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Bestimmt kein Retalin

28. Juli 2009

Riverside - Anno Domini High DefinitionDie polnischen Progger Riverside lassen es bei Anno Domini High Definition ganz schön krachen.

Nach ihrer Trilogie und einem Soloausbruch von Sänger und Bassist Mariusz Duda (der jetzt zum Glück wieder lange Haare hat) kehren Riverside schon beim ersten Song gewaltig und vielklangig zurück. Da wird mal eben eine hübsche Breitseite Keyboardsounds ausgepackt, von laut bis leise, von melancholisch bis aggressiv geht’s zur Sache. Beim ersten Anhören weiß man schon, dass das kein lauschiger Spaziergang an der Weichsel wird. Eröffnet wird das mit 44.44 sekundengenau abgestimmte Werk mit »Hyperactive« und einem, nennen wir es mal, Erzähl-Opa-Klavier. Da lässt man sich in Progkreisen ja hübsch Zeit, bevor man glaubt, die Lautsprecher haben nach etwas mehr als 1 Minute Riverside schon aufgegeben. Und dann aber mit Karacho: mit Orgel und Porcupine Tree-Keys-Flächen ab in die erste Strophe. Ernsthaft, als ich die Keys im Stil von Barbieri das erste Mal gehört habe, dachte ich »Nein, bitte nicht noch eine Band mit denselben Sounds«. Der PT-Virus hat nicht nur in Europa heftig um sich gegriffen und einige Musiker infiziert. Aber keine Sorge, wir werden hier ganz andere Begleiter auf dem Weg finden ;).

Riverside - Progband aus Polen

Riverside - die Progband aus Polen von links nach rechts: Piotr Grudziński (git), Mariusz Duda (b, voc), Michał Łapaj (key) und Piotr Kozieradzki (dr)

Was mir leider von Anbeginn (wieder) nicht gefällt, sind die Shoutings von Duda, aber da bin ich sowieso etwas empfindlich. Der Bass treibt die Band an, ist prima ins Gesamtgefüge gemischt, und die Keyboardsounds werden insbesondere den älteren Zuhörern gut gefallen ;). Die Gitarren sind fett, aber nicht zu kaputt oder breiig, klingt alles ganz gut hier und stark danach, dass die Jungs sowohl einen guten Produzenten hatten und es außerdem verstehen, schön zurück zu battlen nach Fear of  blank Planet von PT.

Mit »Driven to Destruction« darf sich Mariusz Duda wahrscheinlich live erstmal einposen, ich find diesen Effekt auf dem Bass aber richtig geil. Erstaunlich finde ich bei Duda, dass er – obwohl er Sänger ist – nie überkandidelt Bass spielt, sondern dann begleitet wenn mehr zuviel wäre, und es versteht, präsent zu sein wenn man ihn braucht. Auch die Vielseitigkeit des Gitarristen Piotr Grudziński überzeugt (nicht nur soundmäßig). Von böse bis schön beherrscht er die ganze Palette – Sauerei. Das kann er bei diesem Stück auch wirklich gut zeigen. Den Jungs scheinen die Ideen nicht auszugehen, im Gegenteil, es klingt ein wenig nach Trilogie-Befreiungsschlag und »yippee, lasst uns die Schweineorgel zelebrieren« beim Keyboarder Michał Łapaj. Das sind absolute Old-School-Sounds, aber sch…egal. Die Scheibe wird den Herren sicherlich auch live eine Menge Spaß machen. Die Riffs erinnern hier und da stark an PT, aber das Schöne ist, dass man sich dabei fragt: Komisch, dass Wilson da noch nicht draufgekommen ist. Ja, und jetzt Schluss mit den Steven-Wilson-ist-ein-Gott-Vergleichen.

