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MHvsRS? WTF??

21. Juli 2009

Maia HirasawaJa, ich gebe es zu, es scheint so zu sein: Ich habe wohl ein Faible für Damen am Klavier. Wer mich kennt, weiß um meine Verehrung für Amanda Palmer – doch meine erste Empfehlung auf dem Lauschsofa wird sich nicht ihr widmen… (höre ich hier etwa Erleichterung? Wartet’s ab, das kommt schon noch…), sondern einer schwedischen Künstlerin, die ich unlängst zufällig im Web (ja, wo auch sonst *g*) entdeckt habe, und wo ich schon rein von der Präsentation her dachte: DAS könnte mir gefallen. Schon oft habe ich ja Alben rein nach dem Cover gekauft und muss sagen: Abgesehen von ganz wenigen Ausrutschern sind doch einige von diesen Blindverkostungen tatsächlich richtige Lieblingsalben geworden. Deren zukünftiges Erscheinen hier auf dem Lauschsofa möchte ich bei der Gelegenheit schon gleich mal androhen.

Maia Hirasawa ©Johanna Svensson/www.maiahirasawa.com

Maia Hirasawa ©Johanna Svensson/www.maiahirasawa.com

Ich schweife ab. Von wem rede ich denn nun, Herrgott? Die Entdeckung heißt Maia Hirasawa, wie schon gesagt und auch aus dem Namen eindeutig erkennbar, eine junge Künstlerin aus Schweden. Zwei Alben hat sie mittlerweile herausgebracht, das Debut Though, I’m Just Me (2007) sowie das aktuelle Album GBGVSSTHLM, erschienen im März 2009. Fanfare bitte für eine weitere Premiere, denn – man höre und staune – ich habe mit diesen Werken zum ersten mal »Platten« als Downloads erworben. Ich weiß schon, alleine dass ich das Wort »Platte« wähle, spricht Bände. Wie ich aber kürzlich beim futuremusiccamp festgestellt habe (übrigens eine wirklich sehr lohnende Veranstaltung!), gibt es noch andere von meiner Sorte. Ich gebe aber zu, ich habe das auch gemacht, um mich unter den ganzen Digital Natives nicht blamieren zu müssen, noch nie in Eigenerfahrung die neuen Musikvertriebswege genutzt zu haben. Außerdem war es die einfachste Möglichkeit, denn mangels deutschem Label sind Maia’s Plat…ähm…Alben hierzulande nur als Import zu bekommen. Und wie oft schon stieß ich mit meinen seltsamen Anfragen in Musikgeschäften auf ratlose Gesichter… Ihr Debut wurde unlängst jedoch in USA veröffentlicht – ich denke, das wird schon noch.

Positiv überrascht war ich von der Klangqualität der mp3s, aber irgendwie kann ich mich noch nicht dazu durchringen, dafür die Formate WAV oder AIFF ad acta zu legen. Ich empfehle dem geneigten Leser übrigens den Download über den Shop ihres Labels Razzia, denn zumindest GBGVSSTHLM bekommt man dort (im Gegensatz zu anderen Shops) als 320er-Version.

Das ist ja alles schön und gut, aber was ist nun mit der Musik von Frau Hirasawa? Wie klingt es denn nun? Gemach, gemach, ich hab nie gesagt, dass meine Rezensionen leicht zu lesen sein würden – nicht alle kommen durch. Aber wer noch bei mir ist: jetzt kommt’s.

Maia Hirasawa macht im besten Sinne schwedische Popmusik, und damit meine ich jetzt nicht Max-Martin-eske Formatware, sondern eher Musik mit einem »Spirit« à la Cardigans und Co. Daneben finden sich Ausflüge in’s Akustisch-Folkige, auch der ein oder andere Britpopeinschlag ist zu hören. Manche Songs sind allein aufgrund des verwendeten 3/4- bzw. 12/8-Feelings durchaus tanzbar. Also, eher dann so Tanzcafé-mäßig, aber immerhin. Und auch so einiges musicalmäßige findet sich auf der Platte – allerdings nichts »schwülstiges« à la Jim Steinman, mehr so in Richtung »The Producers« bzw. der klassischen amerikanischen Musicals. Klingt doch interessant, oder? [Anmerk. Jule: …und bis hierhin soweit klar, oder? *kicher*]

Selbst hört sie nach eigenen Angaben Musik von Loney Dear und Rufus Wainwright – aber ausdrücklich NICHT Regina Spektor. Einfach deshalb nicht, weil jeder sagen würde, dass sie ähnlich seien. Hm. Ich muss zugeben, irgendwie kam mir die Assoziation auch in den Sinn – im nächsten Augenblick allerdings fragte ich mich: Warum? Denn wie auch Jule meinte: Maia klingt eigentlich doch recht anders als Frau Spektor, irgendwie…unbekümmerter. Freier. Man könnte fast sagen lebensfroher, wenn’s nicht so ein komisches Wort wäre. Wer mir stattdessen von Ausdruck und Attitüde viel eher als Vergleich zu Maia einfällt ist Björk. Und ja, ich sage auch bewusst Amanda Palmer. Wem Frau Palmer zu »heftig« ist, dem mag ich Frau Hirasawa als »Einstieg« gern empfehlen. Und Maia klingt vor allem: Echt. Man glaubt ihr absolut, was sie da macht.

