mir an. Ich glaube ihm nicht so recht. Mag sein, dass das Timbre etwas einem tiefergelegten Michael Stipe ähnelt, aber leider halt ohne dessen Charisma oder Leidenschaft. An der Leidenschaft könnte Deveney aber allemal arbeiten. Sollte er auch. Ein Stimmwunder, wie es Jule hier eher nerven würde, brauche ich nicht mal. Aber ich hätte gerne jemanden, der mich berührt und bei dem ich merke, dass es aus seinem Innersten kommt.

Ehekrach - My Latest Novel in der Kritik

Ehekrach - My Latest Novel in der Kritik

Irgendwie klingt mir die ganze Band nach angezogener Handbremse. Nicht nur bei Frontmann Deveney vermisse ich »Feuer«, sondern auch beim Rest der Band. Zugegeben, ein etwas arg übler Vergleich, aber teilweise erinnerte es mich an Musikvereinsmitglieder, die eine Rocknummer spielen sollten. Jahaa, das war jetzt sehr böse und vielleicht etwas überzogen, aber ich denke es ist klar, was ich meine. Oft sass ich im Sessel und dachte mir: Mensch, Leute, dranbleiben! Dranbleiben! Und hätte sie am liebsten in den Hintern getreten.

Bei der Violine habe ich mich auch oft gefragt: was sägt die da so die ganze Zeit in der Gegend herum? Die Geige ist einfach – solo eingesetzt – ein sehr durchsetzungsfähiges Instrument. Ich hätte sie mir mehr eingebettet und oft auch sparsamer eingesetzt gewünscht. Doch generell sind die Arrangements bei Deaths & Entrances oft so vollgepackt mit unterschiedlichen Stimmen und Linien, dass sie mir manchmal eher gegeneinander zu kämpfen scheinen als ein harmonisches Ganzes zu geben. Da mäandern Instrumental- und Vokallinien zahllos durch die Gegend und verwirren mich als Hörer. Halt leider nicht positiv, wie es ja durchaus konzeptmässig auch mal gewollt sein kann. Hier klingt es für mich mehr nach aufräumungsbedürftiger Unordnung.

Satzgesang. Ich bin ein regelrechter Fan von gutem Satzgesang. Wenn ich da alleine an die Elton John-Alben denke, die unter der Regie des unvergessenen Gus Dudgeon entstanden sind *schwärm* Ab und zu funktioniert der Satzgesang bei Deaths & Entrances recht gut, er ist ja auch nicht wirklich schlecht, aber die meiste Zeit klingt es für mich als wenn eine Band mal festhält, wie die Chorsätze dann mal klingen sollen. Live ist das ok, aber auf einer Studioaufnahme will ich das dann doch ein bisschen feiner haben. Wenn Laura McFarlane ihre Stimme mit einbringt, wird der Satzgesang – und das sage ich nicht nur deshalb, weil sie dann mal die Finger vom Katzendarm lässt – deutlich aufgewertet. Nein, ihr Timbre ist in jedem Fall ein Gewinn. Wenn die Deveney-Brüder alleine singen, wirkt es für mich oft leider so, als ob sie regelrecht gegeneinander singen oder zumindest jeder für sich.

Soundmäßig kann man dem Album zumindest zugute halten, dass es sich mal nicht am loudness war beteiligt. Andererseits frage ich mich, ob das Album überhaupt gemastert wurde. Und auch der Mix an sich ist mir zu diffus und uninspiriert. Hätte man viel besser machen können. Und sollen.

Ich habe nämlich nichts gegen rauhe, ungeschliffene Alben. Im Gegenteil, je nach Material muss es sogar rau und ungeschliffen sein, da sind mir manche Alben sogar zu glatt! Ich bin auch sehr interessiert an Demoversionen von Songs, die ich vorher nur »fertig« kannte. Oftmals sagte mir die gestrippte So-in-etwa-Version fast mehr zu wie das…äh…»Original«. Dieses bewusste »Workshop-Feeling« kann man Deaths & Entrances aber nicht zugute halten. Dafür ist das Album eindeutig zu ambitioniert, hat zu viele Sound- und Arragementgimmicks, die leider irgendwie ins Leere laufen oder schlicht untergehen im Getümmel. Dei einfach nicht so richtig zur Geltung kommen. Schade.

Die letzten beiden Songs haben mich allerdings mit My Latest Novel versöhnt. Warum nicht das ganze Album so? Herrgott noch mal! Der Sound stimmt hier zwar immer noch nicht, aber ich habe endlich das Gefühl, dass hier Musik mit Seele gemacht wird, dass nicht einfach nur gespielt, sondern erschaffen wird! Mehr davon! Ihr könnt also doch!

Das Album hat schon Momente, die richtig groß sein könnten – ganz »erwachsen« werden hat man sie aber halt leider nicht lassen. Da hätte man den »Eltern« schon noch mehr eine helfende Hand zur Seite stellen müssen.

Schade, denn sooo schlecht ist das Grundmaterial ja wirklich nicht, auch wenn mir nach dem Hören allenfalls zwei Hooks im Ohr hängen bleiben. Ich will die Platte auch nicht runtermachen. Gerade arrangementmässig war man hier offenbar sehr kreativ. Es scheint nur jemand zu fehlen, der das ganze kanalisiert, bündelt und den Jungs und der Dame ab und zu mal ein bisschen Feuer unterm Arsch macht. Im positiven Sinne, also ihnen hilft, mehr aus sich heraus zu kommen. Und jemand, der dafür sorgt, dass das Album auch ein adäquates Soundgewand bekommt. Am liebsten würde ich mich in den Produzentensessel schwingen und sagen: kommt Leute, jetzt machen wir aus dem Demo mal ein Album. Und Herrn Deveney helfen, mal ein bisschen mehr das Feuer in sich zu entdecken.

Und außerdem – wer Monty Python mag, der hat bei mir sowieso per se einen Pluspunkt!

Zu Ben Lee und seinem Album The Rebirth of Venus will ich gar nicht viele Worte verlieren, denn da gehe ich mit Jule’s Ansichten wieder völlig einher. Meine erste Assoziation war: cooler, entspannter hippiesker Surfsound – und offenbar lag ich damit gar nicht so falsch. Wer wie ich nicht mehr als maximal drei Jack Johnson-Songs am Stück durchsteht und da schon das Gefühl hat, er hätte mindestens dreissig Alben von ihm in einer Reihe gehört (sofern noch wach), dem mag ich Ben Lee sehr gerne empfehlen. Ich werde mich jedenfalls mal umhören, was er auf den sechs bisherigen Alben so getrieben hat.

©Bild Fernseher: istockphoto.com/Bild Band © unbekannt

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