Der 3. Song ist ein Dreiteiler, da steckt bei diesem Album offensichtlich auch hier ein numerologisches Konzept dahinter. Neben Rush-ähnlichen Passagen wird der geneigte Hörer bei den hübsche Bläsern vielleicht etwas stutzen – man hat das Gefühl, die Jungs hätten zuviel Progjazz oder Funk gehört (Gitarrist und Schlagzeuger geben in ihrer Bio ja auch an, dass sie beide gern Seal hören) – aber es passt. Und Chapeau für den Übergang zur folgenden Pink Floyd-Stimmung. Fantastisch! Da stört mich auch der 80er-Sound vom Keyboard beim dritten Durchhören nicht mehr (ist ja auch ein Dreiteiler, so nun hätte ich diesen Kalauer auch bemüht). Kraftvolle Klänge, schnelle Rhythmik, die Jungs haben es einfach drauf, der Bass spielt einen da zwischendurch doch etwas schwindelig. Danach kann man sich kurz bei »Left Out« erholen und zurücklehnen – emotionale Tiefe, schöne Passagen. Steigerungen, wo man denkt, es gibt keine mehr. Abgesehen davon hübsche Deep Purple-Orgel ohne rot zu werden, schöne Melodien mit kraftvollem Bass und immer wieder zurück ins Gitarrenthema (dafür könnt ich Piotr Nr. 1 echt knutschen), herrlich, da geht die Sonne auf. Vielleicht mag ich die Nummer außerdem besonders gern, weil Duda da nicht so in der Gegend rumbrüllt (bis auf ein paar kurze Ausnahmen).

Riverside - Anno Domini High Definition

Riverside - Anno Domini High Definition

Einige prog-wichtige Anmerkungen zum Inhalt: Anno Domini High Definiton, abgekürzt ADHD (was übersetzt für das ADHS-Syndrom steht), spiegelt unsere schnelllebige (jetzt mit drei »l«, passend zum Album) Zeit wieder und das aus dem Blickwinkel eines hyperaktiven Akteurs. Die Polen spielen mit den steten Schwankungen dieser Gefühlswelt von übertrieben hart, gehetzt und schnell bis soft und fast ausgegrenzt, nicht auf dieser Welt; eine gelungene Interpretation des Themas. Den Text versteht man meist recht gut (auch wenn der englische Akzent von Duda deutlich nicht der eines Native Speakers ist), aber Nachlesen schadet nicht, allein um die Dimension des Gesamtkonzepts besser zu verstehen. Sehr interessant übrigens das Entstehungs-Blog von ADHD (siehe Links unten).

Insgesamt überzeugend ist das Album vor allem nach dem dritten oder vierten Gehörgangdurchlauf. Ich hab es etwa 2 Wochen immer auf dem Weg zur Arbeit gehört und es gefällt mir wirklich jedes Mal besser, hat also ähnliche Qualitäten wie das erwähnte Fear of blank Planet. Gespickt ist der Sound mit Erinnerungsstücken an bekannte Bands aus dem Metal-, Rock- und Proggenre. Aber alles so wohltemperiert, dass es eigenständig bleibt und einem wirklich nicht langweilig wird beim Zuhören. Beispiel hierfür der Schlusspunkt des Albums »Hybrid Times«, mit einem Groove am Ende, den man eher bei Massive Attack erwartet hätte.

Hier ein Krümelchen davon, dort ein Spritzer hiervon und hinterher guuuut durchgezogen. Anno Domini High Definition ist nach der Trilogie der letzten Alben ein Einzelgänger im besten Sinne. Die Band schafft es ihren typischen Sound aufblitzen zu lassen und trotzdem einen Schritt weiter zu gehen bzw. ein wenig die Richtung zu ändern (und gegen PT »anzustinken«). Hoffentlich gibt es Riverside (abgesehen von dem vergangenen Loreley-Gig) bald wieder bei uns zu sehen.

Riverside – Anno Domini High Definition
Release: 2009-06-15 (Poland), 2009-07-06 (Europe), 2009-07-28 (North America)
Label: Mystic Production (MYSTCD 081, MYSTCD 096), Inside Out

Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Riverside_(Band)
MySpace: www.myspace.com/riversidepl
Website: http://www.riverside.art.pl/
Blog: http://www.annodominihighdefinition.com

aufgenommen bei: http://www.myspace.com/studio_x_pl

PS: Trotz des 20jährigen Jubiläums habe ich mich gegen die Überschrift »Es ist nicht Die da, sondern Duda« entschieden…

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