Though, I’m Just Me (2007)Though, I’m Just Me beginnt ganz zart, nur Stimme mit Akustikgitarre, akzentuiert von gelegentlichen Choreinwürfen. Und sofort ist man gefangen und muss Maia einfach zuhören. Überhaupt scheint Though, I’m Just Me ein Album zum Zuhören zu sein. Nicht, dass nicht auch der ein oder andere »Kracher« darauf zu finden wäre (ich empfehle z.B. »And I Found This Boy«), der einen einfach mitreißt, auch beim zweiten Track »Crackers« shufflet es gleich ziemlich fröhlich los, aber insgesamt doch ein Album, für das man sich schon Zeit nehmen sollte – weil einem sonst einfach eine ganze Menge entgehen könnte.

Nämlich wunderschöne Melodien, tolle Hooks, und klasse Arrangements. Auch dafür hat Frau Hirasawa nämlich ein recht ordentliches Händchen. Wir finden Bläser, Akkordeon- und Harmoniumsounds, Solostreicher, auch eine gewisse Vorliebe für Glockenspiele scheint vorhanden zu sein. Hach, wie schön! Es klingt durchaus skandinavisch und erinnert zum einen schon mal an schwedische Volksmusikklänge, zum anderen z.B. an die ungewöhnlichen, aber akustischen Sounds wie eben vom ersten Cardigans-Album. Produziert hat sie beide Alben in Eigenregie, für den Feinschliff im Mix vertraute sie allerdings jeweils Lasse Mårtén, zu dessen Credits neben P!nk und Kelly Clarkson (jahaaa…aber hey – wir sind schließlich in Schweden *g*) auch Primal Scream oder die Backyard Babies gehören. Oder auch Peter, Björn & John (»Young Folks«, wir erinnern uns), deren aktuelles Album er (mit-)produziert hat und das ich mir eigentlich auch schon längst mal anhören wollte. Eine offensichtlich gute Wahl.

Die aktualisierte Extended-Version ihres Debut-Albums wartet übrigens mit ein paar Bonus-Tracks auf, von denen vor allem der letzte besonders heraussticht, eine wirklich – und das meine ich jetzt nicht Biolek-mäßig! – interessante Coverversion von »The Worrying Kind«. Wir erinnern uns, der Titel, mit dem die schwedischen Neo-Glamrocker von The Ark 2006 am Eurovision Song Contest teilnahmen. Maia Hirasawa präsentiert diesen Song wirklich »stripped«, nur Gesang, Klavier und Bläser – und kitzelt mit ihrer Interpretation ganz neue Facetten aus dem alten Kracher. Eine der Coverversionen, die sich unverhohlen lohnen. Weil sie Sinn machen. Toll!

GBGvsSTHLM (2009)Das aktuelle Album mit dem kryptischen Titel GBGVSSTHLM ist eine schlüssige Fortsetzung des ersten Albums. Irgendwie fiel mir sofort das Wort »mehr« ein. Mehr Band, mehr Gitarre, mehr…ach, einfach mehr. Aber auch mehr Luft und Variation im Arrangement. Man könnte auch sagen, es klingt noch größer. Und runder. Auf den ersten Blick mag es etwas glatter klingen, doch der Eindruck täuscht! Nach wie vor gibt es Ecken und Kanten (wie etwa die – vermutlich unbewusste – Sixties-Jerry-Cotton-Referenz im erst recht mainstreamig beginnenden »Wrong Way«), Harmoniewechsel, die überraschen, ungewöhnliche Arrangements und viel Humor. Überhaupt scheint Maia Hirasawa ein sehr witziger Mensch zu sein – diverse Photobeweise auf ihrer Website bestätigen den Eindruck. Allein das Video zu ihrer allerersten Single »And I Found This Boy« ist sehr lustig und machte zu Recht wohl im Web die Runde. Wieso ist das damals nicht schon bei mir angekommen? Skandal! Übrigens, wenn ich mir gerade so die Clips auf ihrer Website ansehe, dann bekomme ich wirklich richtig Lust Maia Hirasawa mal live auf der Bühne zu erleben. Ich bin mir absolut sicher, dass man hier eine Top-Performerin erleben kann.

Aber wir waren noch bei GBGVSSTHLM, dessen seltsamer Titel sich auch mir erst nach etwas Überlegen erschlossen hat (ein Blick auf das erste Album mag bei der Decodierung helfen) Nach einem sehr schönen zarten Duett mit Nicolai Dunger wird spätestens beim darauffolgenden (auch als Single ausgekoppelten) Track »South Again« klar, dass Maia Hirasawa bei allem locker klingenden schwedischen Pop-Appeal durchaus auch den Sticker »Indie/Alternative« verdient. Und im stetigen Wechsel geht es weiter und mit dem fulminanten Schlußtrack »This Is What We Have« (stilecht mit Paukenwirbel eingeläutet) schließlich zu Ende. Und spätestens hier müsste man mir Recht geben, dass Maia Hirasawa wenn schon, dann eher mit Amanda Palmer und Björk als mit Regina Spektor zu vergleichen wäre.

Maia Hirasawa – Though, I’m Just Me
Release: 2007-04-04 (Scandinavia)
Razzia055
The New Edition
Release: 2008-03-17
Razzia077

Maia Hirasawa – GBGVSSTHLM
Release: 2009-03-25
Razzia114

www.maiahirasawa.com
www.razziarecords.se

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